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Thursday, October 22, 2026

«Wir sind noch kämpferisch – das verdrängt die Existenzangst»

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  • In der Siedlung Bombachhalde in Zürich-Höngg hat die Zürich Versicherung 65 Mietparteien gekündigt.
  • Die Mieterinnen und Mieter fechten die Kündigung an, da bei der Kündigung noch keine Baueingabe vorlag.
  • Die Eigentümerin verspricht ein Bleiberecht bis Baubeginn, voraussichtlich 2028 – rechtlich bindend war das Schreiben laut Mieterverband nicht.
  • Statt 65 sollen nach dem Ersatzneubau 95 Wohnungen entstehen.

Kündigung für 65 Mietparteien in drei Monaten – dieses Schreiben erhielten Martina (47), Liam (25), Yrlanda (74) und Anne-Marie (69) im Juni. Betroffen ist die Bombachhalde in Zürich-Höngg mit sieben Mehrfamilienhäusern.

Die Bewohnerinnen und Bewohner fochten die Kündigung gemeinsam an. «Es wurde gekündigt, bevor ein Baugesuch eingereicht war», sagt Liam. Deshalb hoffen sie auf Erfolg im Schlichtungsverfahren. Mindestens bis 2028 möchten sie bleiben dürfen, bis die Siedlung abgerissen wird. Doch auch das sei nicht garantiert, sagt Martina. Ein Begleitschreiben versprach zwar eine Verlängerung um 1,5 Jahre. Laut Mieterinnen- und Mieterverband ist dieses Versprechen aber rechtlich nicht bindend.

Die Anfechtung wird den Neubau nicht verhindern. Die heutigen Bewohnerinnen und Bewohner werden irgendwann ausziehen müssen. «Eine Wohnung im Neubau wird sich keiner von uns leisten können», sagt Liam. Vier Betroffene erzählen, wie sie die Situation erleben.

Yrlanda: «Suchen Sie mit Hund mal eine Wohnung»

Yrlanda und Hündin Maya wohnen seit neun Jahren in der Bombachhalde.

Yrlanda und Hündin Maya wohnen seit neun Jahren in der Bombachhalde.20min/Céline Trachsel

«Ich habe mich fürs Wohnen im Alter angemeldet», sagt Yrlanda. Denn mit ihrer Hündin Maya (11) habe sie kaum Chancen auf dem Wohnungsmarkt. Die Rentnerin spielt in einem Theater mit, in dem es um Einsamkeit geht. «Sogar Maya spielt mit. Ein Hund hilft eben gegen die Einsamkeit.»

Sie wohnt seit neun Jahren in der Bombachhalde, kennt alle Nachbarn. «Ich dachte, ich werde hier bleiben, bis mein Licht ausgeht», sagt sie. Was sie belastet: Beim Wohnen im Alter dürfe man zwar mit einem Tier einziehen. Sollte dieses aber sterben, darf man sich kein neues mehr zulegen. «Ich hatte geplant, nach Maya vielleicht noch einen alten Hund aus dem Tierheim zu holen, mit dem ich dann auch gemeinsam altern kann. Doch das wäre nicht mehr möglich.»

Von der Situation will sie sich keine Angst einjagen lassen. «Aber Sorgen, doch, die habe ich schon.»

Martina: «Mein Sohn will sich ans Klo ketten»

«Ich habe schon oft von Leerkündigungen gehört – und plötzlich trifft es mich», sagt Martina (47). Sie ist zweifache Mutter, der jüngere Sohn ist hier geboren. «Meine Teenager sind hier verankert, hier ist ihr Freundeskreis. Wir wollen nicht weg.» Deshalb sucht sie eine neue Wohnung im selben Schulkreis.

«Der Jüngere hat gesagt, am Tag des Abrisses wolle er sich an die Tür ketten. Der Ältere sagte: Die montieren sie einfach ab. Als er dann meinte, dass er sich halt ans WC ketten wolle, sagten wir alle, das bringe auch nichts.» Das zeige aber, wie sehr die Siedlung Heimat ihrer Kinder sei.

«Wir sind noch kämpferisch – das verdrängt die Existenzangst», sagt Martina. Die Ungewissheit belastet die 47-Jährige trotzdem manchmal: «An manchen Tagen stelle ich mir vor, wie es wäre, mich mit den Kindern unter einer Brücke einzurichten. Die Ungewissheit über unsere Zukunft ist schwer aushaltbar.» Sie rechnet vor: «Als Selbstständigerwerbende kann ich meine Beiträge in die Pensionskasse reduzieren, so kann ich eine teurere Wohnung bezahlen. Aber selbst dann wird es knapp.»

Sie rechnet damit, dass sie aus der Stadt Zürich verdrängt werde. «Ich war schon an Besichtigungen mit 40 anderen Familien. Wir sind eine ruhige, anständige Familie und haben eigentlich gute Karten. Aber alle anderen auch.»

Liam: «Als Künstler kann ich mir nichts Teureres leisten»

Liam (25) wohnt seit 2,5 Jahren an der Bombachhalde. Die Vierzimmerwohnung, die sie sich zu dritt teilen, kostet 1850 Franken inklusive Nebenkosten. «Ich bin gerade fertig mit meinem Studium und arbeite als Filmschaffender. Als Künstler kann ich mir gar nichts Teureres leisten als das.» Auch er würde gerne hier bleiben. «Einfach, so lange es geht – wenigstens bis zum letzten Tag vor dem Abriss.»

Er hat eine dringliche Anfrage an den Stadtrat mit Hilfe von zwei Gemeinderäten überreicht. «Denn unsere Siedlung grenzt in 15 Metern Entfernung ans Naturschutzgebiet, das war damals legal. Aber inzwischen ist der gesetzliche Mindestabstand auf 30 Meter angehoben worden. Vor zwei oder drei Jahren hat der Stadtrat der Eigentümerschaft einfach mal vorsorglich eine Sonderbewilligung erteilt, wieder 15 Meter entfernt zu bauen – für alle unverständlich», sagt Liam.

Anne-Marie: «Es wird mir schwerfallen, zu gehen»

Anne-Marie (69) wohnt seit 18 Jahren dort. Eine ältere Bewohnerin, die sie gut kennt, sogar schon seit 42 Jahren. «Wir kennen uns alle hier. Wir kennen die Angestellten im Coop und in der Bäckerei und ich bin sehr mit dem Canto-Verde-Laden im Quartier verbunden. Der Gedanke, das alles loszulassen, fällt mir schwer.»

Martina wirft ein: «Anne-Marie grüsst alle mit Namen. Sie kennt sogar die Namen aller Hunde.»

Anne-Marie bezeichnet die Bombachhalde als einen Ort, wo sie sich erholen könne. «Es ist ein Heimkommen. Hier wegzuziehen ist ein Weggehen von meinem Daheim. Das wird nicht einfach, das geht sehr tief und wird ein langer Prozess. Und es ist auch nicht erbaulich, daran zu denken, dass es schwer wird, etwas zu finden. Etwas, wo ich mich wieder daheim fühlen kann.»

Eigentümerin verspricht zwei Jahre Bleiberecht

Eigentümerin der Bombachhalde ist die Zürich Versicherung. Diese bekräftigt gegenüber 20 Minuten, dass die Bewohner noch bleiben dürfen.

«Zurich hat die Mieterinnen und Mieter im Juni 2026 über die notwendigen Kündigungen informiert und ihnen so die Möglichkeit gegeben, innerhalb von rund zwei Jahren eine neue Wohnung zu suchen», schreibt Mediensprecher David Schaffner auf Anfrage. «Alle Mieterinnen und Mieter können wie schriftlich mitgeteilt bis Baubeginn bleiben.» Man unterstütze die Betroffenen auch bei der Suche nach neuen Wohnungen und biete Beratung an. «Sobald die Mietenden eine Wohnung gefunden haben, können sie ihrerseits innerhalb von 30 Tagen kündigen.»

Die Immobilien an der Bombachhalde in Zürich sind rund 70 Jahre alt. Schaffner: «Sämtliche Bauteile stehen am Ende des Lebenszyklus. Um in der Stadt Zürich mehr Wohnraum anbieten zu können und dem breiten gesellschaftlichen Anliegen nach verdichtetem und nachhaltigem Bauen nachzukommen, realisiert Zurich Ersatzbauten.» Die Anzahl der Wohnungen werde sich von 65 auf 95 erhöhen, die Wohnfläche wachse von rund 4200 m2 auf rund 6100 m2.

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Céline Trachsel

Céline Trachsel (ct), arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Zürich.

Fabienne Gnos

Fabienne Gnos (fgn), Jahrgang 2002, arbeitet seit Februar 2026 bei 20 Minuten. Sie ist Praktikantin im Ressort Bern.

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