Karateka Mariam Bsharat, 17, gewinnt zweimal U21-WM-Gold für Palästina - trotz Reisebeschränkungen, finanzieller Not und Olympia-Ausschluss
"Es war ein überwältigendes Gefühl. Einmal Geschichte zu schreiben, ist schon etwas Besonderes. Aber es zweimal zu schaffen, ist noch einmal etwas ganz anderes", freut sich die 17-Jährige Mariam Bsharat. "Ich war unglaublich glücklich und gleichzeitig erleichtert. Nur ich weiß, wie viele Opfer ich gebracht habe und welche Schwierigkeiten ich überwinden musste."
Freude, Erleichterung und die Belohnung jahrelanger Entbehrungen gehören nach großen sportlichen Erfolgen fast immer zu den Themen. Bei Bsharat geht es allerdings um mehr als nur hartes Training und Disziplin. Die Karateka gewann Anfang des Monats bei der U21-Weltmeisterschaft in Polen ihre zweite Goldmedaille für Palästina.
"Es gehörte zu meinem Alltag, Menschen sterben zu sehen und Bombardierungen mitzuerleben", erzählt sie der Deutschen Welle (DW) über ihre Kindheit im besetzten Westjordanland.
Auch der Weg zum Spitzensport war für sie alles andere als einfach. "Ich konnte oft nicht einmal von einer Stadt in die andere reisen, um mit anderen Athletinnen und Athleten zu trainieren und mich auf Wettkämpfe vorzubereiten", sagt Bsharat.
Für Trainingslager musste sie häufig nach Jordanien oder Ägypten ausweichen. "Das war sehr schwierig. Und auch finanziell habe ich nie die Unterstützung bekommen, die Leistungssportler eigentlich brauchen."
Von der Skepsis zur Weltspitze
Aufgewachsen in Nablus hatte Bsharat keinen einfachen Weg an die Weltspitze. Zunächst stand ihr allerdings vor allem sie selbst im Weg. "Als Kind mochte ich Karate eigentlich gar nicht besonders", sagt die Kämpferin der Gewichtsklasse bis 66 Kilogramm.
Zum Sport kam sie durch ihre Familie. Ihr Vater betrieb ein Dojo, auch ihre Mutter war Karateka. Geschwister, Tanten und Onkel trainierten ebenfalls. "Es ist bei uns eine Familienangelegenheit. Ich habe angefangen, weil es alle gemacht haben. Mit der Zeit habe ich die Liebe zum Sport entdeckt."
Bis heute spielt ihre Familie eine zentrale Rolle. Vater und Onkel unterstützen sie als Manager und Trainer. Während ihre Mutter und ihre Geschwister im vergangenen Jahr gemeinsam mit Mariam nach Hamburg zogen, blieb ihr Vater zunächst in Palästina, um sein Dojo weiterzuführen. So oft wie möglich begleitet er seine Tochter jedoch zu Wettkämpfen.

Dass die Eingewöhnung in Deutschland vergleichsweise leicht fiel, verdankt Bsharat auch ihrer deutschen Mutter, durch die sie die Sprache bereits früh lernte. Trotzdem blickt die 17-Jährige mit gemischten Gefühlen auf ihren Umzug.
"Ich bin dankbar, hier zu sein. Deutschland hat mir viele Türen geöffnet und ich glaube, dass ich hier bessere Zukunftschancen habe", sagt sie. "Aber Palästina war mein Zuhause. Meine Familie und meine Freunde waren dort. Ich habe mich wohlgefühlt. Der Umzug nach Deutschland war eine enorme Veränderung. Und jede Veränderung bringt Herausforderungen mit sich."
Der Druck, ein ganzes Land zu vertreten
Neben den Einschränkungen des Lebens in den von Israel besetzten Gebieten stehen Sportlerinnen und Sportler in den palästinensischen Gebieten vor besonderen Problemen: fehlende Trainingsmöglichkeiten, Reisebeschränkungen und die ständige Unsicherheit der Sicherheitslage. Entsprechend wenige schaffen den Sprung auf die internationale Bühne. Für Bsharat bedeutet das eine große Verantwortung.

"Leistungssportlerin in Palästina zu sein, ist etwas ganz Besonderes, weil nicht viele Menschen diese Chance bekommen", sagt sie. "Es gibt nur wenige Athletinnen und Athleten, die internationale Medaillen gewinnen."
Deshalb spüre sie den Druck besonders stark. "Mein ganzes Land, die Menschen, meine Familie und meine Trainer schauen auf mich. Ich repräsentiere sie alle und trage ihre Flagge. Manchmal vergesse ich sogar, für mich selbst zu kämpfen und an mich selbst zu denken."
Olympia-Traum auf Eis
Trotz dieses Drucks hat Bsharat die Spitze ihres Sports erreicht. In ihrer Altersklasse führt sie die Weltrangliste des Karate-Weltverbands WKF an.
Eigentlich hätte sie mit guten Chancen auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles blicken können. Doch Karate gehört seit 2024 nicht mehr zum olympischen Programm.
Der Weltverband kämpft weiter für eine Rückkehr der Sportart und hofft auf eine Wiederaufnahme in Brisbane 2032. Auch bei den Olympischen Jugendspielen im Senegal stand Karate zuletzt nicht mehr auf dem Programm.
Sollte die Sportart rechtzeitig zurückkehren, wäre Bsharat dann im besten Sportleralter. Bis dahin will sie sich bei den Erwachsenen etablieren. Lange warten möchte sie damit nicht.
"Mein Ziel ist es, Weltmeisterin bei den Erwachsenen zu werden. Das ist das Schwierigste und Größte, was man im Karate erreichen kann", sagt sie.
Doch ein Traum bleibt besonders groß: "Eine olympische Medaille zu gewinnen, Olympiasiegerin zu werden oder mein Land mit seiner Flagge bei Olympia zu vertreten. Allein der Gedanke daran erfüllt mich mit Stolz und Glück."
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