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Friday, October 2, 2026

Frau überlebt zwei Giftspritzen in den USA - was wir wissen

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Eine gescheiterte Hinrichtung im US-Bundesstaat Tennessee hat eine neue Debatte über die Todesstrafe ausgelöst.

02.10.2026 | 1:37 min

  • Christa Pike überlebte am 30. September 2026 zwei Dosen Pentobarbital.
  • Sie wurde anschließend in ein Krankenhaus gebracht.
  • Ihr Gesundheitszustand ist kritisch.
  • Die genaue Ursache des Fehlschlags ist bislang unklar.
  • Tennessee hat weitere Hinrichtungen vorerst ausgesetzt und eine Untersuchung angekündigt.

Christa Pike ist eine verurteilte Mörderin. Mit 18 Jahren ermordet sie ihre Mitschülerin. Im Bundesstaat Tennessee in den USA soll sie mit der Giftspritze hingerichtet werden. Doch selbst nach zwei Dosen Pentobarbital, einem stark wirkenden Narkosemittel, das bei Hinrichtungen eingesetzt wird, stirbt die heute 50 Jahre alte Frau nicht.

Sie überlebt, wird in ein Krankenhaus gebracht und befindet sich nach Angaben ihrer Anwälte in kritischem Zustand.

Warum haben zwei Giftspritzen nicht zum Tode geführt?

Vor der Hinrichtung gab Pike zu Protokoll, dass ihre Venen möglicherweise problematisch seien. Tatsächlich habe das Personal laut Anwalt etwa eine Stunde lang versucht einen intravernösen Zugang zu legen.

Pikes Anwalt Randy Spivey erklärt:

Ich habe allein in ihrem linken Arm mindestens sieben Nadeln gezählt, von der eine verbogen zu sein schien als sie aus ihrem Arm gezogen wurde.

Randy Spivey, Pikes Anwalt

Warum beide Giftspritzen am Ende nicht zum Tode führten, ist unklar. Experten halten unter anderem ein Problem mit dem Venenzugang für möglich. So könnte das Medikament teilweise ins umliegende Gewebe gelangt sein, statt vollständig in die Blutbahn.

Im vergangenen Jahr wurden laut Amnesty International rund 2.700 Todesstrafen vollstreckt – ein Anstieg von 78 Prozent im Vergleich zu 2024 und so viele wie seit 44 Jahren nicht mehr.

18.05.2026 | 1:37 min

Warum gab es überhaupt eine zweite Giftspritze?

Das Hinrichtungsprotokoll in Tennessee sieht eine zweite Dosis von Pentobarbital als Backup vor, falls die erste nicht zum Tode führt. Nach der zweiten Dosis sieht das Protokoll von 2025 allerdings keine weitere Medikamentengabe vor.

Das macht den Fall so ungewöhnlich: Auch die im Protokoll vorgesehene zweite Möglichkeit führte nicht zum Tod. Was in einem solchen Fall medizinisch und organisatorisch geschehen soll, ist nicht geregelt.

Das "Tennessee Department of Correction", also die Gefängnisbehörde des Bundesstaates, erklärt nach dem Vorfall, das Protokoll sehe keine weiteren Maßnahmen vor.

Christa Pike wurde 1996 wegen des Mordes an der 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt. Sie selbst war zur Tatzeit 18 Jahre alt. Slemmer war 1995 in Knoxville über längere Zeit misshandelt und schließlich getötet worden. In den vergangenen Jahren hatten Pikes Anwälte zunehmend ihre schwere Kindheit, psychische Erkrankungen und ihre Entwicklung während der mehr als drei Jahrzehnte in Haft in den Mittelpunkt gestellt.

Gouverneur Lee lehnte ein Gnadengesuch kurz vor dem geplanten Hinrichtungstermin dennoch ab. Es ist offen, ob und unter welchen Bedingungen der Staat noch einmal versuchen könnte, das Todesurteil zu vollstrecken.

Quelle: dpa

Ist so ein Fall schon mal passiert?

Nein. Es ist das erste Mal, dass jemand ein Medikament erhielt, das einen Menschen töten sollte, dieser aber nicht starb. Robin Maher, die Geschäftsführerin des "Death Penalty Information Center", das US-amerikanische Informationszentrum zur Todesstrafe, erklärt gegenüber ZDFheute:

Dieses Ereignis ist das Schlimmste, das wir je gesehen haben, und unterscheidet sich von allen anderen missglückten Hinrichtungen der Neuzeit. [...] Es gibt keinen Präzedenzfall.

Robin Maher, US-Infozentrum zur Todesstrafe

Aber: In der Geschichte der USA gab es immer wieder Hinrichtungen, bei denen etwas schiefging. Auch bei der Giftspritze kam es wiederholt zu Problemen. Häufig scheiterte der Versuch allerdings daran, dass kein geeigneter Venenzugang gelegt werden konnte.

Das "Death Penalty Information Center" führt derzeit 64 bekannte fehlgeschlagene oder problematische Hinrichtungen seit 1976 auf. 51 davon betrafen die Giftspritze. Für Tennessee ist es bereits der zweite gescheiterte Hinrichtungsversuch innerhalb weniger Monate. Das Ungewöhnliche im Fall Christa Pike ist, dass sie zwei Dosen Pentobarbital verabreicht bekam und dennoch am Leben blieb.

In den USA ändern sich die Regeln zur Todesstrafe auf Bundesebene. Künftig sollen verurteilte Straftäter auch durch Erschießen hingerichtet werden dürfen, teilte das Justizministerium mit.

25.04.2026 | 0:23 min

Wie öffentlich sind Hinrichtungen in Tennessee?

Das US-Informationszentrum zur Todesstrafe kritisiert, dass Medien Hinrichtungen in Tennessee zwar als Zeugen beobachten dürfen, aber keinen vollständigen Einblick in den Ablauf haben. So dürfen sie etwa das Legen des intravenösen Zugangs nicht beobachten.

Außerdem lege der Bundesstaat weder die Herkunft noch die Lagerung und Prüfung der Medikamente offen, stellt die Organisation gegenüber ZDFheute fest. Sie fordert, die Ergebnisse der nun angekündigten unabhängigen Untersuchung öffentlich zu machen.

Was Christa Pike passiert ist, lässt sich auf die extreme Geheimhaltung zurückführen, die die Behörden in Tennessee bei ihren Hinrichtungsverfahren betreiben.

Robin Maher, US-Infozentrum zur Todesstrafe

Welche Reaktionen gibt es darüber hinaus?

Tennessees Gouverneur Bill Lee kündigt eine unabhängige Untersuchung an und setzt die für den Rest des Jahres 2026 geplanten Hinrichtungen aus. Es gebe noch keine Antworten darauf, was schiefgelaufen sei. Die Gefängnisbehörde habe das Protokoll befolgt.

Die katholischen Bischöfe Tennessees und die dortigen Bischöfe der "Episcopal Church" fordern, Pikes Todesurteil umzuwandeln und keine weitere Hinrichtung zu versuchen. Papst Leo XIV. sprach sich bereits vor dem Hinrichtungsversuch gegen die Vollstreckung aus. Auch Menschenrechtsorganisationen kritisieren das Vorgehen. Pikes Anwälte fordern, ihr Todesurteil umzuwandeln.

Gleichzeitig gibt es Stimmen, die den Fall aus einer anderen Perspektive betrachten: Die Mutter des Opfers Colleen Slemmer sagt der US-Nachrichtenagentur AP, der gescheiterte Versuch habe ihrer Familie keine Gerechtigkeit gebracht.

Christa Pike sollte am Mittwoch im US-Bundesstaat Tennessee hingerichtet werden. Die Verabreichung des tödlichen Mittels führte allerdings nicht zum Tod – sie überlebte zwei Giftspritzen.

01.10.2026 | 1:28 min

Darf Tennessee Christa Pike erneut hinrichten?

Ob Tennessee Christa Pike erneut hinrichten darf, ist unklar. Es gibt allerdings einen historischen Präzedenzfall:

Pro: 1947 erlaubte der US Supreme Court im Fall "Louisiana ex rel. Francis v. Resweber" einen zweiten Hinrichtungsversuch, nachdem der erste Versuch mit dem elektrischen Stuhl wegen eines technischen Defekts gescheitert war. Der Rechtswissenschaftler Michael Meltsner von der "Northeastern University" verweist auf dieses Urteil und hält einen erneuten Versuch im Fall Pike deshalb grundsätzlich für möglich.

Contra: Rechtswissenschaftler Austin Sarat verweist ebenfalls auf diesen Präzendenzfall, hat aber verfassungsrechtliche Bedenken. In einem Gastbeitrag im "Guardian" argumentiert er, dass ein erneuter Hinrichtungsversuch Fragen mit Blick auf das verfassungsrechtliche Verbot grausamer und ungewöhnlicher Bestrafung aufwerfen würde.

Wie geht es weiter?

Die Todesstrafe spaltet die US-Bevölkerung, auch wenn in Umfragen die meisten US-Bürger dafür sind.

"Manche Verbrechen sind einfach so grauenhaft, dass ich die Todesstrafe für die einzig angemessene Strafe halte", stellt die US-Amerikanerin Keely Hering in einem amerikanischen TV-Interview fest. Alli Sullivan ist anderer Meinung: "Rache wird das Opfer nicht zurückbringen. Sie wird auch niemandem helfen, der durch diese Situation zu schaden gekommen ist."

Wie es zu dem ungewöhnlichen Vorfall kommen konnte und ob es zu einem weiteren Hinrichtungsversuch kommen wird, ist offen. Fest steht: Tennessee will die Ursache des gescheiterten Hinrichtungsversuchs untersuchen, bevor weitere Hinrichtungen stattfinden.

Katharina Schuster ist Korrespondentin im ZDF-Studio in Washington D.C.

Über das Thema berichtete das ZDF in verschiedenen Sendungen, darunter die heute-Nachrichten am 02.10.2026 um 17:00 Uhr und heuteXpress am 01.10.2026 um 10:49 Uhr in dem Beitrag "USA: 50-Jährige überlebt Giftspritze".

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