Drohnen-Krieg in der Ukraine – «Wir finden weiterhin Schweizer Komponenten in russischen Waffen»

In den Trümmern russischer Drohnen und Raketen finden die ukrainischen Behörden weiterhin Komponenten von Schweizer Unternehmen. Der Berater für internationale Sanktionen des ukrainischen Präsidenten, Vladyslav Vlasiuk, erklärt, was er von der Schweiz fordert.
Vladyslav Vlasiuk
Ukrainischer Präsidenten-Berater für Sanktionspolitik
Vladyslav Vlasiuk ist ein ukrainischer Jurist und Spezialbeauftragter für Sanktionspolitik des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski. Der 37-Jährige studierte Rechtswissenschaften in Kiew und an der Queen Mary University in London. Vor seiner Tätigkeit im Präsidialamt arbeitete er unter anderem im ukrainischen Justizministerium. Vlasiuk gilt als einer der einflussreichsten Berater Selenskis im Bereich der wirtschaftlichen Kriegsführung gegen Russland.
SRF News: Jede Nacht erlebt die ukrainische Bevölkerung Raketen- und Drohnenangriffe. Wie erleben Sie das?
Vladyslav Vlasiuk: Emotional gesprochen ist das eine Art Lotterie. Jede Person kann irgendwann von einer Drohne oder Rakete getroffen werden. Und noch unglücklicher ist, dass sich viele Menschen inzwischen daran gewöhnt haben.
Exportkontrollen und Sanktionen können einen Unterschied machen.
Wie wichtig sind internationale Elektronik-Komponenten – so genannte «Common High Priority Items» – für russische Waffensysteme?
Neunzig Prozent der russischen Waffen enthalten ausländische Komponenten, hauptsächlich Mikroelektronik. Das zeigt: Der russische militärisch-industrielle Komplex ist nicht so unabhängig, wie er sein möchte. Insgesamt ist das eine Situation, in der Exportkontrollen und Sanktionen wirklich einen Unterschied machen können.
Wie wichtig sind Komponenten von Schweizer Unternehmen für russische Waffensysteme?
Das sind einige der kritischsten Teile. Fachleute, die seit 2022 Trümmer russischer Waffen untersuchen, sagen: 95 Prozent der russischen Drohnen und Raketen enthalten Teile von einem Schweizer Unternehmen – hauptsächlich von STMicroelectronics und U-Blox. Sie werden in fast jeder einzelnen russischen Waffe gefunden.
Was fordern Sie von der Schweizer Regierung?
Wir haben viel mit der Schweizer Regierung gesprochen und sie gedrängt, die Strafverfolgungsbehörden und die Exportkontrollbehörde stärker einzubinden. Die Antworten waren nicht ausreichend. Wir finden weiterhin Schweizer Komponenten in russischen Waffen – im September und Oktober wieder.
Der Schweizer Bundesrat sagt, er tue alles, damit Unternehmen ihre Lieferketten kontrollieren. Er weist darauf hin, dass Produktion und Lieferungen nicht aus der Schweiz kommen.
Ich respektiere die Schweizer Regierung für alles, was sie für die Ukraine tut. Aber diese Antwort wäre 2023 gut gewesen – nicht 2026. Die Sanktionsregime haben sich weiterentwickelt, auch Russlands Fähigkeit zur Umgehung. Man kann nicht bei der Logik bleiben: Es gibt keine Produktionsstätten in der Schweiz, wir exportieren nicht in Drittländer. Das reicht nicht.
Theoretisch können moderne russische Drohnen bis in die Schweiz fliegen.
Die von Ihnen genannten Unternehmen sagen, sie würden sich an die Sanktionen halten und seit 2022 keine Geschäfte mehr mit Russland machen.
Wir haben mit vielen Regierungen und Herstellern zusammengearbeitet. Zum Beispiel gibt es ein niederländisches Unternehmen namens NXP. Das war sogar noch bekannter, in negativer Hinsicht. Im Jahr 2026 findet man fast keine Teile dieser Firma mehr. Wenn man hart arbeitet, kann man wirklich einen Unterschied machen. Das ist bei den Schweizer Unternehmen leider nicht der Fall.
SRF News: Internationale Untersuchungen zeigen, dass Vertriebsnetzwerke in China die Elektronikteile nach Russland weiterleiten. Ist China das Hauptproblem?
Vladyslav Vlasiuk: China ist sicherlich ein Problem. Die chinesische Exportbehörde hat angeblich Änderungen an ihren Vorschriften angekündigt. Ich bin noch nicht überzeugt, ob das wirklich wirkt. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Viele Elektronik-Komponenten in russischen Waffen stammen aus den USA. Üben Sie auch Druck auf die USA aus?
Die besten Mikrochips sind nach wie vor amerikanische Mikrochips. Wir arbeiten ständig mit der US-Regierung zusammen, damit Russland nicht an diese Chips herankommt. Trotzdem ist das Problem real: Bei ballistischen Raketen ist der Anteil amerikanischer Mikrochips enorm hoch.
Warum liegt es im Interesse Europas, der ganzen Welt, die Lieferungen von Mikroelektronik-Teilen nach Russland zu stoppen?
Zunächst, um den Terror gegen die Zivilbevölkerung zu stoppen. Und theoretisch können moderne russische Drohnen bis in die Schweiz fliegen. Ich wünsche mir, dass das nie passiert. Es liegt also im Interesse aller vernünftigen Länder, diese Lieferungen zu stoppen – einschliesslich der Schweiz.
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