Iran: Mehr Druck auf Frauen ohne Hidschab
Frauen, die in der Öffentlichkeit ohne Hidschab unterwegs sind, gehören inzwischen in vielen Teilen Irans zum alltäglichen Straßenbild. Es ist eine der sichtbarsten gesellschaftlichen Veränderungen seit den Protesten der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" im Jahr 2022. Ausgelöst wurden diese nach dem Tod der jungen Frau Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam, die wegen eines angeblich nicht korrekt getragenen Kopftuchs festgenommen worden war.
Den Behörden ist es bislang nicht gelungen, das Ausmaß an Straßenkontrollen aus der Zeit vor den Protesten wiederherzustellen. Der teilweise Rückzug der berüchtigten "Sittenpolizei" bedeutet jedoch nicht, dass sie die Durchsetzung der Hidschab-Pflicht für Frauen aufgegeben haben.
Behörden und konservative Kreise suchen nach neuen Wegen, den gesellschaftlichen Wandel einzudämmen, ohne die offenen Konfrontationen auf der Straße wiederzubeleben, die 2022 maßgeblich zu den Protesten beigetragen hatten.
Justizchef Gholamhossein Mohseni Ejei forderte kürzlich ein härteres Vorgehen gegen das, was er als gesellschaftliche "Abweichungen", "Unsittlichkeit" und "Nacktheit" bezeichnete. Staatsanwälte sollten dabei enger mit Polizei, Geheimdiensten und staatlichen Institutionen zusammenarbeiten.
Gleichzeitig werben Unterstützer der Hidschab-Pflicht in Online-Kampagnen dafür, Geschäfte von Frauen zu meiden, die sich nicht an die staatlichen Kleidervorschriften halten. Stattdessen sollen Kundinnen und Kunden gezielt bei Frauen einkaufen, die den Hidschab tragen.
Die Folge ist eine stärker zersplitterte Form der Kontrolle, die sich zunehmend von Polizeipatrouillen hin zu Arbeitsplätzen, Unternehmen und alltäglichen Dienstleistungen verlagert.
Soziale Kontrolle statt Polizeikontrollen
Die Initiatoren der Online-Kampagnen sprechen von „bewusstem Konsum" und rufen dazu auf, gezielt Anbieterinnen zu unterstützen, die den Hidschab tragen.
Eine Anwältin aus Teheran erklärte gegenüber der DW unter der Bedingung der Anonymität, solche Kampagnen könnten gesellschaftliche Spaltungen vertiefen, statt die Einhaltung gesellschaftlicher Normen zu fördern. "Dies ist ein gezielter Versuch, Menschen über ihre Identität zu kategorisieren und gegeneinander auszuspielen", sagte sie.
Wirtschaftlichen Druck allein aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes auszuüben, gehe über das Recht des Einzelnen hinaus, frei zu entscheiden, wo er einkaufen wolle.
"Wenn gegen sie (das Regime) Sanktionen verhängt werden, spricht das Regime von Druck, Ungerechtigkeit und Wirtschaftskrieg", sagte die Juristin. "Wenn dieselbe Logik jedoch im eigenen Land angewendet wird, um einen Teil der Gesellschaft zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen, heißt es plötzlich: Unterstützung von Werten."
Zugleich stellte sie die Annahme infrage, dass Frauen, die sich an einen bestimmten Dresscode halten, automatisch die gesellschaftlichen Werte Irans verkörperten. "Die iranische Gesellschaft ist wesentlich komplexer als das", sagte sie.
Berichte iranischer Frauen in sozialen Medien deuten zudem darauf hin, dass die Kontrolle von Kleidungsvorschriften mittlerweile auch bei Alltagsdienstleistungen eine Rolle spielt. Einige Frauen berichten, ihnen sei wegen fehlenden Kopftuchs der Zugang zu Kliniken oder Banken verweigert worden.
Wenn der weibliche Körper zum Politikum wird
Shirin Shams, iranische Exilaktivistin und Leiterin der Organisation Women's Revolution Organization, sieht in den aktuellen Kampagnen den Versuch, gesellschaftliche Gräben wiederherzustellen, die während der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit" überwunden worden seien.
"Die Islamische Republik versucht seit Jahren, Frauen anhand ihrer Kleidung gegeneinander auszuspielen", sagte die in Deutschland lebende Aktivistin der DW.
Für sie stellt die Hidschab-Pflicht eine der wichtigsten ideologischen Grenzlinien des iranischen Staates dar. Die große Zahl von Frauen, die inzwischen ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit erscheinen, zeige jedoch, wie weit sich die gesellschaftliche Realität von den offiziellen Vorstellungen entfernt habe.
Die aktuellen Kampagnen seien deshalb weit mehr als eine Debatte über Kleidung. Es gehe darum, die Trennlinie zwischen Frauen, die sich den Vorgaben fügen, und jenen, die dies nicht tun, erneut zu etablieren.
Auch der in Frankreich lehrende Soziologe Saeed Paivandi sieht darin einen grundlegenden Konflikt um gesellschaftliche Kontrolle. Der Professor der Universität Lothringen erklärte gegenüber der DW, die Behörden hätten über Jahre hinweg zwischen "korrekt verschleierten" und "schlecht verschleierten" beziehungsweise unverschleierten Frauen unterschieden.
Der Freiheitskampf der Frauen im Iran geht weiter
"Die Regierung macht den Körper von Frauen erneut zu einer sozialen, moralischen und sogar sicherheitspolitischen Frage", sagte Paivandi.
Eine Frau ohne Kopftuch werde nicht lediglich als jemand wahrgenommen, der eine individuelle Entscheidung trifft. Teile des politischen Establishments betrachteten sie vielmehr als sichtbare Herausforderung für die ideologische Ordnung des Staates.
Hardliner gegen gesellschaftliche Realität
Während Präsident Massud Peseschkian wiederholt die Bedeutung gesellschaftlichen Zusammenhalts und nationaler Einheit betont hat, fordern konservative Richter und Politiker weiterhin eine strengere Durchsetzung der Kleidervorschriften.
Dadurch entsteht ein Spannungsfeld innerhalb des iranischen Machtapparats. Ein Teil des Establishments scheint sich bewusst zu sein, dass eine Rückkehr zu großflächigen Konfrontationen zwischen Polizei und Frauen erhebliche gesellschaftliche und politische Kosten verursachen könnte.
Andere wiederum wollen die zunehmende Normalisierung des Auftretens von Frauen ohne Hidschab nicht akzeptieren.
Das Ergebnis ist weder eine Rückkehr zum früheren System flächendeckender Straßenkontrollen noch das Ende der verpflichtenden Kleidervorschriften. Stattdessen zeigt sich der Druck punktuell und auf unterschiedlichen Ebenen: vor Gerichten, am Arbeitsplatz, in Unternehmen, bei Behördengängen oder durch gesellschaftliche Kampagnen.
Kontrolle ohne Sittenpolizei
Nach Ansicht Paivandis hat die direkte staatliche Repression ihre Grenzen erreicht. Deshalb suchten Befürworter der islamischen Kleidervorschriften nach alternativen Möglichkeiten, gesellschaftliche Konformität durchzusetzen.
Dadurch werde ein Teil der Verantwortung von staatlichen Institutionen auf die Gesellschaft selbst verlagert.
Bankangestellte, Klinikmitarbeiterinnen, Arbeitgeber, Geschäftsinhaber oder Kunden könnten so zu Akteuren der Kontrolle werden, selbst wenn kein Polizist anwesend sei. Die Grenze zwischen Gesetz, persönlichem Ermessen und ideologischem Druck verschwimme dadurch zunehmend.
Zugleich warnt Paivandi, dass die Verbindung von Religion mit Ausgrenzung, Erniedrigung und Zwang besonders junge Iranerinnen und Iraner weiter von religiösen Institutionen entfremden könnte.
Auch Frauen, die sich freiwillig für das Tragen eines Hidschabs entscheiden, könnten in einen Konflikt hineingezogen werden, den sie selbst nicht gewählt haben, wenn ihre Kleidung zunehmend als Zeichen politischer Loyalität interpretiert werde.
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