Kolibri-1 denkt deutsch. Hilft das auch beim Antworten?
Lange mussten wir auf ein Modell warten, das speziell auch mit deutschen Texten gut umgehen kann. Zwischenzeitlich kam mit der Ankündigung des Soofi-Modells Hoffnung auf. Diese zerstreute sich aber sehr schnell wieder, weil das Modell bis heute nicht frei zugänglich ist und das Konsortium wohl auch beim Training sehr kreativ Benchmark-Daten mitverwendet hat. Umso gespannter kann man auf das nun veröffentlichte Kolibri-1-Modell von Aleph Alpha sein.
iX-plore ist die Online-Serie des iX-Magazins für alle, die neue Tools und Technologien entdecken möchten. In kurzen Beiträgen stellen wir vor, was sie können, wofür sie sich eignen und warum sich ein genauerer Blick lohnen könnte.
Größe und Architektur
Zuerst fällt die Größe des Modells ins Auge: Sie ist mit 78 Milliarden Parametern relativ unkonventionell. Bei vielen Modellen haben sich zwischenzeitlich Standardgrößen etabliert. In dieses Schema passt das Modell nicht. Die Anzahl der Experten ist mit 384 für diese Anzahl an Parametern verhältnismäßig groß, was bei sechs gerouteten und einem festen Experten zu nur 3,46 Milliarden aktiven Parametern in der Inferenz führt. Die Gewichte der regulären Veröffentlichung liegen überwiegend quantisiert in FP8 vor; einzelne Modellbestandteile bleiben in bfloat16. Daneben bietet Aleph Alpha eine BF16-Version an.
Die Architektur kann man durchaus als traditionell bezeichnen: Kolibri-1 verwendet zwar eine hybride Attention-Architektur mit vier Sliding-Window-Attention-Layern (SWA), die sich mit einem Layer mit voller Attention abwechseln. Für letztere nutzt das Modell aber Grouped Query Attention, die Anbieter wie DeepSeek oder Qwen schon seit einigen Generationen aussortiert haben. Möglicherweise führt das auch zu dem etwas kleineren Kontext von „nur“ 256K Token, den man bei der Inferenz auf rund eine Million Token extrapolieren kann.
Die Architektur von Kolibri-1.
(Bild: Aleph Alpha)
Kolibri-1 beherrscht außerdem Reasoning; es kann also seine Antworten in einer Art „Denkprozess“ begründen. Dessen Länge lässt sich in drei Stufen steuern. So kann man verhindern, dass das Modell bei einfachen Fragen unnötig lange nachdenkt. Bis dahin bietet das Modell keine großen Überraschungen.
Trainingsdaten
Diese folgen allerdings bei den Trainingsdaten, die anders aufbereitet sind als die der Wettbewerber. Das fängt schon „ganz vorn“ im Modell an, nämlich im Tokenizer.
Der Tokenizer verantwortet die Aufteilung der Texte in Wörter beziehungsweise deren Bestandteile, die Token. Viele mehrsprachige Modelle, insbesondere die der chinesischen Anbieter, müssen hier Kompromisse eingehen, damit sich möglichst viele Wörter (oder Wortbestandteile) der unterschiedlichen Sprachen effizient darstellen lassen. Da Aleph Alpha sich auf Deutsch und Englisch konzentriert, gibt es dieses Problem hier so nicht. Daher kann Kolibri englische und insbesondere deutsche Wörter mit weniger Token darstellen. Das ist nicht nur interessant, wenn man nach Token bezahlen muss, sondern auch in der internen Verarbeitung. Spart man 10 Prozent der Token ein, kann das die Verarbeitung nahezu genauso stark beschleunigen.
Kolibri-1 eignet sich auch besonders für rechtliche und politische Inhalte. Spaßeshalber kann man ausprobieren, wie viele Token es für das gesamte Glossar des Bundestags benötigt. Kolibri-1 benötigt dafür 1137 Token, das zum Vergleich hinzugezogene sehr innovative DeepSeek-V4.1-Flash braucht 1910 Token – was für ein Unterschied! Hier kann man also viele Token sparen und mit kürzeren Kontexten arbeiten. Außerdem kann die Verarbeitung damit schneller werden, weil viele Wörter nicht mehr aus ihren Bestandteilen zusammengesetzt werden müssen. Dies erhöht gleichzeitig die Präzision der Vorhersagen.
Ausgestattet mit diesem Tokenizer hat Aleph Alpha das Modell mit 20 Billionen Token im Pre-Training trainiert und dabei Inhalte bis zum 18. Juni 2026 genutzt. Das ist also sehr aktuell, denn das Basis-Training dauert üblicherweise viele Wochen oder Monate. Wie viele andere Anbieter verwendet auch Aleph Alpha Common-Crawl-Daten, beschreibt dafür aber sehr ausführlich einen Deduplikationsprozess, für den die Entwickler neben statischen Tests zusätzlich andere LLMs wie Gemma-4-26B-A4B verwenden. Um auf den im Tech Report genannten Anteil von 21,3 Prozent zu kommen, genügen die darin enthaltenen Daten allerdings nicht. Stattdessen haben die Entwickler ein weiteres Modell (Mistral-NeMo-12B) verwendet, um englische Inhalte auf Deutsch neu formulieren zu lassen. Zusätzlich kamen auch übersetzte Daten zum Einsatz, die man teilweise manuell kuratiert hat, um bei der Übersetzung nicht zu wörtlich zu bleiben.
Viel Aufwand widmet Aleph Alpha der Qualitätssicherung, in der andere Modelle als „Judge“ zum Einsatz kommen. Damit und mithilfe daraus berechneter Korrelationen kann man besonders „gute“ Dokumente identifizieren, die anschließend in einen „Data-Mix“ kommen. Dabei erhalten unterschiedliche Quellen verschieden hohe Gewichte, die mit der Güte ihrer Dokumente zusammenhängen.
Diese eigene Datenpipeline erlaubt es dem Anbieter, später neuere Daten leichter über den Trainingsprozess in künftige Modellversionen zu integrieren.
Die Verteilung der Pre-Training-Daten.
(Bild: Aleph Alpha)
Im sich anschließenden sogenannten Mid-Training verwendet Aleph Alpha 3,4 Billionen Token „höherwertiger“ Inhalte, darunter logische Schlussfolgerungen, mathematische Dokumente und Programmcode. Im Mid-Training verlängert sich der Kontext von 16K auf 64K, um in der letzten Pre-Training-Phase schließlich 256K zu erreichen. Das spart erhebliche Rechenkapazität in den aufwendigen ersten Trainingsphasen. Auch im Mid-Training nutzt Kolibri-1 Daten aus der Pipeline, die je nach Qualität gemischt werden. Dabei verwenden die Entwickler jeweils eine Variante von DeepSeeks Auxiliary Free Load Balancing, die sie Exact Quantile Balancing nennen, um alle Experten „gleichmäßig“ zu trainieren. Aleph Alpha nutzt daneben noch die sogenannte Load-Error Injection, um auch in den Micro-Batches alle Experten zu berücksichtigen. Unterschiedliche Weiterentwicklungen dieser „Balancier“-Methoden haben sich nun bei fast allen Anbietern durchgesetzt, insbesondere wenn sie viele Experten nutzen.
Im Post-Training muss das Modell lernen, Fragen richtig zu beantworten. Auch dafür verwenden die Entwickler deutsche und englische Daten aus unterschiedlichen Bereichen wie Toolnutzung, Instruction Following und Code. Auch diese Daten sind zum Teil von anderen Modellen generiert, nämlich von GLM-5.2, GLM-5.3 und Qwen3.8-27B. Letzteres erstaunt, denn das Modell steht erst seit Ende August zur Verfügung. Aleph Alpha bringt dem Modell bei, seine Denktiefe zu steuern und seine Gedankengänge auf Deutsch zu formulieren. In letzterem Punkt unterscheidet es sich damit von fast allen anderen verfügbaren Modellen, die immer Englisch denken. Eine weitere Besonderheit ist das Merlin-Arthur-Protokoll. Damit versucht man, dem Modell Halluzinationen abzutrainieren. Es funktioniert wie ein Spiel, bei dem man relevante und irrelevante Teile der Antwort verdeckt. Das Modell muss dann ohne dieses Wissen entscheiden, welche Antwort besser passt, und erhält für die richtige Wahl eine Belohnung. Offenbar zeigt das Verfahren Wirkung, denn in den Benchmarks kann man erkennen, dass das Modell spürbar seltener halluziniert.
Bei allen Trainingsdaten achtet Aleph Alpha darauf, den EU AI Act und die DSGVO einzuhalten. Außerdem passt der Anbieter das Modell auf den „demokratischen Konsens“ in Europa an. Man könnte die Formulierung so verstehen, dass es auch Antworten gibt, die chinesischen Modellen aus politischen Gründen nicht erlaubt sind.
Natürlich ist der Trainingsprozess enorm aufwendig. Er verwendet dazu den Muon-Optimizer, um die Modellgewichte anzupassen, für die Skalierungsfaktoren und Gewichte der Embeddings ist weiterhin der allgegenwärtige AdamW-Optimizer zuständig.
Die dafür notwendige Infrastruktur ist gewaltig: Das Pre-Training fand auf 768 Nvidia-B200-GPUs über 96 Knoten statt, dafür fielen laut Modellkarte rund 392.000 GPU-Stunden an (also etwa 45 GPU-Jahre). Für das Reinforcement Learning im Post-Training setzte Aleph Alpha einen Cluster aus 256 Nvidia-B300-GPUs ein. Besonders interessant daran ist, dass 144 GPUs nur für die Inferenz zuständig waren. Das liegt vermutlich daran, dass das GRPO-Verfahren unterschiedliche Antworten benötigt, die es dann gegeneinander bewertet. Es handelt sich um eine beachtliche Leistung, das alles nach dem Knowledge-Cutoff Mitte Juni bis Ende September zu erledigen. Sicher gab es dazu Vorarbeiten: Aleph Alpha hat zuvor das Modell Kolibri Origin trainiert.
Um das Training reproduzierbar zu machen, arbeitet Aleph Alpha mit einer sogenannten ModelFactory. Das kann man sich als eine Art Rezept (in Form von Code) vorstellen, das das Training des Modells genau beschreibt. Diese Rezepte sind einer Versionskontrolle unterworfen, sodass sich das gesamte Training reproduzieren lässt. Dies setzt voraus, dass man über die nötige Infrastruktur verfügt und bereit ist, entsprechend viel Rechenzeit zu investieren. Energiekosten darf man dabei auch nicht vernachlässigen, Aleph Alpha schätzt 950 MWh, was bei einem kWh-Preis von 0,30 Euro (der für solche Großkunden sicher niedriger ist) 285.000 Euro entspricht.
Ausprobieren
Da das Modell mit offenen Gewichten bereitsteht, kann man es problemlos ausprobieren. vLLM unterstützt das Modell mit einem Plugin, auch für llama.cpp gibt es schon Unterstützung mit einem kleinen Patch.
Erwartungsgemäß funktioniert das Modell sehr schnell. Das liegt an den nur knapp vier Milliarden aktiven Parametern. Es spielt damit fast in der gleichen Geschwindigkeitsliga wie Qwen3.5-35B-A3B. Die Antworten des Modells sind alle richtig. Besonders auffällig ist der (antrainierte) deutsche Reasoning-Prozess. Die Antwort zur Waschanlage ist zwar etwas umständlich, bei vielen anderen Modellen liegt jedoch der Verdacht nahe, dass diese Frage bereits in der Trainingsmenge enthalten ist, wenn die Antwort sehr kurz und teilweise auch noch mit Emojis ironisch formuliert ist.
Alles in allem funktioniert das Modell sehr gut. Ob es Halluzinationen wirklich besser vermeiden kann als andere, muss sich im Praxisbetrieb noch zeigen. Auch mit Fragen wie „Organisierte der in Hannover ansässige Heise Verlag, der viel zu Computern schreibt, auch die Computermesse CeBIT?“ ließ sich das Modell nicht durcheinanderbringen, sondern antwortete richtig, dass die Deutsche Messe AG die CeBIT bis 2018 organisierte. Versucht man es umgekehrt mit „Welche Messen organisiert der Heise Verlag aus Hannover?“, erhält man die Antwort, dass das Modell keine Antwort wisse und man auf die Website schauen solle – nicht schlecht!
Fazit
Kolibri-1 ist ein wirklich solides Modell, das sehr gut Deutsch spricht und auch auf Deutsch argumentiert. Damit ist es für die vorgesehenen Anwendungsfälle in Unternehmen und Behörden prädestiniert. Technisch ist es dafür gut gerüstet, denn man kann es autark und souverän auf eigener Infrastruktur betreiben.
Sehr interessant liest sich der technische Bericht, der auch dort nicht mit Details spart, die andere gern auslassen. So erfährt man nicht nur vom Design des Tokenizers, sondern auch, wie die Trainingsmenge entstand, welche anderen Modelle dabei eine Rolle spielten und wie alles zusammenfloss. Deutlich kann man erkennen, wie viel Engineering da eingeflossen ist. Das tröstet etwas über die „altbackene“ Architektur hinweg.
Spannend ist auch die ModelFactory, die aus einfachen, lesbaren Code-Bausteinen die Modelle entstehen lässt. Ein Muster an Nachvollziehbarkeit, das ein DSGVO- und EU-AI-Act-kompatibles Modell auszeichnet.
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