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Wednesday, September 16, 2026

Poesie unter Putin – Keller oder Kreml: Wer in Russland dichtet, muss sich entscheiden

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Eine schummrige Kellerbar irgendwo in Moskau. Auf der Bühne trägt der Dichter Dschamil Nilow reimlose Lyrik vor. Inhaltlich sind die Verse gewagt: Sie richten sich gegen Russlands Krieg in der Ukraine. Das Publikum ist begeistert.

Dschamil Nilow ist der Künstlername des 39-jährigen Dichters. Als Kind habe er Verse über alles Mögliche geschrieben. Seit 2022 verfasst er vor allem kriegskritische Lyrik.

«Ich kann nicht schweigen»

«Ich habe gemerkt, dass ich damit Leute unterstützen kann, die genauso denken wie ich, aber sich alleine fühlen», sagt Nilow. Nach einer Lesung sei eine junge Frau in Tränen aufgelöst zu ihm gekommen. «Sie erzählte, ihre Familie und ihr ganzes Umfeld unterstützten den Krieg. Sie sei dagegen, aber habe Angst, es zu sagen. Sie fühlte sich so, als sei sie die einzige im ganzen Land.»

«Ich kann nicht schweigen», so Nilow. «Würde ich schweigen, würde ich wohl den Verstand verlieren. Und es gibt viele Poeten, die ihre Meinung sagen. Einfach nicht direkt und nicht laut. Das ist gefährlich.»

Ein Gedicht von Dschamil Nilow

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Mein Kollege, ein korpulenter Mann um die fünfzig, schaltet jeden Tag beim Mittagessen

Fussball auf seinem Tablet ein.

Er benutzt keine Kopfhörer und schreit mit dem Kommentator:

Tor!

To-o-or!

To-o-o-o-or!

So sehr, dass er Stücke von seinem Hacktätschli auf den Tisch spuckt.

Den Tisch wischt er übrigens nicht ab.

Es stört ihn nicht, dass in der einen Mannschaft nur Verteidiger und in der anderen nur Stürmer spielen.

Es stört ihn nicht, dass dem Torhüter des Gegners die Hände hinter dem Rücken gefesselt sind.

Es stört ihn nicht, dass der Torhüter tot ist, genau wie alle anderen Spieler.

Jeden Tag schreit er: 5:0

Jeden Tag schreit er: 10:0

Jeden Tag schreit er: 410:0

Es werden immer mehr Fleischstücke, der ganze Tisch ist damit übersät.

Er verschluckt sich und hustet laut.

Aber er hat nicht die Kraft, auf «Pause» zu drücken und zu sehen, dass das kein Ball ist, sondern der Kopf seines Sohnes

Nilow sagt, er publiziere nicht alle seine Gedichte. Viele trägt er nur in kleinen, vertrauenswürdigen Runden vor. Oder in halbversteckten Bars, wo Gäste kommen, weil sie Verse wie die von Nilow hören wollen.

Prominente Patrioten

Wer anders schreibt, geniesst in Russland heute ein grösseres Publikum. So auch Alexander Antipow. Ein Sammelband, der auch seine Lyrik enthält, wurde auf staatlichen Kanälen beworben und ist in den meisten Bücherläden prominent ausgestellt.

Menschenmenge geht entlang historischer Gebäude bei Sonnenuntergang.
Legende: Vom Roten Platz wird genau hingeschaut, wie linientreu die Kunst ist. So bleibt für einige nur ein Schattendasein. Imago/Dreamstime

Der Band ist eine Sammlung sogenannter Z-Lyrik. Das Z steht für die sogenannte Spezialoperation in der Ukraine, die Lyrik verherrlicht russische Kämpfer und liefert emotionale Rechtfertigungen für den Krieg.

Alexander Antipow sieht sich aber nicht als «Z-Lyriker» oder als «patriotischen Poeten». Er spricht lieber von «Bürgerlyrik».

Ein Gedicht von Alexander Antipow

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Bogatyre.

Man könnte meinen, es seien drei Werst bis zum Himmel,

vier Haltestellen mit dem Kleinbus.

Doch sobald du einsteigst, gibt’s wieder Kreuze, Brücken,

Büsche, Regen. Und schon den zweiten Tag

steckst du im Stau, schaffst es über Umwege ans Ziel

und erinnerst dich an den Maschinengewehrschützen Sergei,

an seine Worte: «Ich komme an, ich schwör’s,

sag mir nur nicht den Weg vorher.

Ich schaffe es, noch bevor es dunkel wird,

bevor mir das Gewitter entgegenkommt.

Drei Werst bis zum Himmel. Und es gibt nur ein Leben,

Nur ein Leben, und den Tod werde ich nicht bemerken.»

Und es gibt keinen Zweifel – er ist angekommen,

hätte er doch wenigstens eine Nachricht geschickt.

In irgendeinem der grossen himmlischen Dörfer

Vergnügt er sich, und mit ihm die Kumpels und die Frauen.

Ein zufälliger Stern

schwimmt in seinem Soldatenbecher.

Und unten füllen unsichtbare kleine Menschen

die Züge.

Unter diesen Unsichtbaren sind auch wir,

wir fahren noch und denken an Sergei.

Drei Werst bis zum Himmel, wie bis zum Winter,

wo uns niemand begegnen wird, Gott sei Dank.

Sergei hatte recht, was man auch sagen mag,

als er begriff: «Nein, Russland ist kein Nichtskönner...»

Schau, wie die Bogatyre im Zugsabteil schlafen,

alle drei: Ilja, Aljoscha und Dobrynja.

Die «Bogatyre», mit denen heutige russische Soldaten hier gleichgestellt werden, sind Heldenfiguren aus mittelalterlichen russischen Sagen, vergleichbar mit Rittern in europäischen Epen.

«Das ist einfach meine Wahrnehmung dessen, was in meinem Land passiert, und wie ich dazu stehe», sagt Antipow, ebenfalls 39. Wie er zum Krieg steht, macht er deutlich. Für ihn ist die «Spezialoperation» eine bedauerliche Notwendigkeit, an der Russland keine Schuld trage.

«Für mich war die Ukraine nie ein anderes Land», sagt er. «Denn ich wurde in der UdSSR geboren. Für mich ist es bis heute unnatürlich, dass Moskau, Kiew, Minsk und die Krim nicht alle im selben Land sind. Wir sind eine Familie. Ich habe nie eine Feindseligkeit gegenüber Kleinrussen und Kleinrussland gespürt», so Antipow, und benutzt einen Begriff aus der imperialen Zarenzeit für die heutige Ukraine. Was jetzt geschehe, sei eine Tragödie.

«Auch Puschkin ist Propaganda»

Antipow sagt, er erhalte keine direkte staatliche Unterstützung. Vom Propaganda-Begriff distanziert er sich aber nicht: Dieser habe unverdient einen schlechten Ruf.

«Puschkin zum Beispiel ist auch Propaganda – Propaganda der russischen Sprache», so Antipow. «Das russische Ballett ist Propaganda für die russische Kunst und damit für Russland als Ganzes. Wenn der Staat bereit ist, gute Kunst zu fördern und für seine Zwecke zu nutzen, dann freue ich mich über solche Propaganda.»

In der russischen Sprache hat das Wort «Propaganda» eine nicht ganz so negative Bedeutung wie bei uns. Aber in Antipows Weltbild sind nicht nur Kunst und Kultur, sondern auch der Staat und dessen Politik Teil der nationalen Identität. Der Kreml fördert dieses Verständnis seit Langem. Z-Poesie dürfte in Russland weiterbestehen, so lange der Krieg andauert.

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