Audi investiert in Amerika, Neckarsulm bangt
Diskussion über neues US-Werk Audi investiert in Amerika, Neckarsulm bangt
Stand: 26.10.2026 • 18:56 Uhr
Audi will in den USA ein neues Werk bauen, der Auftritt des Firmenchefs auf einer Wahlkampfveranstaltung von Trump sorgt für heftige Kritik. Zugleich ist die Zukunft von deutschen Audi-Werken offen - wie in Neckarsulm.
Corinna Sinn fasst die Diskussion um Audis Ankündigung, in den USA ein neues Werk zu bauen, ganz einfach zusammen: "Wenn die ein Geschäft kriegen, fällt bei uns ein Geschäft weg." Seit 40 Jahren arbeitet sie im Audi-Werk Neckarsulm, erst als Schweißerin, dann als Ultraschallprüferin. Mit dem Ende der Produktion des Audi A8 fiel auch ihre bisherige Tätigkeit weg. Jetzt ist sie beim "Einlegen": Sie legt Bauteile in Vorrichtungen oder Maschinen ein.
Auch Corinna Sinns Mann hat die Veränderungen in Neckarsulm hautnah miterlebt. Er arbeitete ebenfalls am A8 und musste in einen anderen Bereich wechseln. Die Sorgen der beiden werden nicht kleiner, wenn sie von neuen US-Werken hören und den umstrittenen Wahlkampfauftritt von Konzernchef Gernot Döllner bei Donald Trump verfolgen. "Klar machen wir uns um die Zukunft Sorgen", sagt sie.
Was kommt nach 2033?
Einst, nach der Fusion von Auto Union und NSU zu Audi im Jahr 1969, war Neckarsulm stolze Konzernzentrale. Sechzehn Jahre lang, bis der Unternehmenssitz nach Ingolstadt verlegt wurde.
Heute steht Neckarsulm auf der Kippe: Es geht dabei um die Frage, ob dort auch in Zukunft noch Autos gebaut werden. Die Produktion von A5 und A6 soll Ende 2033 auslaufen. Neue Modelle, die danach in Neckarsulm vom Band rollen könnten, hat Audi bislang nicht zugesagt.
Im schlimmsten Fall stehen die Bänder danach still. Zwar sind betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2033 ausgeschlossen. Doch diese Garantie schützt nur die Beschäftigten vor Entlassungen, nicht aber die Autoproduktion über diesen Zeitpunkt hinaus.
US-Pläne sorgen für Unruhe
Das hat schon ein "Geschmäckle", wie man in Baden-Württemberg sagt: Während die Zukunft der Produktion in Neckarsulm über 2033 hinaus offen ist, soll das neue Werk im US-Bundesstaat Georgia Anfang der 2030er-Jahre anlaufen. Auch, wenn dort erst einmal ganz andere Fahrzeugtypen gebaut werden sollen: große SUVs wie der Q7, der Q8 oder der Q9. Diese werden bislang im slowakischen Bratislava produziert, nicht in Neckarsulm.
Sollten sich dadurch allerdings Produktionsabläufe und Modellzuordnungen an anderen Standorten verändern, könnte das auch Auswirkungen auf deutsche Werke haben - vor allem für die "Wackelkandidaten" wie Neckarsulm.
Audi ist neben der Einzelhandelsgruppe Schwarz Neckarsulms mit Abstand größter Arbeitgeber. Die Ankündigung des neuen Werks habe bei ihm ein "beklemmendes Gefühl" ausgelöst, sagt Neckarsulms Oberbürgermeister Steffen Hertwig (SPD). Er könne zwar die wirtschaftlichen Gründe für den Schritt nachvollziehen, da der US-Markt große Wachstumschancen biete und ein Werk in den USA angesichts der hohen Zölle sicherlich hilfreich wäre.
Aber die Frage sei eben auch, ob Europa und insbesondere Neckarsulm als Produktionsstandort geschwächt werde. Hier brauche es endlich klare Aussagen über die Zukunft. "Wenn nur Produktionspotenzial von Europa in die USA gezogen werden würde, dann wäre das natürlich schlecht", sagt Hertwig.
Der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir wird deutlicher. In einer schriftlichen Stellungnahme kritisiert er die Ankündigung des US-Werks: "Wer viel Geld in Georgia investiert, muss auch sagen, wie es in Neckarsulm weitergehen kann." Dass der Firmenchef sich dann auch noch für den Wahlkampf des US-Präsidenten einspannen lasse, hinterlasse bei ihm außerdem ein "erhebliches Störgefühl". Auch Neckarsulms OB nennt den Auftritt "unangemessen".
Ein Verstoß gegen eigene Richtlinien?
Der Auftritt stößt auch bei vielen Beschäftigten und beim Betriebsrat auf Kritik. Denn Audi hat sich in den eigenen Unternehmensleitlinien politische Neutralität verordnet - vor allem im Wahlkampf. "Um diesen Grundsatz zu respektieren, werden in den drei letzten Monaten vor Wahlen keine öffentlich wirksamen Termine mit zur Wahl stehenden Parteien/Politikern und keine Sponsorings von entsprechenden Veranstaltungen mehr durchgeführt", heißt es in den Leitlinien.
Allerdings soll der Audi-Vorstand eine Ausnahme von diesen Regeln bereits vor Döllners Auftritt genehmigt haben. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Audi äußerte sich dazu bislang nicht.
"Der Auftritt unseres Vorstandsvorsitzenden Gernot Döllner auf einer Wahlkampfveranstaltung des US-Präsidenten in Georgia wird zu Recht von unseren Beschäftigten kritisch diskutiert. Viele sind irritiert und enttäuscht", sagt Alexander Reinhart, Vorsitzender des Betriebsrats in Neckarsulm. Unabhängig von einem möglichen Werk in den USA habe die Sicherung der deutschen Standorte für den Betriebsrat oberste Priorität.
Nur: Mit jeder neuen Ankündigung schwinden die Hoffnungen bei den Beschäftigten. Auch bei Corinna Sinn. "Wobei wir noch das Glück haben, dass wir Betriebsrente kriegen, weil wir so lange dabei sind", sagt sie. Bei den jungen Mitarbeitenden sehe das anders aus. Sollte das Werk in Neckarsulm irgendwann endgültig schließen, stünden viele vor einer ungewissen Zukunft.
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