Krieg in der Ukraine – Putin gewinnt Spielraum, Europa gerät unter Druck

Steve Witkoff, der Sondergesandte des amerikanischen Präsidenten, traf sich gestern Dienstag in Norwegen mit dem ukrainischen Staatschef Wolodimir Selenski. Zusammen mit Vertretern von Nato- und EU-Staaten soll ein Friedensvorschlag ausgearbeitet werden, den Witkoff dann dem russischen Präsidenten Wladimir Putin unterbreiten soll.
Mehr als diplomatische Betriebsamkeit wäre eine Überraschung. Selenski und US-Präsident Donald Trump decken sich seit Tagen mit Vorwürfen ein, die Beziehung zwischen der Ukraine und den USA hat einen neuen Tiefpunkt erreicht.
Interesse zeigt Trump stattdessen an Putins Vorschlag eines Dreiergipfels mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping im November in China. Wollen Putin, Xi und Trump im kleinen Kreis das Schicksal der Ukraine besiegeln? Einmal mehr muss sich Selenski davor fürchten, in die Kapitulation gezwungen zu werden.
Kräfteverhältnisse haben sich verschoben
Zumal sich die geopolitischen Kräfteverhältnisse 2026 zuungunsten der Ukraine verschoben haben. Fünf Entwicklungen machen ihr zu schaffen, die alle direkt oder indirekt mit dem Iran-Krieg zu tun haben.
- Die USA und die Golfstaaten haben im Iran-Krieg grosse Mengen an Flugabwehrraketen verbraucht. Für die Ukraine bleiben damit immer weniger Raketen übrig. Die Bestände sind geschrumpft, die Produktionskapazitäten unzureichend. Vor dem fünften Kriegswinter sind die ukrainischen Städte und Energieanlagen den russischen Angriffen oft schutzlos ausgeliefert.
- Zugleich treibt der Iran-Krieg die Ölpreise nach oben. Russland, das zweitgrösste Rohölförderland der Welt, bekommt dadurch für jedes verkaufte Fass mehr Geld. Die höheren Preise machen einen Teil der Verluste wett, die ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien und Ölhäfen verursachen.
- In Europa belastet der Energiepreisschock Unternehmen, Privathaushalte und Staatsfinanzen. Doch ausgerechnet jetzt sollen EU- und Nato-Staaten den Wegfall der amerikanischen Ukraine-Hilfen kompensieren. Selenski fordert für 2027 allein von der EU zusätzliche 70 Milliarden Euro. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Regierungen die Unterstützung in Zukunft herunterfahren werden.
- Denn die Teuerung schürt in vielen europäischen Ländern den Unmut über die Regierungen und spielt der Opposition in die Hände. In Frankreich dürften die jüngsten Gewaltexzesse die Chancen von Marine Le Pen erhöhen, die Präsidentschaftswahl im kommenden Frühling für sich zu entscheiden. Le Pen hat bereits angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs die Ukraine-Hilfen stoppen zu wollen. In Deutschland nutzt die AfD die Energiekrise für ihre Forderung nach einer Wiederannäherung an Russland.
- Unter dem Druck hoher Energiepreise und der Parlamentswahl in zwei Wochen will Trump in Russland Diesel kaufen und hat die Russlandsanktionen gelockert. Immer wieder hat er Selenski ermahnt, die Angriffe auf russische Ölraffinerien einzustellen.
Umso beunruhigender für die Ukraine ist die Tatsache, dass Trump die Rückkehr Russlands aufs diplomatische Parkett vorantreibt. Nach dem Gipfeltreffen mit Putin im August 2025 könnte ihn Trump in den kommenden Monaten zwei weitere Male zu Gesprächen treffen. Angedacht ist nach einem Dreiergipfel in China ein weiteres Treffen beim G20‑Gipfel im Dezember in den USA.
Ob Putin Trumps Einladung in die USA annehmen wird, ist offen. Er kann auch einfach warten, denn spätestens seit Beginn des Iran-Kriegs spielt die Zeit für ihn. Der Ukraine drohen die Mittel auszugehen – und ihren Verbündeten die Geduld.
Sebastian Ramspeck
Internationaler Korrespondent
Sebastian Ramspeck ist internationaler Korrespondent für SRF. Zuvor war er Korrespondent in Brüssel und arbeitete als Wirtschaftsreporter für das Nachrichtenmagazin «10vor10». Ramspeck studierte Internationale Beziehungen am Graduate Institute in Genf.
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