Gelingt es den serbischen Studierenden, Vucic zu entmachten?

- In Serbien wird am Sonntag gewählt, nachdem Studierende zwei Jahre lang fast ununterbrochen gegen die Regierung protestiert haben.
- Auslöser war der Einsturz eines Vordachs in Novi Sad 2024 mit 16 Toten, die Proteste forderten dann einen Regierungswechsel.
- Die Studierenden stellen 250 Kandidierende auf, Präsident Vucic ist nach seinem Rücktritt als Premier wählbar.
Angefangen hat es mit dem Einsturz eines Vordachs an einem neu renovierten Bahnhof in Novi Sad. 16 Menschen kamen dabei ums Leben. Studierende gaben der Korruption der Vucic-Regierung die Schuld für die Tragödie und fingen an zu protestieren.
Das Vordach ist 2024 eingestürzt. Die studentischen Proteste haben Serbien seither fast ununterbrochen erfasst. Anfangs forderten die Studierenden eine Aufarbeitung des Vorfalls. Dies wuchs zur Forderung eines Regierungswechsels an. Nun steht die Bewegung kurz vor dem Ziel.
Der serbische Präsident hat letzten Monat vorgezogene Wahlen angekündigt, wobei er als Präsident zurücktrat und nun als Premierminister wählbar ist. Auf der anderen Seite stehen 250 von den Studierenden ausgewählte Kandidaten für das Parlament. Am Sonntag stimmen die Serben über die Zukunft ihres Landes ab.
Wen schicken die Studierenden ins Rennen?
Unter den von den Studierenden eingereichten Kandidierenden befinden sich Professoren, Wissenschaftler, Ärzte, Arbeiter, Schauspieler und Aktivisten, wie Filip Balunovic, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität von Belgrad, in der «New York Times» schreibt. Die meisten davon haben noch nie ein politisches Amt bekleidet.
Balunovic erklärt weiter, dass die Kandidierenden in einem «langwierigen Prozess aus Prüfung und Interviews» ausgewählt wurden. Die Fakultäten der Universitäten schlugen Kandidaten vor und prüften Nominierte aus dem ganzen Land. Nach einer Diskussion der Optionen trafen die Studierendenversammlungen ihre Wahl. «Tausende beteiligten sich an diesem Entscheidungsprozess.»
Die Bewegung hat ein breit gefächertes Programm, doch im Mittelpunkt steht das Bekenntnis zum Kampf gegen die Korruption.
Wie stehen die Chancen der Studierenden?
Wie die BBC und der Guardian schreiben, gibt es in Serbien keine verlässlichen unabhängigen Umfragen. Einige Analysten sagen ein äusserst knappes Wahlergebnis voraus. Serbische zivilgesellschaftliche Gruppen warnten jedoch, dass die Voraussetzungen für «freie und faire Wahlen» fehlten. In den letzten Monaten gab es vermehrt Berichte über Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen studentische Demonstranten.
Vucic selbst und seine Partei geniessen jedoch noch immer Rückhalt in bestimmten Teilen der Bevölkerung. Diese sieht in Vucic einen starken Führer, der sich für die Interessen des Landes einsetzt. Er kann auf ein beträchtliches Wirtschaftswachstum in den letzten zehn Jahren und zahlreiche Verbesserungen im Bereich der Infrastruktur verweisen.
Zudem beschuldigt Vucic die Studierendenbewegung, ein aus dem Ausland finanzierter Putschversuch zu sein. Gleichzeitig warnt er davor, dass die Beziehung zu Putin und zu China leiden würde, wenn die Studierenden die Wahlen gewinnen würden.
Studierende sind hoffnungsvoll
Am Donnerstag fanden auf beiden Seiten die letzten Rallyes statt. Vucic trat als einziger Sprecher vor Tausenden Unterstützern auf. Derweil versammelten sich Schätzungen zufolge 150’000 Studierende und ihre Anhänger in Belgrad. Mehrere Sprecher – Studierende und Kandidierende – traten während des Abends auf.
«Wir haben Menschen zusammengebracht, die tatsächlich die Besten auf ihrem Gebiet sind, und wir sind fest davon überzeugt, dass sie kompetent genug sind, das Land zu regieren», sagt Aleksandra, eine Studentin an der Universität Novi Sad, gegenüber der BBC. «Sie alle teilen dieselbe Vision von einem Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht, in dem man mitten in der Nacht nach Hause gehen kann, ohne von irgendwelchen Hooligans zusammengeschlagen zu werden.»
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Simon Misteli (sim), Jahrgang 1995, arbeitet seit 2024 als Redaktor am Newsdesk. Dabei schreibt er über verschiedenste Themen mit einem Fokus auf Auslandsgeschichten.
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