Die Republik Kosovo ist nach einem weiteren Femizid in Aufruhr: Arlinda Zekaj suchte Schutz, doch Behörden ignorierten ihre Hilferufe
Arlinda Zekaj bittet die Polizei zahlreiche Male um Schutz. Aber die findet, sie übertreibe. Am 25. Oktober sagt die 49-jährige erneut gegen ihren Mann aus, der daraufhin zwar festgenommen wird. Doch Zekaj bittet auch um weiteren Schutz - vor der Familie ihres Mannes. Vergeblich.
Die Polizei fährt Arlinda Zekaj nach Hause. Dort wartet ihr Mörder. Um 20:58 Uhr verlässt sie das Polizeifahrzeug. Kurz darauf geht ein Notruf bei der Polizei ein. Als die um 21:10 Uhr wieder bei Zekajs Haus eintrifft, findet sie nur noch die Leiche der Frau. Mit einer Axt wurde die 49-jährige in ihrem Schlafzimmer brutal erschlagen. Der mutmaßliche Täter ist ihr Schwager Albert Sylaj, der sich zu diesem Zeitpunkt auf der Flucht befindet.
Der Mord, der sich am späten Abend des 25. Oktober 2026 im Dorf Vitomirica, unweit der Stadt Peja im Westen von Kosovo ereignete, löste zahlreiche öffentliche Proteste und Demonstrationen mit tausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern in mehreren Städten des jüngsten Staates Europas aus.
Es ist bereits der achte Femizid in diesem Jahr - und der wohl brutalste von allen. Denn wie kaum ein anderer Frauenmord der vergangenen Jahre konnte der an Zekaj auch deshalb geschehen, weil Polizei und Staatsanwaltschaft in Kosovo die Hilferufe des Opfers ignorierten.
Minister lehnen Rücktritt ab
Eine der ersten Reaktionen war am 26. Oktober der Protest einer Gruppe von Feministinnen, die rote Farbe vor dem Sitz der kosovarischen Regierung in der Hauptstadt Prishtina ausleerten. "Der Staat hat Arlinda getötet", stand auf einem Banner, das die Aktivistinnen an den Eingang des Gebäudes hängten.

Auch in den Tagen danach brachte die Wut Tausende Menschen in Kosovo auf die Straße. Viele hielten dabei Fotos von ermordeten Frauen in den Händen, immer wieder war die Losung zu lesen: "Die Regierung hat Blut an den Händen". Am Sonntag (1.11.2026) demonstrierten erneut Tausende auf den Straßen des Westbalkanlandes.
Die Protestierenden fordern Anklagen gegen die im Fall Zekaj zuständigen Polizisten und Staatsanwälte. Außerdem verlangen sie den Rücktritt des Innenministers Xhelal Svecla und der Justizministerin Donika Gervalla, die im März 2026 vom kosovarischen Premier Albin Kurti zur nationalen Koordinatorin für den Schutz vor häuslicher Gewalt ernannt wurde.
Sowohl Svecla als auch Gervalla lehnen einen Rücktritt bisher ab. Kurti gibt allerdings zu, dass bestimmte Institutionen des kosovarischen Staates "versagt" hätten.
Mord mit Ankündigung
Tatsächlich war es eine Art Mord mit Ankündigung: Bereits im Sommer hatte Arlinda Zekaj ihren Ehemann wegen Drohungen angezeigt. Ein Gericht in Peja erließ anschließend eine Schutzanordnung, übertrug ihr vorläufig das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn und räumte ihr auch das Nutzungsrecht am Familienhaus ein.

Die Schutzanordnung sah auch vor, dass ihr Mann im gleichen Haus wohnen konnte, wo er ihr aber nicht näher als zwei Meter kommen sollte. Außerhalb des Hauses waren 20 Meter Abstand vorgesehen. Zekaj selbst hatte sich gegen eine Unterbringung in einem Frauenhaus entschieden, weil sie mit ihrem Sohn weiterhin in ihrem eigenen Zuhause leben wollte.
Auch nach der Schutzanordnung beschwerte sie sich mehrfach bei der Polizei, unter anderem auch wegen Drohungen ihres Schwagers Albert Sylaj. Besonders brisant war eine Beschwerde drei Tage vor dem Mord: Am 22. Oktober hatte Zekaj der Polizei gemeldet, dass sich Angehörige der Familie ihres Ehemannes gegen ihren Willen in ihrem Haus aufhielten, darunter auch Sylaj. Nach ihren Angaben hatte er sie mit den Worten bedroht: "Geh weg, sonst bringe ich dich um."
Trotz dieser konkreten Todesdrohung wurde Sylaj jedoch bis zum Mord lediglich als Zeuge im Verfahren gegen Zekajs Ehemann vernommen. Nach dem Mord fasste die Polizei ihn am 27. Oktober 2026 unweit von Peja. Gegen ihn wird wegen Mordes ermittelt.
"Kollaps des Staates"
Seit 2010 wurden in Kosovo 55 Frauen durch Partner oder Familienangehörige ermordet, oft nach jahrelang dokumentierter Gewalt und ignorierter Anzeigen. Kosovarische Regierungen verabschiedeten in den vergangenen Jahren zwar mehrere Gesetze und Vorschriften zur besseren Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. So können etwa inzwischen in solchen Fällen lebenslange Haftstrafen für Mörder verhängt werden. Aktivistinnen kritisieren jedoch, dass diese Maßnahmen von den zuständigen Behörden, darunter Polizei, Sozialdienste, Staatsanwaltschaften und Gerichte, nicht konsequent und koordiniert umgesetzt werden.
Die Rechtsanwältin Njomeza Zejnullahu schreibt dazu in einem Beitrag für das Portal Nacionale: "Nach jedem Mord hören wir dasselbe Wort: Versagen. 'Die Institutionen haben versagt.' Ich stimme nicht zu. Versagen ist, wenn etwas einmal passiert, wenn ein System, das normalerweise funktioniert, an einer Stelle bricht. Wenn sich die Fälle wiederholen, wenn die Opfer fast immer Frauen sind und jede von ihnen zuvor an die Tür einer Institution geklopft hat, ist das kein Versagen mehr. Das ist ein Kollaps des Staates und der Gesellschaft gegenüber der Frau an sich."
Was tun?
Als Konsequenz aus dem Mord an Arlinda Zekaj wurden bisher mehrere höhere Polizeibeamte aus Peja und der Umgegend vom Dienst suspendiert. Auch eine Staatsanwältin, die mit Zekajs Anzeigen befasst war, wurde von Dienst suspendiert. Den Protestierenden in Kosovo reicht das jedoch bei Weitem nicht aus.
"Alle Beteiligten innerhalb der Verantwortungskette müssen wegen der Nichterfüllung ihrer Amtspflichten nicht nur ihrer Ämter enthoben, sondern auch strafrechtlich verfolgt werden", sagt Liridona Sijarina, Politologin und feministische Aktivistin vom kosovarischen Kolektivi Feminist (Feministisches Kollektiv), der DW. "Dazu gehören nicht nur Polizisten, Staatsanwälte und Richter, sondern auch der Bürgermeister von Peja, Gazmend Muhaxheri, und schließlich auch die Ministerebene."
Außerdem forderten feministische Aktivistinnen, so Sijarina, dass innerhalb des Innenministeriums eine eigene Einheit geschaffen werden solle, die die Sicherheit von Frauen als Frage der nationalen Sicherheit verankert und sich gezielt mit der Prävention von Femiziden beschäftigt. Zudem müsse die Regierung den Gesetzentwurf für bezahlbaren sozialen Wohnraum ganz oben auf ihre politische Agenda setzen und darin auch vorsehen, dass Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben, in Sozialwohnungen untergebracht werden können.
"Wir sind der Auffassung", so Sijarina, "dass das bisherige institutionelle Verhalten das Misstrauen der Frauen gegenüber dem Staat nur weiter vertiefen und in der Folge die Gewalt gegen sie eskalieren lassen wird. Die Regierung hat es in der Hand zu zeigen, ob sie das Leben von Frauen ernst nimmt, indem sie sich klar zu unseren Forderungen positioniert."
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