Psychotherapie-Reform: Bundestag beschließt Korrekturen
Psychotherapie-Reform Mehr Hilfe für einige, längeres Warten für andere?
Stand: 15.10.2026 • 19:16 Uhr
Mit einer neuen Vergütungsregel will die Regierung bei der Psychotherapie sparen. Kinder und Schwerkranke sind ausgenommen. Fachverbände befürchten jedoch: Alle anderen könnten künftig länger auf einen Therapieplatz warten.
Von Sarah Emminghaus, NDR
Es war eh schon schwierig, einen Therapieplatz zu finden. Wartezeiten können sich auf Monate erstrecken. Gleichzeitig steigt der Bedarf immer weiter. Und dann hat die Bundesregierung kurz vor der Sommerpause auch noch viele Gelder gestrichen, in Form des sogenannten GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes. Das Ziel: die Gesundheitsausgaben zu senken.
Die darin enthaltenen Sparmaßnahmen für die Psychotherapie rufen seit Monaten viel Protest hervor. So viel, dass die Koalitionsfraktionen von SPD und Union ankündigten, das Gesetz noch einmal zu überarbeiten, bevor es in Kraft tritt. Das ist nun heute im Bundestag geschehen.
Reform deckelt Honorare für Therapeuten
Bei der Reform geht es im Kern um die Vergütung der ambulanten Psychotherapie. Bislang bekamen Therapeuten für jede geleistete Stunde einen festen Honorarsatz. Das wird ab jetzt gedeckelt: Ab einer bestimmten Stundenanzahl gibt es für jede weitere Stunde weniger Geld.
Die Psychotherapie wird also nicht mehr "extrabudgetär" vergütet, sondern fällt in die sogenannte Budgetierung. Therapeuten sollen also für dieselbe Anzahl an Patienten und Therapiestunden deutlich weniger Geld verdienen.
Außer bei den jetzt beschlossenen Ausnahmen: Kinder, Jugendliche und Menschen, die schwer krank sind. Schwere Krankheit wird über eine Skala eingeschätzt. Darunter fallen beispielsweise Menschen mit Suizidgedanken oder jene, die in mehreren Lebensbereichen stark eingeschränkt sind - also beispielsweise keine Freunde haben und ihren Arbeitsplatz nicht behalten können.
Bedeutung für vulnerable Gruppen wissenschaftlich belegt
Für sie wird weiterhin voll vergütet beziehungsweise sie werden weiterhin "extrabudgetär" behandelt. Auch die Akuttherapie für Patienten mit dringendem Behandlungsbedarf ist ausgenommen, wobei der Gemeinsame Bundesausschuss noch definieren muss, was "Dringlichkeit" genau bedeutet.
Die nun vom Bundestag beschlossenen Ausnahmen für besonders schützenswerte Gruppen sind wissenschaftlich belegt. Kurze Wartezeiten sind besonders bei starken Erkrankungen wie einer schweren Depression extrem wichtig. Kinder und Jugendliche profitieren besonders davon, wenn sie so früh wie möglich in Behandlung kommen.
Ausnahmen sind "geboten und wichtig"
Der Leipziger Gesundheitsökonom Alexander Konnopka bezeichnete die nun beschlossenen Ausnahmen als "geboten und wichtig". "Eine mögliche Folge dieser Änderungen der finanziellen Anreize für die Versorgung ist natürlich, dass sich Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zukünftig verstärkt diesen vulnerablen Gruppen - allerdings zulasten aller anderen - zuwenden", sagte er dem Science Media Center.
Fachverbände befürchten dementsprechend, dass sich die allgemeine Versorgung deutlich verschlechtern könnte. "Das kann dazu führen, dass bestimmte Patienten, die bisher auf dem Land ein Jahr auf einen Therapieplatz warten mussten, nun vielleicht gar nicht mehr in die Versorgung kommen", sagte der Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (Dptv), Enno Maaß, dem NDR.
Strukturelles Problem könnte verstärkt werden
Die Befürchtung ist also: Wenn Psychotherapeuten nun vor allem dringende und schwere Fälle behandeln, weil diese insgesamt besser vergütet werden, dann bekommen viele andere Menschen erst sehr spät oder gar nicht einen Therapieplatz. Womöglich "verschleppen" sie ihre Krankheit dann solange, bis sie selbst schwer krank sind.
Dazu kommt noch ein strukturelles Problem: Die Reform betrifft insbesondere Therapeuten mit einem halben Kassensitz. Das ist die Mehrheit der Therapeuten mit Kassenzulassung: 70 Prozent von ihnen haben nur einen halben Sitz.
Sie kriegen künftig deutlich weniger Therapiestunden voll vergütet als Therapeuten mit einem ganzen Kassensitz. Unterm Strich könnte die Reform also dazu führen, dass die Mehrheit der Therapeuten weniger Geld verdient als vorher.
Eine mögliche Folge: Das Angebot für ambulante psychotherapeutische Behandlungen könnte vor allem für gesetzlich versicherte Patienten stark sinken. Denn viele Therapeuten könnten nun verstärkt auf Privatpatienten und Selbstzahler setzen, um ihre Kosten verlässlich zu decken.
"Krise als Chance, Psychotherapie neu aufzustellen"
Nach Angaben des GKV-Spitzenverbands haben sich die Ausgaben in der Psychotherapie in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Es gibt immer mehr Therapeuten - gleichzeitig sei keine verbesserte Versorgung, verbunden mit verkürzten Wartezeiten, zu erkennen.
"Die ambulante psychotherapeutische Versorgung hat nicht zuletzt gerade durch die extrabudgetäre Vergütung in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs erfahren", sagte der Gesundheitsökonom Konnopka. Dieser sei mit einem überdurchschnittlichen Ausgabenanstieg verbunden gewesen, "aber aus Sicht der Versorgungssituation auch wirklich geboten". Diese Dynamik werde nun vorerst gestoppt, wenn nicht sogar konterkariert.
Es gibt auch Stimmen, die das System Psychotherapie in Deutschland angesichts der aktuellen Krise komplett neu denken wollen. Silvia Schneider, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum, sagte dem NDR, die Krise sei eine Chance, die Psychotherapie neu aufzustellen.
Sie plädiert konkret dafür, Prävention und Therapie nicht mehr so stark voneinander abzugrenzen. "Dann könnten wir Psychotherapie viel niederschwelliger in den Lebenswelten der Menschen implementieren, also in Kitas, in der Schule, im Freizeitbereich, für Erwachsene in der Arbeitswelt", sagte sie.
Erfolgreiche Konzepte im Ausland
Konkret weist Schneider auf Ideen aus dem Ausland hin, zum Beispiel Großbritannien. Dort würden Prävention und Therapie passgenau erfolgen. Außerdem werde der Erfolg der eingesetzten Behandlungen besser als hier erfasst und messbar gemacht.
Bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen fordert sie, stärker interdisziplinär zu arbeiten und auch Sozialarbeit oder Jugendhilfe in die Behandlung zu integrieren.
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