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Monday, October 19, 2026

Obdachlos vor Londoner Luxusvilla: Wie ein Schwede unter dem Vordach einer 244-Millionen-Euro-Immobilie lebt

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In Londons Nobelviertel Knightsbridge gibt es viel zu sehen. Das Viertel im Zentrum Londons liegt nur einen Steinwurf vom Buckingham Palace, dem Hyde Park und dem Kaufhaus Harrods entfernt und zieht täglich Scharen von Touristinnen und Touristen an.

Außer vor den berühmten Sehenswürdigkeiten bleiben viele von ihnen aber auch hier stehen: Vor dem Eingang eines prächtigen Stadthauses stapeln sich Pflanzen, Sonnenschirme, Einkaufstaschen und Kinderspielzeug. Mittendrin lebt Anders Fernstedt. Der Schwede, der nach einer schwierigen Lebensphase auf der Straße landete, hat sich in der Vorhalle des Gebäudes ein provisorisches Zuhause eingerichtet und wohnt dort inzwischen seit mehr als drei Jahren.

Ausgerechnet diese Villa war vor wenigen Jahren noch Londons teuerstes Wohngebäude. Die Luxusimmobilie am Rutland Gate 2-8A wurde 2020 für die damalige Rekordsumme von 210 Millionen Pfund (rund 245 Millionen Euro) an Hui Ka Yan, den Gründer des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande, verkauft. Der Milliardär wurde im vergangenen Monat zu lebenslanger Haft verurteilt.

Hui hat das Anwesen nie bezogen. Das Haus ist auf den Namen seiner Frau registriert. Da ihre Vermögenswerte eingefroren wurden, kann die Immobilie nicht von Insolvenzverwaltern verwertet werden und befindet sich seither in einem rechtlichen Schwebezustand.

Großbritannien kämpft gegen die Obdachlosigkeit

Als Fernstedt damals darüber stolperte, dachte er sich nichts dabei: "Ich dachte einfach, das wäre ein Unterschlupf für eine Nacht", erzählt er der DW. "Ich bin begeisterter Camper und interessiere mich für Pflanzen. Vor der Natur habe ich keine Angst."

"Zelten auf dem Balkon"

Fernstedt hat das Gebäude selbst nie betreten, das inzwischen einen deutlich vernachlässigten Eindruck macht. Stattdessen richtete er sich nach und nach in der Vorhalle ein. Hinter den mächtigen Säulen des Eingangsbereichs liegt eine Villa mit 45 Zimmern, eigenem Innenpool und 116 Fenstern.

Der Schwede schläft das ganze Jahr über draußen. Ein großer Sonnenschirm dient ihm zusätzlich als Schutz und schafft eine abgeschirmte Nische, in der er Matratzen und Bettzeug untergebracht hat. "Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt schlecht geschlafen habe", sagte er. "Und das gilt für alle vier Jahreszeiten. Im Winter wird es nicht kalt, und weil ich keine Wände habe, zieht im Sommer eine angenehme Brise durch."

Zu Beginn habe er sich eine schöne Illusion geschaffen, erzählt Fernstedt. "Ich habe mir vorgestellt ich sei ein Junge, der mit seinen Eltern in diesem Haus wohnt, und der diese gefragt habe, ob er auf dem Balkon zelten dürfe."

Außenansicht eines großen Gebäudes mit vielen Fenstern
2-8A Rutland Gate: 2020 für rund 245 Millionen Euro verkauft - und seitdem leerBild: Dan Redding/DW

Fernstedt wurde von seiner Mutter in Schweden großgezogen. Später arbeitete er in verschiedenen Berufen in Schweden und den USA und machte sich in der Technologiebranche einen Namen. 2016 zog er nach England. Dort arbeitete er unter anderem als Journalist für verschiedene Medienanstalten, darunter auch für den Economist. Doch rund um die Corona-Pandemie gingen die Aufträge immer weiter zurück.

Eine Beteiligung an einem Technologieunternehmen aus seiner Zeit in den USA verschaffte ihm zunächst noch finanzielle Reserven. Doch das Polster schmolz mit der Zeit dahin. Fernstedt lebte schließlich in einem Zelt und später in Übergangsunterkünften, wo er nach eigenen Angaben Gewalt erlebte und mit Menschen in Kontakt kam, die unter schweren Suchterkrankungen litten.

Ein Leben auf Basis von Solidarität

"Das Kurioseste an meinem Lebensstil ist für viele Menschen, dass ich völlig ohne Geld auskomme", sagt er. Fernstedt hat sich ein Netzwerk aus Bäckereien, Cafés und Blumenläden aufgebaut. Dort erhält er übrig gebliebene Lebensmittel, Blumen für sein Zuhause und gelegentlich Zugang zu Strom. Für Duschen, Kleiderspenden und soziale Kontakte nutzt er zudem die Angebote einer Obdachlosenhilfsorganisation im nahegelegenen Stadtteil Victoria. Für viele Anwohnende gehört er inzwischen ganz selbstverständlich zum Straßenbild von Knightsbridge.

"Das ist ein sehr gehobenes Viertel", sagt Fernstedt. "Schon nach wenigen Wochen war mir klar, dass alle wussten, dass ich hier lebe." Er habe sich dann gefragt, wie er Präsenz zeigen könne, ohne ständig präsent zu sein. Deshalb richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Kinder und Enkelkinder der Anwohnenden. "Wenn sie sich am Küchentisch für mich einsetzen, verbessern sich meine Chancen", so Fernstedt. So erklärt sich seine Spielzeugsammlung vor dem Haus. 

Ob er keine Sorge habe, seine Habseligkeiten offen liegen zu lassen? Fernstedt lacht. "Das ist ein bisschen wie der Nussspeicher eines Eichhörnchens", sagt er. "Ich habe so viele Sachen angesammelt, dass ich es gar nicht bemerke, wenn etwas verschwindet."

Es gibt Nachbarn, die seine Anwesenheit kritisch sehen. Doch der Schwede bemüht sich, sein provisorisches Zuhause ordentlich zu halten und möglichst unauffällig zu leben. Andere sehen sogar einen Vorteil darin: Denn solange er dort lebt, gilt das leerstehende Anwesen als weniger anfällig für Einbrecher oder Vandalismus.

Ein Mann mit langem Bart steht vor einer Säule, daneben viele Blumen und Spielzeug
Fernstedts Bleibe entwickelte sich über mehrere Jahre hinweg - dank vieler Spenden und GeschenkeBild: Dan Redding/DW

Insgesamt habe er die Nachbarschaft jedoch als offen und hilfsbereit erlebt. "Manchmal stellen sich Leute vor und fragen, ob ich etwas brauche", erzählt er. "Meine Standardantwort lautet dann: eigentlich genau das, was Sie mir gerade gegeben haben: ein bisschen normale Zeit und ein freundliches Gespräch unter Nachbarn." Manche brächten auch Essen vorbei und er habe auch schon "elegante italienische Abendjacken" und andere Kleidungsstücke geschenkt bekommen.

Obdachlosigkeit ein zunehmendes Problem in London

Doch nicht alle obdachlosen Menschen in London haben ein so stabiles Umfeld gefunden wie Fernstedt. Nach Schätzungen der Hilfsorganisation Crisis gelten in der britischen Hauptstadt mehr als 200.000 Menschen als wohnungslos. Allein zwischen April und Juni dieses Jahres wurden in London 4.392 Menschen erfasst, die tatsächlich auf der Straße schliefen. Das sind vier Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und 58 Prozent mehr als vor zehn Jahren.

Nach Regierungsangaben standen 2025 in London 105.138 Wohnungen und Häuser leer. Das entspricht etwa jeder 37. Immobilie in der britischen Hauptstadt. Premierminister Andy Burnham, der im Juli sein Amt antrat, versprach, bis Weihnachten jedem Menschen, der in England auf der Straße lebt, einen Weg aus der Obdachlosigkeit aufzuzeigen.

Angesichts des enormen Werts des Anwesens weiß Fernstedt, dass er jederzeit gezwungen sein könnte, sein ungewöhnliches Zuhause zu verlassen, auch wenn die Villa seit Jahren leer steht. Dennoch hat ihm dieser Ort etwas gegeben, wonach er sich lange gesehnt hatte. Zuvor war er mit seinem Zelt von einem Platz zum nächsten gezogen oder in Unterkünften gelandet, in denen er sich oft unsicher fühlte. "Ich habe nicht mehr ständig die Sorge, um die nächste Ecke zu fahren und feststellen zu müssen, dass plötzlich alles weg ist", sagt er. "Ich bin schon so lange hier, dass ich aufgehört habe, mir ständig Sorgen zu machen. Denn wenn wir uns zu viele Sorgen machen, können wir nicht glücklich sein."

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