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Monday, September 28, 2026

Nobelitis: Der Größenwahn nach dem Nobelpreis

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Linus Pauling hat nicht nur einen, sondern gleich zwei Nobelpreise erhalten. 1954 wurde der US-Amerikaner für seine Forschungen über die Struktur chemischer Bindungen mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. 1962 gewann er zudem den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz gegen das nukleare Wettrüsten. 

Nicht nur zwei Nobelpreise, sondern zwei Nobelpreise, die Pauling sich mit niemandem teilen musste. Mehr geht als Wissenschaftler kaum. Nobelpreisträger werden über Nacht zu Superstars, deren Worte großes Gewicht haben.  

Nobelitis oder Nobel Disease - Größenwahn nach dem Nobelpreis

Genau das berge auch eine Gefahr, sagt Nils Hansson, Medizinhistoriker am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Besonders schwierig werde es, "wenn man verrückte, nicht belegte wissenschaftliche Theorien verbreitet", sagt Hansson. Denn als Nobelpreisträger werde man gehört. 

So auch geschehen bei Linus Pauling. Denn ab Mitte der 1960er-Jahre begann er zu behaupten, Vitamin C sei ein Allheilmittel - wie zum Beispiel bei der Bekämpfung von Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder degenerativen Erkrankungen.

Pauling begründete die sogenannte orthomolekulare Medizin, bei der die Verwendung von Vitaminen und Mineralstoffen zur Behandlung von Krankheiten im Mittelpunkt steht. Eine Behandlungsmethode, für die die Beweislage nach wie vor mangelhaft ist. 

Linus Pauling erfüllt damit sämtliche Voraussetzungen für eine "Nobelitis" oder auch "Nobel Disease". Auch wenn es so klingt: Eine offizielle Diagnose oder Erkrankung ist "Nobelitis" nicht. 

Vielmehr soll der Begriff ein Verhalten beschreiben, das Nobelpreisträger immer mal wieder an den Tag legen, wenn sie die höchste Auszeichnung in der Tasche haben: Größenwahn. Geprägt hat den Begriff Paul Nurse, selbst Medizin-Nobelpreisträger und Präsident der Royal Society, der nationalen Akademie der Wissenschaften in Großbritannien. 

Frankreich Nobelpreisträger und HIV-Entdecker Luc Montagnier gestorben
Luc Montagnier traf immer wieder völlig unbelegte Aussagen. Vielleicht nicht trotz, sondern gerade wegen seines Nobelpreises.Bild: imago/Xinhua

Nobelpreisträger außerhalb ihrer Expertise: Wenn Autorität täuscht 

"Sei skeptisch gegenüber allem, auch dir selbst und deinen eigenen Ideen gegenüber", sagt Nurse in einem Interview mit der belgischen Universität KU Leuven, als er gefragt wird, was gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausmacht. Bei Nobelitis-Befall geht allerdings die Skepsis gegenüber sich selbst und den eigenen Ideen als Erstes zugrunde. 

So auch bei Luc Montagnier. Der Virologe entdeckte 1983 das Humane Immundefizienz-Virus (HIV), wofür er 2008, gemeinsam mit seiner Kollegin Françoise Barré-Sinoussi mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet wurde.  

Später sprach er sich für die Homöopathie aus und behauptete in einem Interview, die Übertragung von HIV in Afrika könne mit besserer Ernährung und Hygiene verringert werden.  

Während der Corona-Pandemie verkündete Montagnier, dass SARS-CoV-2 ein im Labor manipuliertes Virus sei und HIV-Sequenzen enthalte. Der Virologe Christian Drosten sagte damals im Podcast Coronavirus-Update: "Es ist schwierig für einen aktiven Wissenschaftler in der Virologie zu sagen, dass ein Nobelpreisträger im Fach Virologie Unsinn verbreitet. Aber das ist kompletter Unsinn."

Auch bei James Watson, ohnehin nicht für seine Bescheidenheit bekannt, trieb die Berühmtheit seltsame Blüten. Er erhielt 1962 zusammen mit Maurice Wilkins und Francis Crick den Nobelpreis für die Entdeckung der DNA-Doppelhelix-Struktur. In den frühen 2000er-Jahren äußerte er sich wiederholt rassistisch, indem er behauptete, schwarze Menschen seien weniger intelligent als weiße. 

Für den Medizinhistoriker Nils Hansson ist Watson deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass ein Nobelpreis nicht automatisch an einen Menschen geht, der als Vorbild taugt. "Man hat eine tolle Entdeckung gemacht, aber ein Universalgenie ist man deswegen noch nicht." 

Auch Nobelpreisträger müssen kritisch hinterfragt werden

Möglicherweise ist es aber auch die Erwartung der Öffentlichkeit, die dazu beiträgt, dass sich eine Nobelitis entwickelt. Paul Nurse erhielt den Nobelpreis für Physiologie und Medizin 2001. Plötzlich bekam er täglich Presseanfragen zu allen möglichen Themen. "Als ob ich plötzlich alle Zusammenhänge der Welt und der Menschen verstanden hätte", erzählt er im DW-Gespräch.

Forschenden rät Nurse deshalb: "Sei wirklich vorsichtig mit dem, was du sagst. Sprich über Dinge, von denen du etwas verstehst – das ist völlig in Ordnung. Wenn du nicht so viel weißt oder dir bei etwas nicht sicher bist, mache ganz deutlich, dass du dir nicht sicher bist."

Denn auch Nils Hansson merkt an: Was Nobelpreisträger sagen, würde von Medien begierig aufgegriffen – auch, wenn der Preisträger mit den Aussagen seinen eigentlichen Kompetenzbereich schon lange verlassen habe. 

Nobelitis-Patienten sind Meister ihres Fachs und genau dafür mit dem Nobelpreis geehrt worden. Sie sind aber auch ganz normale Menschen und vor Größenwahn und anderen Verhaltensauffälligkeiten nicht gefeit. Deshalb werden auch Homöopathie, orthomolekulare Medizin oder andere Pseudowissenschaften nicht automatisch valider, nur weil ein Nobelpreisträger sie unterstützt.

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