Turn-WM in Rotterdam: Sie wollen keine Kinder mehr

Der Turnsport hat in den USA, in Deutschland und besonders auch in der Schweiz unter Missbrauchsskandalen arg gelitten. Das soll nun anders werden.
Foto: Francisco Seco/ap/dpa
Die eindringlichen Kuhglocken, die Schweizer Fans traditionell zur Anfeuerung läuten, waren nicht zu überhören, als mit dem Teamfinale der Männer in der vergangenen Woche der spannendste Wettkampf der Turn-WM in Rotterdam auf dem Programm stand. Am Ende belegte die Alpenrepublik den fünften Platz, über einen Punkt vor den als Medaillenkandidaten gehandelten US-Amerikanern. Die Deutschen waren nicht dabei, Gold sicherte sich Japan vor Russland und China.
„Sensationell“, befand David Huser, Abteilungsleiter Olympische Mission im Schweizerischen Turnverband (STV): „Die USA zu schlagen, ich glaube, das ist wunderbar.“ Über das Ergebnis des Frauenteams, Rang 14 in der Qualifikation und damit das beste Ergebnis seit 1983, freue er sich genauso: „Ja, hervorragend.“ Überschwenglich wird Huser trotz dieser Resultate nicht: Realistisch sein und „den Ball auch ein bisschen flachhalten“, ist sein Motto.
Wie der große Nachbar Deutschland war auch die Schweiz im Zuge einer weltweiten Welle von Enthüllungen massiven Machtmissbrauchs im Turnen erschüttert worden. In den „Magglingen Protokollen“ – so der Titel der journalistischen Recherche, die Das Magazin im Oktober 2020 veröffentlichte – schilderten Turnerinnen und Gymnastinnen ihre Erfahrungen. Der Verband zog Konsequenzen, entließ Trainer und Funktionäre.
Dann bekam David Huser, zuvor Spitzensportchef im Aargauer Turnverband, seinen Job und bastelt nun seit rund fünf Jahren mit seinem Team an einem Neuanfang. Auf die Frage nach den drei wichtigsten ergriffenen Maßnahmen antwortet der 39-Jährige im Gespräch Ende September, es gehe allem voran um „Werte“: „Erstens, die Athletin und der Athlet stehen im Zentrum. Wir machen das nur für die, wir machen das weder für Funktionäre noch sonst für jemanden. Dann als Zweites der Umgang mit dem Menschen. Diese beiden Dinge sind entscheidend. Und drittens, der individuelle Umgang.“
Das klingt gut, und richtig allemal. Nun hat es an wohlklingenden Erklärungen von Verantwortlichen in den vergangenen zehn Jahren – 2016 war der Missbrauch durch den amerikanischen Teamarzt Larry Nassar öffentlich geworden – nie gemangelt. Tatsächlich aber kann der STV mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen aufwarten.
Dazu gehört eine neue Struktur des dezentralen Stützpunktsystems: Ein Labelsystem mit fünf Modulen – Ethik und Integrität, Management, der Trainingsbetrieb im weiten Sinne, das Umfeld und Erfolg – wurde entwickelt. Der Erfolg stehe deshalb am Schluss, „weil wir der Überzeugung sind, dass der Erfolg nicht etwas ist, was in erster Linie steht, sondern etwas, das die Folge aus dem System ist“, so David Huser.
Bronze, Silber oder Gold
Je nachdem, wie gut Stützpunkte vorgegebene Qualitätskriterien pro Modul erfüllen, erhalten sie das Label Bronze, Silber oder Gold – und entsprechend finanzielle Zuwendungen. Außerdem wurde die Kader- und damit die individuelle Förderstruktur überarbeitet: Der Kader für Neun- und Zehnjährige wurde komplett gestrichen, aus Sicht des Verbandes sei das „viel zu früh und nicht notwendig“, erklärt David Huser. Der Übergangskader U18 wurde neu erfunden: Athleten, die hier aufgenommen werden, verbleiben für drei Jahre in dieser Förderstufe, ohne Erfolgsnachweise liefern zu müssen.
Damit wolle man in der entscheidenden puberalen Entwicklungsphase den Druck verringern: „Wir wollen Euch Zeit geben zum Entwickeln“, so die Botschaft. Dahinter stehe eine Grundüberzeugung, so Huser: „Wir wollen international Frauen sehen, die an Olympischen Spielen starten und nicht Mädchen oder Kinder; Frauen, die selbständig für ihr Projekt einstehen.“ Entsprechend werden in Magglingen, dem einzigen zentralisierten Trainingsort in der Schweiz, nur noch Turner und Turnerinnen aufgenommen, die mindestens 18 Jahre alt sind.
„Sehr viel Gegenwind“, habe er als Reaktion auf die Neuerungen erfahren, und zwar „aus dem System“, sagte der Spitzensportchef im Gespräch, also von Trainern, Kampfrichtern, Funktionären, die seit Jahrzehnten ihren Überzeugungen folgten. Der Glaube an Neuerungen komme eben erst mit dem Erfolg. Nun, nach den Ergebnissen sagt David Huser in Rotterdam: „Man beginnt vielleicht langsam an etwas zu glauben und das ist sehr schön.“
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