Vergewaltigungsvorwürfe an Uni – «Überdurchschnittlich viele Übergriffe an Fraternity-Partys»

An der US-Eliteuniversität Cornell sollen mehrere Studenten bei einer Verbindungsparty eine Frau unter Drogen gesetzt und vergewaltigt haben. Die Frau hat Mitte September Anzeige eingereicht. Der mutmassliche Vorfall liegt zwei Jahre zurück. Es ist nicht das erste Mal, dass in den USA über sexuelle Gewalt in «Fraternities», also Studentenverbindungen, diskutiert wird. Politikwissenschaftler Bernhard Weidinger erklärt, was hinter der sogenannten «Frat Culture» steckt.
Bernhard Weidinger
Politikwissenschaftler
Bernhard Weidinger forscht und dokumentiert im Bereich Rechtsextremismus. Zu seinen Schwerpunkten zählen unter anderem deutschnationale Studentenverbindungen und Männlichkeiten.
SRF News: Was ist mit «Frat Culture» gemeint?
Bernhard Weidinger: Dazu gehören dem Klischee nach, aber leider oft auch in der Realität, Missstände wie «Hazing»: Neuzugänge werden demütigenden Aufnahmeritualen unterworfen. Hinzu kommen «Binge-Drinking», also Rauschtrinken, und eine Partykultur, in der es immer wieder zu sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen kommt.
Welche Rolle spielt das Männlichkeitsbild in solchen Studentenverbindungen?
Eine eminent wichtige. Männerverbindungen stellen Räume dar, in denen Frauen weiterhin ausgeschlossen werden, wie es jahrhundertelang an Universitäten insgesamt der Fall war. Sie fungieren als eine Art Zuflucht für eine überkommene Männlichkeit. Welche Form kultiviert wird, unterscheidet sich zwischen Verbindungstypen und auch Ländern.
In den USA gibt es unterschiedliche Arten von Studentenverbindungen:
- Akademisch ausgerichtete Verbindungen, bei denen Leistungen im Vordergrund stehen.
- Karitativ ausgerichtete Verbindungen, die sich stark gemeinnützig engagieren.
- Partyverbindungen, bei denen Partys und andere soziale Events einen hohen Stellenwert haben.
Eine Rolle spielt laut Politikwissenschaftler Bernhard Weidinger immer auch die Bildung von Männernetzwerken, die später im Berufsleben aktiviert werden können. Fraternities sind zudem ein wichtiger Rekrutierungspool für politische Eliten. So hätten zum Beispiel die meisten Richter am Supreme Court in den USA einen Fraternity-Hintergrund.
Mit diesem Männlichkeitsbild geht auch eine sehr starke Loyalität gegenüber den Verbindungsmitgliedern einher.
In den USA geht es stark um Alkoholresistenz und Promiskuität. Also darum, mit möglichst vielen Frauen sexuelle Erfahrungen zu machen. Und oft wird dann nicht so ernst genommen, ob das konsensuale sexuelle Handlungen sind oder nicht.
Warum werden Übergriffe häufig gedeckt?
Mit diesem Männlichkeitsbild geht auch eine sehr starke Loyalität gegenüber den Verbindungsmitgliedern einher – den «Brothers», wie sie in den USA heissen. Diese Verbundenheit trägt dazu bei, dass entsprechende Vorfälle häufig gedeckt und nicht konsequent verfolgt werden.
Studien zeigen, dass die Mitgliedschaft in einer Fraternity die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass jemand zum Täter wird.
Wie oft kommt es im Kontext dieser Studentenschaften zu sexueller Gewalt?
Das ist schwer zu sagen, weil von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Mehrere Studien belegen aber einen Zusammenhang: Fraternity-Partys sind überdurchschnittlich oft Räume, in denen Übergriffe stattfinden. Zugleich zeigen Studien, dass die Mitgliedschaft in einer Fraternity die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass jemand zum Täter wird.
Wie gehen die Universitäten mit der Kritik um?
An vielen Universitäten gibt es Bewegungen, die eine Abschaffung der Verbindungen oder eine Entflechtung fordern. Die Verflechtungen sind ausgeprägt: Mitglieder sitzen in Hochschulgremien und Aufsichtsräten oder gehören zu den Sponsoren. Das verschafft der Fraternity-Lobby Druckmittel, wenn Universitäten sich von den Verbindungen abgrenzen oder ihre Betätigung einschränken wollen.
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