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Wednesday, October 28, 2026

Journalismus, der Mut macht: Ein anderer Blick auf die Welt ist möglich

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Konstruktiver Journalismus soll Nachrichtenmüdigkeit überwinden und Menschen zum Handeln inspirieren. Klappt das? Eine persönliche Zwischenbilanz.

E s gab eine Zeit, da wollte ich keine Journalistin mehr sein. Es war 2021, ich arbeitete damals für eine lokale Zeitung in meiner Heimatstadt Bozen in Südtirol. Täglich schrieb ich von Geflüchteten, die auf der Straße lebten, von überfüllten Notunterkünften und einer Landesregierung, die nicht genug für Integration und Menschenrechte tat.

Diese Arbeit frustrierte mich. Ständig fragte ich mich: Geht es nicht auch besser? Können wir nicht etwas von anderen Ländern lernen? Die Antworten auf diese Fragen fand ich jedoch fast nie in den Medien, die ich las – und sie selbst zu stellen, war ich in meiner Arbeit nicht gewohnt. Meine Redaktion ermutigte mich eher dazu, das Unvermögen der Politik aufzudecken und anzuprangern.

Eine kritische Haltung ist ein wichtiger journalistischer Wert. Aber der Journalismus, den ich und andere betrieben haben, hat nicht nur mich als Medienschaffende frustriert. Er frustriert auch viele Mediennutzer:innen. Das Reuters Institute, das für seinen „Digital News Report“ jährlich Trends im weltweiten Medienkonsum untersucht, hat 2025 je 2.000 Menschen in 48 Ländern befragt. Dabei gaben etwa 40 Prozent an, regelmäßig bewusst Nachrichten zu vermeiden, weil diese sie depressiv stimmten, überforderten und zu negativ seien. 2017 lag der Anteil noch bei 29 Prozent.

Wachsende Nachrichtenmüdigkeit ist ein Problem. Denn wer nicht informiert ist, weiß auch nicht, wo es anzupacken gilt, ist anfälliger für Manipulation und Fake News. Wie können Medien vor diesem Hintergrund ihrer Rolle als Wächterinnen der Demokratie besser gerecht werden?

Mit Journalismus nach Lösungen suchen

Ich arbeite mittlerweile wieder gerne. Denn ich habe den konstruktiven Journalismus für mich entdeckt und schreibe seit knapp fünf Jahren für Perspective Daily, das Onlinemagazin, das 2016 diesen Ansatz nach Deutschland brachte. Unser Ansatz soll mehr Lösungsorientierung und Perspektivenreichtum bieten und damit ein Gefühl der Selbstwirksamkeit bei unseren Leser:innen wecken.

Gelingt das? Welchen Effekt hat konstruktiver Journalismus auf die Lesenden, aber auch auf mich als Journalistin?

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Als ich die ersten Artikel las, die nach den Prinzipien des konstruktiven Journalismus geschrieben wurden, dachte ich: Wow, das ist die Art der Berichterstattung, die ich immer gesucht habe. Hier wurde nichts beschönigt, das Problem genauso beschrieben wie anderswo – aber es wurde eben auch gefragt, wie es weitergehen kann. Die Artikel erzählten von Menschen, die Lösungen mitgestalten und in die Zukunft denken.

In einem Text ging es um das Phänomen des Politikhobbytums. Der Politikwissenschaftler Eitan Hersch kritisiert darin Menschen, die sich regelmäßig über Politik informieren und mit ihren Freund:innen darüber diskutieren wie über rivalisierende Sportteams – aber sich selten konkret auf lokaler Ebene engagieren. Die nie bei Stadtratssitzungen dabei sind, ihren lokalen Abgeordneten schreiben, eine Petition für mehr Fahrradwege einreichen oder ehrenamtlich urbane Gärten pflegen.

Den Frust verwandeln

Das inspirierte mich, meinen Frust in etwas Produktives zu verwandeln. Ich begann, in einem Winterhaus für Obdachlose – darunter waren viele Geflüchtete – Nachtschichten einzulegen. Zwei Mal im Monat ließ ich die Menschen abends ins Haus, kochte Tee, wechselte ein paar Worte mit den Bewohner:innen. Morgens weckte ich die Menschen, die das Heim bis zum Abend wieder verlassen mussten, und schloss das Haus ab.

So lenkte der konstruktive Journalismus meinen Blick auf neue Perspektiven und half mir, als Journalistin selbst andere Fragen zu stellen. Ich schrieb eine Reportage über das Winterquartier, die Motivation der Ehrenamtlichen, die Freude der syrischen Kinder, wenn sie nachts ins warme Haus eintreten durften und Tee mit Keksen bekamen. Ich fragte aber auch, warum die Politik nicht das Engagement der Bürger:innen finanziell unterstützte und was die Menschen dort forderten.

Die Lage vieler geflüchteter Menschen und Obdachloser ist nach wie vor frustrierend. Doch ich sehe jetzt nicht mehr nur die Versäumnisse, sondern auch, was an manchen Orten schon alles passiert, damit es betroffene Menschen besser haben. Das hinterlässt einen weniger bitteren Beigeschmack, wenn ich über diese Themen schreibe.

Dass es nicht nur mir so geht, bestätigt eine Metastudie der US-amerikanischen Virginia Commonwealth University aus dem Jahr 2023. Demnach löst konstruktiver Journalismus beim Publikum positive Emotionen aus und schwächt negative Gefühle ab. Klar, Journalismus ist nicht dazu da, dass alle sich gut fühlen. Doch zu viele negative Berichte lähmen. Und wie die Studie zeigt, erhöht eine Berichterstattung, die positive Entwicklungen aufzeigt, die Bereitschaft der Menschen, zu handeln, und stärkt die Überzeugung, dass man als einzelne Person, aber auch als Kollektiv etwas verändern kann.

Anekdotisch kriegen wir diese Effekte von unseren Leser:innen gespiegelt. Menschen schreiben uns regelmäßig Sätze wie diesen: „Es tut einfach gut, eure Artikel zu lesen und mit Zuversicht auf schwierige Situationen zu blicken.“

Unser Medium ist nischig. Knapp 13.000 Menschen haben es aktuell abonniert. Manchmal frage ich mich: Warum schaffen wir es nicht, mehr Menschen zu erreichen, wenn sich so viele nach mehr Zuversicht im Journalismus sehnen? Ist der konstruktive Ansatz vielleicht doch nicht in der breiten Masse übertragbar – oder hat sich die Berichterstattung in den letzten zehn Jahren doch verändert?

„Und wo ist hier der konstruktive Dreh?“ Dieser Satz fällt bei uns häufig, wenn jemand eine Artikelidee einbringt. Zugegeben, nicht immer haben wir darauf eine Antwort. Manchmal verzichten wir dann auf die Platzierung eines Themas.

Trotzdem bin ich überzeugt: Man kann jedes Thema konstruktiv aufgreifen, manche eben etwas später. Es muss auch nicht immer die plakative Lösung sein. Vor allem bei Kriegen und politischen Verwerfungen – Themen, über die ich häufig schreibe – gibt es diese oft nicht. Ich kann mir aber überlegen, ob ich Betroffene in einem Konflikt als passive Opfer darstelle oder ob ich ihnen Handlungsmacht zuschreibe. Ob ich nur darüber berichte, wie viel zerstört wurde, oder später auch von den Menschen, die Gebäude wieder aufbauen und am Zusammenhalt der Gesellschaft arbeiten.

Für konstruktive Berichterstattung braucht es Zeit und Ressourcen. Diese sind in Redaktionen knapp. Trotzdem verbreitet sich der Ansatz in immer mehr deutschen Medien – das bestätigt etwa das Bonn Institute für Journalismus und konstruktiven Dialog –, selbst in tagesaktuellen Nachrichtenmedien, bei denen Schnelligkeit essenziell ist.

Letztens las ich in der App der „Tagesschau“ einen Text über die jüngsten Ergebnisse der Pisa-Studie. Die Nachricht an sich war entmutigend, schließlich haben deutsche Schüler:innen so schlecht abgeschnitten wie nie. Im Text wurde aber auch berichtet, was Länder wie Singapur oder Estland in ihrem Bildungssystem anders machen, um besser abzuschneiden, und welche Maßnahmen die deutsche Regierung bereits umsetzt, um Schüler:innen aus bildungsfernen Haushalten mehr Chancen zu bieten. Zwar wurden die Lösungen nur oberflächlich angeschnitten – trotzdem lässt mich das zuversichtlicher zurück.

Immer mehr machen mit

Weitere Medien integrieren zumindest Teile des konstruktiven Journalismus in Form von kleinen Rubriken. Das ZDF etwa stellt in seinem monatlichen Dokuformat „Plan B“ jeweils drei Lösungen zu einem aktuellen Problem vor. Ein weiteres Beispiel ist Radio Cosmo vom WDR mit den „Daily Good News“. Auch wenn er in der breiteren deutschen Medienlandschaft noch in den Kinderschuhen steckt – der konstruktive Journalismus verbreitet sich allmählich.

Reicht das, damit Menschen weniger nachrichtenmüde sind, oder müssen wir auch den konstruktiven Journalismus radikaler weiterdenken? Der Rechtspopulismus verbreitet sich, das Vertrauen vieler Menschen in Politik und Medien ist gering.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Was können Medien noch dagegen tun? Der Schlüssel liegt für mich in der Menschlichkeit. Machen wir uns als Journalist:innen nahbar, reflektieren über unsere eigenen blinden Flecken, anstatt die objektiven Expert:innen zu spielen, stärkt das Vertrauen. Auch das ist konstruktiv.

Ich habe das zum Beispiel in einem Text aus der Ukraine versucht, in dem ich das zivile Leben in Kyjiw beschreibe, das weitergeht, während nachts Drohnen das Land terrorisieren. Ich beschreibe mein Gefühl von Befremdung über den hasserfüllten Nationalismus, der mir von vielen Menschen entgegenschlägt. Selbst von Yogalehrerinnen oder anderen Zivilist:innen, bei denen ich das nicht erwartet hätte.

Ich reflektiere aber auch darüber, dass mein Gefühl wohl auch aus einer privilegierten Position heraus rührt und ich unsicher bin, ob meine Meinung anders ausfiele, wäre ich betroffen. Ich gebe keine Antworten, ich lasse den Widerspruch, die Unsicherheit zu. Ich lege mein eigenes menschliches Hadern und meine Voreingenommenheiten offen. Vielleicht kann gerade das wieder mehr Nähe zu den Lesenden herstellen.

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