Eingriff am Hals: Alzheimer operieren? Was hinter der umstrittenen Methode steckt

Eingriff am HalsAlzheimer operieren? Was hinter der umstrittenen Methode steckt
13.09.2026, 09:25 Uhr
Von Ulrike Gebhardt

Eine supermikrochirurgische Operation am Hals soll den Abtransport von Eiweißablagerungen aus dem Gehirn verbessern. Erste Berichte klingen spektakulär - doch belastbare Belege für Wirksamkeit und langfristigen Nutzen fehlen bislang.
Im Jahr 2020 operierte der chinesische Mikrochirurg Qingping Xie einen 84-jährigen Patienten, um dessen Alzheimer-Erkrankung zu behandeln. Laut Videos des Eingriffs, die zunächst nur in China für Aufsehen sorgten, verlief er sehr erfolgreich: Der Mann mit einer weit fortgeschrittenen Demenz erkannte bereits nach wenigen Tagen seinen Sohn wieder. Innerhalb von Monaten konnte er lebhaft sprechen, auf dem Flur des Qiushi-Krankenhauses in Hangzhou auf- und abgehen und dabei eine einst auswendig gelernte maoistische Militärhymne rezitieren.
Xie führte die Verbesserung des Gesundheitszustandes auf seine Behandlung zurück, die Fachleute Deep Cervical Lymphatic-Venous Anastomosis (dcLVA) nennen. Dabei schließen Chirurginnen und Chirurgen winzige Lymphgefäße im Hals der Patienten an benachbarte Blutgefäße an. Das soll den Abtransport von Proteinabfall aus dem Gehirn verbessern. Darunter auch Moleküle wie Tau und Amyloid-beta, die nach dem gängigen Alzheimer-Modell Nervenzellen bei der Erkrankung absterben lassen und die Hirnleistung verringern.
In den Jahren nach diesem ersten Eingriff unterzogen sich Tausende Patientinnen und Patienten in China dieser Operation - mit sehr unterschiedlichem Ausgang. 2023 wurde die internationale Fachwelt auf die Methode aufmerksam. Der Mikrochirurg Wei Chen von der Cleveland Clinic in Ohio, USA, zeigte das Videomaterial von der wundersamen Genesung des Alzheimer-Patienten auf internationalen Fachtagungen. Das Interesse seiner Kolleginnen und Kollegen war geweckt.
Höchste Zeit, sich die Methode genauer anzusehen. Wie wird sie durchgeführt, für wen könnte sie geeignet sein? Was sind mögliche Risiken und welche Ergebnisse liegen bisher vor?
Was bei Alzheimer im Gehirn geschieht
Weltweit lebten 2021 rund 57 Millionen Menschen mit einer Demenz. In 60 bis 70 Prozent der Fälle handelt es sich um eine Alzheimer-Demenz. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns sinkt dabei nach und nach, weil Nervenzellen im Gehirn absterben. Verantwortlich macht die Wissenschaft dafür unlösliche, verklumpte Proteine wie Amyloid-Beta oder Tau. Forschende untersuchen, wie die Krankheitsprozesse, die sich über Jahrzehnte ziehen, im Einzelnen ablaufen.
Ärztinnen und Ärzte können Alzheimer bisher nur eingeschränkt behandeln. Nur wenige Medikamente können lediglich die Symptome etwas lindern, die Krankheit jedoch nicht aufhalten. Zu diesen Behandlungsmöglichkeiten zählen auch die kürzlich zugelassenen therapeutischen Antikörper Lecanemab und Donanemab, die verklumpte Amyloid-Beta-Proteine aus dem Weg räumen sollen.
Die Müllabfuhr des Gehirns
Die medizinische Grundlage für die "Alzheimer-Operation" ist die Entdeckung vor gut zehn Jahren, dass auch das Gehirn, wie der Rest des Körpers, über ein Lymphgefäßsystem verfügt, das das Organ sauber hält. Diese Gehirn-Lymphe-Reinigungsachse besteht aus zwei Komponenten. Eine davon ist das sogenannte glymphatische System, ein zentrales Netzwerk aus feinen, flüssigkeitsgefüllten Kanälchen, das Stoffwechselabfälle, darunter toxische Proteine, aus dem Gehirngewebe ableitet. Die andere Komponente sind Lymphkanälchen in den Hirnhäuten. Sie leiten Flüssigkeit zu Sammelstationen, den Lymphknoten, und schließlich in die Blutgefäße ab.
Es gibt Hinweise dafür, dass der glymphatische Fluss bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson, aber auch grundsätzlich im Alter abnimmt. Lassen sich Abfallstoffe schlechter aus dem Gehirn entfernen, steigt das Risiko für Proteinansammlungen, Entzündungen und Schädigungen an den empfindlichen Nervenzellen. Schlaf, ein regelmäßiges aerobes Training und auch Schlafen in Seitenlage verbessern laut Studien den Lymphfluss.
Wie die Operation entwickelt wurde
Der Mikrochirurg Qingping Xie operierte im Jahr 2019 eine Frau, die unter einem Tinnitus litt. Um den Lymphfluss zu verbessern und Nerven zu entlasten, die Schallsignale zum Gehirn leiten, verband er die winzigen Lymphgefäße im Hals der Frau mit benachbarten Blutgefäßen. Nach der Operation hatte sich nicht nur der Tinnitus verbessert, sondern die Frau fühlte sich auch geistig leistungsfähiger. Xie erklärte dies mit einer verbesserten lymphatischen Reinigung des Gehirns, was offenbar die Nervenfunktion stärkte. Ein Jahr später operierte er dann den 84-jährigen Alzheimer-Patienten mit derselben Methode.
Der Eingriff erfolgt minimalinvasiv in Vollnarkose, über einen zwei bis drei Zentimeter langen Schnitt am Hals. Tiefe Lymphgefäße, die typischerweise einen Durchmesser von weniger als 0,8 Millimetern haben, werden mit benachbarten Venen verbunden. Xie entwickelte eine Technik weiter, die seit den 1960er Jahren zur Behandlung schwerer Lymphschwellungen vor allem in Armen und Beinen eingesetzt wird.
Umstrittene Geschäfte
Nach den ersten Berichten über Behandlungserfolge durch die Operation boten bald Hunderte Krankenhäuser in China das experimentelle Verfahren an. "Angetrieben durch virale Erfahrungsberichte und aggressive Marketingkampagnen auf Social-Media-Plattformen wie Douyin und WeChat wurde es von Tausenden in Anspruch genommen - wobei viele Menschen mehr als 200.000 Yuan (30.000 US-Dollar) für eine Chance auf Genesung zahlten", berichtet der Wissenschaftsjournalist Elie Dolgin in der Fachzeitschrift "Nature".
Doch weil größere klinische Studien zum Nutzen und zu den Risiken der Operation fehlten, verboten die chinesischen Behörden den Eingriff. Seit Juli 2025 ist er nur noch im Rahmen klinischer Studien erlaubt.
Widersprüchliche Belege
Bisherige kleine Studien und einzelne Fallberichte liefern keine einheitlichen Ergebnisse. Kontrollgruppen fehlen. Gedächtnis und Aufmerksamkeit verbessern sich meist nur geringfügig, wie in der bisher größten, im Februar 2026 veröffentlichten Studie mit 139 Patientinnen und Patienten. Der Eingriff kann offenbar die Menge an Amyloid-Beta und Tau in Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit verringern - allerdings liefern die Daten bisher keine hinreichende Evidenz. Hin und wieder zeigen sich auch drastische Fortschritte wie bei dem 84-jährigen Alzheimer-Patienten.
Christian Behl, Alzheimerexperte vom Institut für Pathobiochemie an der Universitätsmedizin Mainz, ist auf Anfrage skeptisch. Zur Therapie von Alzheimer sei schon ziemlich viel probiert worden: "Verlockend ist es, zu glauben, dass man Alzheimer chirurgisch therapieren oder gar heilen kann. Ich bin diesen Daten gegenüber sehr reserviert."
Fachleute kritisieren, dass Besserungen innerhalb weniger Tage sich nicht so ohne Weiteres mit dem klassischen Verständnis der Alzheimer-Pathologie erklären lassen. Nervenzellen sind als Folge der Proteinablagerungen abgestorben. Selbst wenn toxische Abfallprodukte das Gehirn schneller verlassen, sind dadurch noch keine neuen Nervenzellen beziehungsweise Nervenverknüpfungen und Netzwerke entstanden.
"Derzeit weiß eigentlich niemand, warum die Operation wirkt", zitiert Nature den Chirurgen Maximilian Kückelhaus vom Universitätsklinikum Münster, der bereits mit Xie zusammengearbeitet hat. Kückelhaus erforscht gemeinsam mit dem ebenfalls in Münster tätigen Chirurgen Tobias Hirsch die Funktion des lymphatischen Systems im Gehirn. Auch er will mit Hilfe supermikrochirurgischer Therapien bei neurodegenerativen Erkrankungen verbessern.
Manche Fachleute sind davon überzeugt - und auch einige anekdotische Berichte aus China deuten darauf hin -, dass die teilweise positiven Effekte nur von kurzer Dauer sind und sich anders erklären lassen: Womöglich verbessert sich die Gehirnleistung nur vorübergehend, weil die Operation eine kurzfristige Druckentlastung erzielt und dadurch, dass Entzündungsstoffe und andere lösliche Proteine schneller abfließen können.
"Führende Demenzexperten weisen darauf hin, dass die Evidenz derzeit weit hinter der Datenlage etablierter medikamentöser Therapien zurückbleibt (auch wenn diese bislang nur moderate Erfolge verzeichnen können)", schreibt der Pharmakologe Theo Dingermann in der "Pharmazeutischen Zeitung".
Klinische Studien sollen Klarheit schaffen
In China führen Forschungsteams derzeit mehrere klinische Studien durch: mit bis zu 376 Teilnehmenden, inklusive einer Placebo-Gruppe, bei denen eine Schein-Operation gemacht wird. Die Ergebnisse dazu stehen noch aus.
Neben den Fragen der Sicherheit und Wirksamkeit der Therapie wird es auch darum gehen, welche langfristigen Effekte und Risiken der Eingriff möglicherweise haben kann. "Solange diese Daten nicht vorliegen, sollte man hinsichtlich der Wirksamkeit der Methode weiterhin vorsichtig bleiben", schreiben der Mediziner Han Gao und ein Team der Guangzhou Medical University im chinesischen Qingyuan.
Auch Studien in anderen asiatischen Ländern, den USA und hier in Europa laufen an. Für Europa sind derzeit noch keine konkreten Studienstandorte bekannt.
Für wen die Operation infrage kommen könnte
Sicher ist schon jetzt, dass der Eingriff nicht für alle Patientinnen und Patienten geeignet sein wird. Für Betroffene mit einer milden frühen Form von Alzheimer gebe es zurzeit keine Hinweise, dass der Nutzen die Risiken übertreffe, schreiben die Forschenden aus Qingyuan. Auch bei Patientinnen und Patienten in einem sehr späten Stadium halten sie die Operation nicht für sinnvoll. Denn eine verbesserte Drainage der Abfallprodukte kann den bereits eingetretenen Verlust an Nervenzellen nicht rückgängig machen.
Man müsse diejenigen auswählen, bei denen tatsächlich die Lymphdrainage im Gehirn nicht ausreichend funktioniere, um einen möglichen Nutzen zu erzielen, erklären Han Gao und sein Team. Die Fachleute raten Menschen mit starker Blutungsneigung oder einer stark verengten Halsschlagader von der Operation ab, weil das Komplikationsrisiko zu hoch ist.
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