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Monday, October 26, 2026

Stanišić-Stück in Osnabrück: Wider die Beschissenheit des Hier und Jetzt

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Witwe Gisela gibt’s wirklich: In Saša Stanišić’ Erzählungen rumoren die Jugoslawienkriege. Regisseur Demjan Duran bringt sie in Osnabrück auf die Bühne.

„An einem heißen Weinbergnachmittag im Juni 1994 wirft Fatih einen Stein in die Luft …“ Der auf die Bühne projizierte Text wird von einem Schauspieler ganz sanft in gesprochenen Erzählertext verwandelt, fortan in direkter Publikumsansprache in die Figurenrede gepackt und lässig in szenisches Spiel überführt. So geht Literaturadaption.

Dafür wurde am Theater Osnabrück zwar nicht der Buchtitel „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ werbewirksam gekürzt. Aber Regisseur Demjan Duran hat für seine Dramatisierung von den 256 Buch- nur 49 Stücktextseiten übriggelassen.

Das Regiekonzept präsentiert Schauspieler William Hauf in der Rolle des Autors Saša Stanišić wie auf einer Lesung: Da aus Zeitgründen nicht alle zwölf der in seiner Publikation versammelten Geschichten vorgestellt werden könnten, seien zentrale Momente der Hälfte von ihnen ausgewählt worden.

Aus zugewanderter Perspektive sind es liebevoll satirisch aufbereitete Impressionen eigentümlicher Selbstverständlichkeiten, schrulliger Eigenarten und beängstigender Entwicklungen, die dem Autor in der deutschen Provinz begegneten und nicht mehr „sicher schlafen“ ließen. „Hanau. Die AfD. Kampf und Not. Mutter, die morgens vor der Arbeit in der Küche stumm weint, während sie Brote schmiert. Mich schuldig fühlen vor den Bullen, ohne mich schuldig gemacht zu haben.“

Verrückte Einfälle, spielerische Mittel

So beschreibt Stanišić das Lebensgefühl im Kontext Armut, Ausgrenzung, Racial Profiling, Alltagsrassismus, Rechtspopulismus, sozialer Spaltung, drohender Abschiebung usw. Der Tristesse zum Trotz kommen die Geschichten empathisch gewitzt und mit herrlich verrückten literarischen Einfällen daher. Duran sucht mit spielerischem Ernst entsprechende Theater-Mittel. Die jetzt nicht immer Sinn machen, aber meist auch amüsant sind.

Etwa wenn sich mit Schwimmweste, Rettungsring oder Fischernetz bekleidete Dar­stel­le­r:in­nen wie Robben über die Bodenwellen des Bühnenbildes bewegen. Oder wie Puppen einer Spieluhr mechanisch emporschnellen und wieder verschwinden. Oder als herumrollende Tüllknäuel mit Dilek über ihre Zeit als Ziegenhirtin in der Türkei sprechen und die Flucht nach Deutschland feiern, wo sie jetzt als Reinigungskraft arbeitet und über Rückkehr sowie neuerlichen Aufbruch nachdenkt.

Oder die Stammtischbrüder einer anti-woken Kartenspielrunde. Die nehmen ihre Ganzkopfmasken in Kieselsteindesign erst ab, als jemand mit Hitlergruß einen Mann in Wehrmachtsuniform begrüßt, dem ein ausgewachsener Panzer an die Haustür geliefert wurde.

Ihr könnt euch die Zukunft nicht leisten, wisst aber jetzt, dass sie möglich ist. Also macht ihr was in der Gegenwart …?, fragt Fatih

Und weil Duran Musik wichtig ist, muss ein Gottesdienst nicht nur erwähnt, sondern auch ausagiert werden: Das fünfköpfige Ensemble intoniert „Kumbaya, my Lord“ und „Amazing grace“, bis das Publikum mitsummt und mitklatscht: eine inhaltlich und ästhetisch folgenlose Interaktion.

Überzeugend aber die performative Leichtigkeit, mit der die Spie­le­r:in­nen bei ständiger Rollenwechselei stets aus ihrem jeweils ganz eigenen Duktus heraus agieren. Deutlich wird, was Regisseur und Autor verbindet. Beide kamen infolge der Jugoslawienkriege nach Deutschland und wuchsen dort auf. Nun setzen sie sich mit der Suche nach Identität zwischen Herkunft aus einem fremden Land sowie dem Ankommen und der Zugehörigkeit in einer fremden Heimat auseinander.

Der zur Bestärkung bereits ins Buch hineingeschriebene Heinrich Heine rückt als Revolutions-Romantiker auf der Bühne überdeutlich in den Fokus. Saša fabuliert sich Begegnungen und einen Austausch herbei über Freiheit, Märchen, Exil, politischen Aufbruch und das Gefühl von Marginalisierung.

Die Inszenierung schließt sich schnell der Stanišić-Botschaft an: Damit aus der „Beschissenheit“ des Hier und Jetzt nicht „die Beschissenheit der Zukunft“ wird, schlägt eine Migranten-Clique einen „Anproberaum fürs Leben“ vor, in dem Versionen vorstellbarerer Zukünfte auszuprobieren sind und zum Einloggen einladen. Fiktionsspielerei auch als ideale Vorlage für das Theater als Ort alternativ gedachter Lebensmodelle. „Ihr könnt euch die Zukunft nicht leisten, wisst aber jetzt, dass sie möglich ist. Also macht ihr was in der Gegenwart …?“, fragt Fatih.

Vom Grab ins neue Leben

„Wir strengen uns an?“, mutmaßt Michel. Saša: „Die Antwort war richtig und leuchtet allen sofort ein!“ Also gilt: Raus aus dem Gefängnis der eigenen Biografie und Selbstentwurf in eigene Zukunftsszenarien hinein. Flucht in die Realität.

Wie die Witwe Gisela, die am Grab ihres Mannes stücktitelgemäß eine Gießkanne platziert – als Zeichen, offen für neue Beziehungen zu sein. Oder wie Saša liest und liest und liest, um am Ende nicht mehr rettungsankernd in die Literatur anderer zu flüchten, sondern selbst Schriftsteller wird.

Natürlich verkürzt die Aufführung die Vorlage, bringt die ausgelegten Handlungsfäden und das Personal in der Episodendramaturgie auch nicht final zusammen. Aber die Figuren erblühen warmherzig pointiert und die Mutmacherthese kommt als Animation zum Handeln mit theatralem Schmackes über die Rampe.

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