Frauen retten die SPD: Alternative zu Arschgeigen

Männer haben die Volksparteien abgewirtschaftet, lebenserfahrene Frauen könnten sie wieder aufbauen. Oder besser gleich ganz eine Partei übernehmen.
H ätte ich mir vorstellen können, dass ich mal Mitleid mit der CDU haben würde? Dass ich, weit überraschender, ihren Niedergang mit Sorge betrachten würde? Natürlich nicht. Die CDU stand in meinem Leben für die, zu denen man Abstand suchte. Und selbst der Umstand, dass sie Frauen* in ihren Reihen hat, machte die Partei nicht besser. Im Gegenteil. Bis auf Rita Süssmuth und eventuell drei andere schienen diese Frauen* das Vorrecht der Männer auf die Ausgestaltung der Welt akzeptiert zu haben. Ihr Handeln orientierte sich an deren Vorgaben. Ex-Kanzlerin Angela Merkel machte da keine Ausnahme. Allein ihre Überlegenheit machte den Unterschied.
Anders die SPD. Etliche Sozialdemokratinnen* hatten maßgebliche gesellschaftliche Entwicklungen initiiert und vorangebracht, das Recht auf Abtreibung und körperliche Selbstbestimmung verteidigt, Gleichstellung gefordert. Ihr Denken und Handeln machte an der Grenzziehung ihrer Parteigenossen nicht halt. Selbst die FDP hatte fortschrittlichere Frauen* als die CDU, dort wurde aber auch sehr früh das Internet verstanden.
Politik, die sich jetzt rächt
Was diese drei Pfeiler der Demokratie in diesen Tagen eint, ist der Umstand, dass die Frauen* in der Führung so wenig zu melden hatten, dass die Jungs eine Politik verfolgen und umsetzen konnten, die sich jetzt rächt. Und zu Vergeltungsgelüsten innerhalb der Bevölkerung führt, dass diese sogar bereit ist, die Lektionen der Geschichte und die Vergehen ihrer Vorfahren zu vergessen und sich den Demokratiefeinden in die Arme zu werfen.
Denn anders als die Herren auf den Posten mussten wir durch die Scheiße durch.
Weil auf die Linke als Gegengewicht nicht wirklich Verlass ist und die Grünen, ja, was eigentlich tun?, ist die SPD in ihrem Kern – in Besinnung auf ihre Werte und in der Tradition wagemutiger Sozis – wie geschaffen, den Rechten das Wasser der Zustimmung abzugraben. Wie kann das gelingen? Wie kann eine Partei, die wie die CDU mitunter an der Fünfprozenthürde kratzt und bei 9 Prozent Zustimmung aufatmet, zu Größe und Kraft kommen? Wie schafft sie es, eine Alternative zu den Arschgeigen zu werden? Die Antwort ist einfach: Wir Frauen* entern sie, wir lebenserfahrenen Frauen*.
Die Idee: Fach- und sachverständige Frauen*, unabhängig von Parteizugehörigkeit und der Frage, ob sie die SPD wählen, übernehmen den Laden. Alle Männer werden aus allen Ämtern und Posten für fünf bis zehn Jahre rausgeschmissen und durch lösungsorientierte Frauen* ersetzt. Fachfrauen* aus allen Bereichen des Lebens: Städteplanung, IT-Sicherheit, Finanzen, Migration, Landwirtschaft, Rüstung, Pflege, Außenpolitik, Arbeitnehmerinnenschutz. Wir lebenserfahrene Frauen* können das. Gerade wir bringen mit, was pragmatische Problemlösung ausmacht.
Unsere Expertise ist eine mehrfache
Denn anders als die Herren auf den Posten mussten wir durch die Scheiße durch. Wir haben einen Alltag, ein Leben deichseln müssen, das gespickt war mit dem, was man heute als dringend veränderungsbedürftig erkannt hat: eine Gesellschaft, deren Strukturen für männliche Bedürfnisse ausgelegt ist. Wenn wir Expertinnen für Biotechnologie, Finanzen, Lebensmittelsicherheit, Darmkrebs, frühkindliche Prägung sind, dann ist unsere Expertise eine mehrfache. Anders als die der männlichen Kollegen ist sie nicht im hohlen Raum der Konzentration aufs Fach erarbeitet, weil in den meisten Fällen zeitgleich eine Familie gemanagt werden musste. Obendrein müssen Frauen* für die fachliche Anerkennung doppelt so viel leisten wie Menschen, die mit einem Penis geboren wurden.
Gerade wenn wir Kinder großgezogen haben, haben wir gelernt, Situationen augenblicklich zu erfassen, schnell und entschieden zu reagieren und Verantwortung zu übernehmen. Wir brauchen nicht die Beteiligung fünf weniger kompetenter Personen an der Entscheidungsfindung und müssen auch keine drei Teams-Sitzungen abwarten, um zu wissen, was Sache ist. Wir bringen mit, was anderen fehlt: Ich-Stärke und die Bereitschaft zum Handeln. In einer Arbeitswelt, in der sich alle wegducken, sind wir bereit, zu sagen: „Wir probieren das jetzt aus, ich nehme das auf meine Kappe!“
Warum wir uns das trauen? Weil wir wenig zu verlieren haben. Wir haben unseren Stand erarbeitet, kennen uns aus und müssen wenig fürchten. Beruflicher Aufstieg, den wir uns mit 58 verbauen? Gehaltskürzung? Wohl kaum. Nein, die meisten von uns stehen selbstsicher und gesichert da. Und sie wollen sich einbringen. Endlich ihre Expertise unter Beweis stellen und diese von den Männern in die Scheiße gerittene Welt, dieses von Miesepetern kleingeschimpfte Land dahin bringen, wo Frauen* es sehen: ein Land für alle.
Nicht eines für Männer und ihre Bedürfnisse, sondern eines, das sich am Wohl aller orientiert. Für das das Wohl der Gemeinschaft die Maßgabe ist und nicht eines, in dem Menschen, die nicht männlich und möglichst weiß sind, das nervige Hindernis. Der Stein am Hals der Selbstherrlichkeit, der mitgeschleppt werden muss.
Eitle Männer haben die SPD abgewirtschaftet
Natürlich könnte man sagen, es ist das Trümmerfrauenprinzip. Frauen* dürfen ran, wenn Männer nicht mehr können, Frauen räumen auf, was Männer abgewrackt haben. Ja, so kann man das sehen – und nicht handeln. Aus Prinzip, denn wir wollen ja nicht die Doofen sein. Wir können aber auch einfach die Gelegenheit ergreifen, unsere Schlauheit zeigen. Endlich machen, statt auf Gnade zu hoffen, am Randes des Tisches dabeizusitzen.
Mit und seit Gerhard Schröder haben eitle Männer die SPD abgewirtschaftet und ihr als ewiger Koalitionspartner das Profil abgeschliffen. Die alte Tante liegt am Boden. Holen wir das Riechsalz weiblichen Potenzials 47+, befreien sie von männlicher Denke und machen sie zukunftsfähig. Allein, sie für Frauen und queere Menschen attraktiv zu machen, reicht locker aus, sie in einen Prozentbereich zu bringen, der deutlich höher liegen wird als die Sumpfebene, in die Männer sie geführt haben. Und für alle, die jetzt das Heulen kriegen: Wer hoffen muss, die Fünfprozenthürde zu nehmen, ist am Arsch. Der kann auch gern Frauen* das Ruder überlassen. „Schlimmer“ kann es ja nicht mehr kommen.
Buchhinweis:
Zuletzt erschien von Silke Burmester „Leuchten, jetzt!“ über die Stärke alternder Frauen – Wie lebenserfahrene Frauen ihre Welt verändern.
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