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Sunday, October 18, 2026

„Valor Mortis“ im Test: Napoleonisches Soulslike aus der Ego-Perspektive

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Inmitten dieses Herbstes der Furcht vor dem kommenden Gangster-Giganten GTA 6 bricht eine Lawine an Spielen über den Gaming-Markt. Alles muss jetzt noch raus, bevor es nicht mehr wahrgenommen wird. In dieser Masse an Entertainment-Code befindet sich auch „Valor Mortis“ – ein Spiel, mit dem der polnische Entwickler One More Level viele erfrischende Experimente gleichzeitig wagt. Das Genre ist Action-Rollenspiel, genauer: ein Soulslike, aber aus der Ego-Perspektive. Das Setting behandelt Zombie-Soldaten, aber nicht die typischen CoD-Nazis. Denn dieses Mal sind es Napoleons Truppen, die auf seinen Befehl als Monster wiederauferstehen. Das Erlebnis ist bockschwer, der Schauplatz ästhetisch-eklig und trotzdem krepiert „Valor Mortis“ gerade: Die Steam-Spielerzahlen erreichen gerade mal ein Viertel des 2020er-Erfolgswerk „Ghostrunner“ aus demselben Studio.

War letztendlich Cyberpunk doch anschlussfähiger für den Mainstream als diese „Bloodborne“-Interpretation – oder hat „Valor Mortis“ für sein Erscheinen einfach die falsche Zeit gewählt? Lässt man die jetzigen Zahlen außer Acht, ist der Ego-Schnetzler für mich definitiv eine Erfahrung, die in der Geschichte der Soulslikes aufgrund seiner Experimente einen denkbaren Platz verdient. In diesen Zeiten des Überflusses wird „Valor Mortis“ offenbar nicht gebraucht. Aber sollte der Hunger nach neuen Herausforderungen wieder entflammen, wird dieses Spiel auf jeden Fall als Erstes aus dem Pile of Shame ausgegraben.

Valor Mortis im Test (5 Bilder)

Wir schreiben das Jahr 1800 rum. Doch dieses Mal setzt Napoleon eine violette Seuche ein, um Zombie-Soldaten zu erschaffen. (Bild:

Michael Sonntag

)

Protagonist William hat alles für seinen Kaiser gegeben, indem er auf dem Schlachtfeld gefallen ist. Doch eine rätselhafte, violettfarbene Seuche sieht das anders: Dank ihr kehrt der Soldat als Untoter zurück und nimmt den Kampf gegen seine wiederauferstandenen Kameraden auf, die sich nun gegenseitig zerfleischen. In seinem Kopf schwirrt Napoleons Stimme umher und fordert William auf, die Schlacht zu gewinnen. Hoffentlich ist später noch Zeit für Fragen. Die neue Ego-Perspektive sorgt zum einen für mehr Immersion – mit den Augen so nah an den Kadavern vorbeizulaufen, lässt mich gehörig schlucken. Zum anderen beobachte ich dadurch jede Bewegung im Kampf ganz genau. Ich bin es, der im letzten Moment einen Hieb abwehrt. Ich bin es, der den Gegner enthauptet. Genauso wie ich es bin, der durch einen Schwertstich oder Gewehrschuss zu Boden geht.

„Valor Mortis“ erfordert eine hohe Konzentration, ein gutes Gefühl für Timing und die Kompetenz, auch mit einem Vielfrontengefecht umgehen zu können. Das Spiel ist schwierig – gerade der Anfang mit einer sehr steilen Lernkurve –, aber dank der zahlreichen Speicherpunkte bleibt mir der Frust erspart, viele Passagen nach dem Ableben erneut spielen zu müssen. Gleichzeitig gibt mir „Valor Mortis“ mit Pistolen, Zauberkräften und herumstehenden Dynamitfässern genügend Möglichkeiten, Kämpfe unterschiedlich zu spielen und auch einfach mal frech abzukürzen. Die Bosse stellen hier eher ein Problem dar: Oft hängt der Bildschirmtod nicht mit meinem eigenen Unvermögen zusammen, sondern mit den Faktoren. Zu unübersichtlich, zu schnell, zu sperrig – in den meisten Fällen ist die Ego-Perspektive ein Pluspunkt, nur eben hier nicht. Bei weitem kein Gamebreaker, aber eine Sache, die ich zähneknirschend im Hinterkopf habe, wenn mich wieder eines dieser Monster zum Energiebalken-Minimieren-Duell herausfordert.

Abseits der brutalen und hitzigen Kämpfe gegen unterschiedlichste Höllen-Ausgeburten bilden die Fortbewegung und das Erkunden das große Highlight von „Valor Mortis“. Die Inspiration ist sofort wiederzuerkennen: Entwickler One More Level hat die Hochgeschwindigkeitsakrobaktik aus seinem „Ghostrunner“ hier in einen deutlich langsameren, aber immer noch sehr launigen Kletterpark verwandelt. Als William schwinge ich mich über Schluchten, springe über Überreste einer zerstörten Brücke und kann hier und dort geheime Korridore ausmachen, die mich zu Schätzen führen. Hinschauen lohnt sich also doppelt.

Gebiete bleiben frisch und können gerne auch dreimal bis viermal durchlaufen werden. Gleichzeitig beschränkt sich der Entwickler nicht nur auf die immer gleichen Schlachtfelder, sondern findet auch einen Weg, viele andere Schauplätze mit in das Abenteuer aufzunehmen. So bietet ein Steinbruch sowohl einen neuen atmosphärischen Touch als auch neue Herausforderungen. Während die meisten Orte aus engen Fluren bestehen, kommt damit immer wieder Abwechslung ins Spiel, wenn ich plötzlich in sehr großen und vertikalen Abschnitten kämpfen muss und beim Aufstieg genügend Zeit habe, die Schützen oben auf der Spitze hassen zu lernen. Bis ich ihnen dann lächelnd gegenüber stehe.

Als Letztes muss ich das Setting positiv hervorheben, denn ich habe im Soulslike-Bereich mittlerweile zu viele melancholische Fantasy-Burgen gesehen. Die Schlachten um 1800 rum haben bei den Uniformen sehr viel auf Prunk gesetzt. Kommt es dann zur Schlacht, ist Schluss mit jeglicher Verherrlichung. Dieser Kontrast zwischen blindem Nationalstolz und absolutem Elend gibt „Valor Mortis“ einen großartigen Vibe – zumal die Toten nicht einfach auferstehen, sondern meistens zu verschiedenen Monstern zusammenwachsen. Es spricht für sich, dass ich beim Kampf gegen einen dieser Dämonen nicht nur Angstschweiß, sondern auch Brechreiz verspüre. Die wenigen Lebenden, die ich treffe, sind absolut weggetreten, geheimniskrämerisch und sprechen Englisch mit französischem Akzent – herrlich falsch und surreal.

Das Setting hat viel Potenzial, geht nur leider etwas unter. Soulslikes setzen für gewöhnlich auf eine kryptische Erzählweise und lassen vieles offen. Das führt oft zu wabernder Stille – eben Momenten, in denen Entwickler One More Level mehr mit seinem Stoff hätte spielen können. Mit Rückblicken. Mit mehr Hintergründen. Mit Unvorhergesehenem. Aber das passiert nicht. Am Ende des Spiels wirkt es so, als seien die Gründe fast egal – Hauptsache man kann Napoleons Truppen wiederauferstehen lassen, während der Kaiser einen auf schwadronieren Hamlet macht, der zu tief in die Weinflasche geschaut hat. „Valor Mortis“ ist auf allen Ebenen eine beeindruckende Neuinterpretation, aber gleichzeitig auch keine Neuerfindung des Soulslike-Lagerfeuers. Dafür bleiben die neuen Vorstöße zu oberflächlich. Oder mit anderen Worten: „Valor Mortis“ ist ein „Ghost Runner“ mit mehr Horror, aber nur halb so viel „Elden Ring“. Was jedoch den Vibe betrifft: Bitte mehr davon!

„Valor Mortis“ erschien am 13. Oktober für Windows (Steam), PlayStation 5 und Xbox Series. Es kostet 39,99 Euro.

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