Fahrradwerkstatt als Begegnungsort: „Das ist meine Therapie“

Jeden Dienstag repariert Al Kassem Saleem Räder in der Berliner Werkstatt ReCycle. Über einen Ort, wo Menschen sich begegnen und gegenseitig unterstützen.
Foto: Stefanie Loos
Noch ist nicht viel los im Hinterhof des Nachbarschaftshauses Urbanstraße in Berlin-Kreuzberg. Zwei schwarze Plastikraben blicken vom Dach der Fahrradwerkstatt ReCycle, die sich in einer kleinen Garage befindet. Es ist früher Nachmittag, das Garagentor steht offen. Bunte Sticker verschiedener Bürgerrechts- und Kiez-Initiativen zieren den Eingang. Von der Decke hängt etwas schief in großen gelben Lettern „Lernwerkstatt“. Vor der Garage steht eine Fahrradbesitzer*in, deren Lenker Probleme macht. Al Kassem Saleem bietet ihr an, das Fahrrad dazulassen, einen Kaffee trinken zu gehen und später wiederzukommen. Er wird es sich in der Zwischenzeit anschauen.
Al Kassem hat die Selbsthilfe-Werkstatt 2018 ins Leben gerufen. Es ist sein drittes Projekt dieser Art. Angefangen hat er mit seinem Engagement vor fast 11 Jahren im Hanger1, einer Notunterkunft für Geflüchtete auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Al Kassem, der aus Syrien geflüchtet ist, war 2015 einer der Bewohnenden. Viel konnte er dort nicht machen, arbeiten durfte er nicht. Er wollte aber etwas tun, nicht einfach nur warten. Also richtete er in einem Nebenraum des Hangars eine Art Café ein, einen Ort, an dem Menschen Kaffee trinken und miteinander ins Gespräch kommen konnten. „Das mit den Fahrrädern war Zufall“, erinnert er sich. Eines Tages kam jemand im Café vorbei und spendete ein paar Fahrräder.
Die Menschen vor Ort konnten die Räder ausleihen und sich damit ein kleines Stück freier bewegen, andere Orte sehen. Doch oft, wenn sie die Räder zurückbrachten, war etwas kaputt, erzählt Al Kassem. Also machte er sich selbst an die Reparatur. Zu Beginn war dies vor allem ein Ausprobieren, ausgestattet lediglich mit Schraubenzieher und Zange. Mit der Zeit kam mehr Werkzeug dazu, das meiste davon geschenkt und auf Flohmärkten zusammengesucht. Das Reparieren bringt Al Kassem sich selber bei, probiert so lange, bis sich das Problem beheben lässt. „Ich suche immer eine Lösung“, sagt er.
Und wenn er einmal keine finden kann? „Dann gibt's eine andere Lösung!“, lacht er und hält ein kaputtes Vorderlicht hoch. Wie dieses sind die meisten Radteile in der Garage hier beschädigt oder kaputt. Doch was auf den ersten Blick unbrauchbar scheint, kann Al Kassem wiederverwenden, repariert die Teile oder nutzt einzelne Komponenten. So muss kaum etwas weggeworfen und so müssen keine neuen Ersatzteile gekauft werden.
Ein bisschen chaotisch und gleichzeitig gut sortiert
Am Anfang war da ein Samen und dann ist immer mehr und mehr daraus gewachsen
Al Kassem Saleem
Die Garage ist vollgeräumt mit gesammelten Radteilen. Ein Haufen Schläuche liegt auf dem Boden, daneben ein Stapel Schutzblechstreben. In einer Kiste sind rote Rücklichter, in einer anderen weiße Vorderlichter. In den Regalen und Schubladen gibt es Kettenblätter, Lenker, Speichen, Klingeln, Schlösser. Es wirkt ein bisschen chaotisch und gleichzeitig ist alles gut sortiert. Auf dem Hof gibt es drei Lager mit Fahrrädern, die Al Kassem von der Straße rettet oder Menschen als Spende vorbeibringen.
Foto: Stefanie Loos
Bis 2018 bestand die Fahrradwerkstatt in Hangar1, ebenso ein zweites Projekt in der „Gärtnerei“ im Kulturzentrum „Schlesische 27“. Die Werkstatt hier in der Urbanstraße hat jeden Dienstagnachmittag für drei Stunden geöffnet. Das Nachbarschaftshaus stellt die Garage zur Verfügung, kauft gelegentlich Werkzeug und Ersatzteile und bemüht sich um Fördermittel für ReCycle. Das Angebot basiert auf dem ehrenamtlichen Engagement von Al Kassem und anderen Freiwilligen und ist kostenlos – Spenden sind willkommen.
Nach und nach treffen immer mehr Menschen ein. Mit und ohne Räder. Viele kennen sich und den Ort, einige sind zum ersten Mal da. Beim Blick über den Hof zeigen sich unterschiedliche Szenen: Hier schrauben zwei Helfer*innen gemeinsam an einem Rad, dort sitzt eine kleine Gruppe zusammen, raucht und quatscht. Jemand hat Getränke mitgebracht, jemand anderes Kaffee und Waffeln aus dem Café im Nachbarschaftshaus. Es wird geteilt mit allen, die da sind. Eine Person, die ein Fahrrad gesucht hat, ist fündig geworden und repariert es nun mit Unterstützung. Eine Frau mit Einkaufsroller begrüßt Al Kassem und holt Gemüse heraus, das sie für ihn mitgebracht hat. „Bester Mensch der Welt“, sagt Al Kassem über sie.
Al Kassem spricht oft von anderen Menschen – von Alex und Jona, die mit ihm das Projekt tragen, von Freund*innen, Familie und anderen Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise einbringen und die Werkstatt unterstützen. „Am Anfang war da ein Samen und dann ist immer mehr und mehr daraus gewachsen.“
„Ich gebe, was ich brauche“
Eine der Personen, die heute mithelfen, ist Buruoj. Sie war schon öfters hier, kam über Freunde zu dem Ort. Vom Fahrradreparieren hatte sie vorher keine Ahnung. Sie kam wieder, weil alle so herzlich zu ihr waren. „Ein bisschen wie eine Familie“, sagt sie. Der Ort erinnert sie an Nachbarschaftshäuser, wie die, die sie aus Palästina kennt. „Das fehlt in Berlin noch viel. So ein Ort, wo Menschen zusammenkommen.“
Es ist 17.30 Uhr, über eine Musikbox klingt die Stimme der libanesischen Sängerin Fairuz. Der Werkstattbetrieb ist weiterhin in vollem Gang, mittendrin Al Kassem, der mal hier, mal dort unterstützt. Immer wieder tauchen Kinder im Hof auf – jedes Mal lässt Al Kassem alles stehen und liegen. „Einen Moment, bitte“, sagt er, nimmt eine der griffbereit liegenden Schokoriegelpackungen und läuft zu Kindern. „Hallöchen. Wie gehts? Wie war dein Tag?“, begrüßt er sie, in der Hocke sitzend, die Schokolade hinterm Rücken versteckt. Fast alle Kinder kennen ihn und wissen, dass es jetzt Schokolade gibt. Aber es geht nicht nur darum, sagt Al Kassem. Ihm ist es wichtig, den Kindern zu zeigen, dass er sie wahrnimmt, ihnen zuhört.
„Ich gebe, was ich brauche“, betont er immer wieder und meint damit, dass diese Arbeit ihm ein gutes Gefühl schenkt. Der Dienstag hier ist sein „Lieblingstag“, und obwohl die Werkstatt eigentlich nur bis 18 Uhr offen ist, brennt das Licht in der Garage noch sehr viel länger. Nicht selten bleibt Al Kassem bis zum nächsten Morgen. „Das ist meine Therapie. Hier kann ich machen, was ich möchte. Das gibt mir Ruhe.“
Anmerkung der Redaktion: In Absprache und auf Wunsch einiger Beteiligter wurde überwiegend auf die Nennung der Nachnamen verzichtet.
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