Porzellan aus Kahla: Das Ende der nächsten Traditionsmarke
"Deprimierend", so beschreibt eine Kundin das Aus der Thüringer Porzellanmanufaktur in Kahla. Wie Hunderte andere in diesen Tagen ist sie in den Werksverkauf gekommen. Vor der Tür bilden sich schon morgens lange Schlangen. "Ich kaufe noch mal Tassen nach, das ist ja die letzte Möglichkeit", sagt eine andere Kundin, die ihr Kahla-Geschirr schon 30 Jahre lang benutzt.
Kundenansturm bei Kahla vor dem Aus nochmal groß
Der Ansturm auf die letzten Teller und Tassen ist so groß, dass der Online-Shop zusammengebrochen war und nun nur noch sporadisch erreichbar ist. Auch der Werksverkauf musste zwei Tage pausieren, damit die Mitarbeiter die Regale auffüllen konnten.
Er habe schon mit mehr Kunden nach der Bekanntgabe des Aus für Kahla gerechnet, sagt der Leiter des Werksverkaufs Benedikt Bernshausen, "aber wirklich nicht mit diesem Ausmaß".
Porzellanherstellung ist energieintensiv und Handarbeit zeigt ZDF-Reporterin Cornelia Schiemenz in der Meißner Manusfaktur.
24.03.2026 | 9:32 minNeugründung nach Wiedervereinigung und dutzende Preise
Viele Menschen gerade im Osten erleben die Insolvenz als Ende einer Ära. Denn Porzellan aus Kahla war schon zu Zeiten der DDR ein Klassiker. In Millionen Haushalten ist das Geschirr zum Beispiel mit Zwiebelmuster oder Strohblumen täglich im Gebrauch.
Im VEB Kombinat Feinkeramik Kahla arbeiteten damals 18.000 Menschen. Nach der Wende kommt zunächst ein Einbruch, dann wird Kahla neu gegründet und entwickelt sich erfolgreich. Die Firma aus Thüringen heimst Dutzende Designpreise ein, erfindet mit 'Touch' ein Porzellan mit Samtoberfläche.
Traditionsunternehmen an Energiekosten gescheitert
Doch in den vergangenen Jahren sinken die Aufträge. Vor allem aber machen Kahla die hohen Energiepreise zu schaffen. Allein im letzten Monat lag die Summe für Gas und Strom bei 220.000 Euro, erklärt Insolvenzverwalter Rolf Rombach.
Vor allem die im Zuge des Iran-Kriegs gestiegenen Energiepreise lassen die Teuerungsrate weiter steigen und setzen Firmen zunehmend unter Druck.
31.08.2026 | 1:34 minDie Gaspreise sind durch die Decke gegangen. Das ist nicht mehr zu erwirtschaften.
Rolf Rombach, Insolvenzverwalter von Kahla
Und auch das Land Thüringen sah sich hier an einer Grenze. Seit 1991 habe das Land allein neun Millionen Euro an Fördermitteln bereitgestellt, so eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Aber auf Dauer könne auch der Staat "keine wirtschaftlich tragfähige Unternehmensperspektive ersetzen".
Kette von Insolvenzen in Porzellanindustrie
Für die rund 100 Mitarbeiter ist das Aus ein Schock. Viele hier sind seit Jahrzehnten im Betrieb, wie Katrin.
Es fällt mir schwer, nach 45 Jahren hier rauszugehen.
Katrin, Mitarbeiterin bei Kahla
Fertigungsleiter Frank Meinhardt-Ruppin erlebt diese Art wirtschaftlichen Niedergangs bereits zum zweiten Mal. Erst vor vier Jahren wurde bei seinem damaligen Arbeitgeber Triptis-Porzellan die Produktion geschlossen. Auch damals hauptsächlich wegen der hohen Energiepreise.
Der Thüringer Unternehmer Thomas Prinz hat klare Forderung, was die Bundesregierung für den Mittelstand verbessern muss.
06.03.2026 | 1:16 minWir brennen Porzellan nun mal bei 1.400 Grad. Und wenn man von Jahr zu Jahr Erhöhung hat, kann man irgendwann in Deutschland nicht mehr produzieren.
Frank Meinhardt-Ruppin, Fertigungsleiter Kahla
So ist die Insolvenz von Kahla auch trauriger Tiefpunkt in einer ganzen Kette von Betriebsschließungen in der Thüringer Porzellanindustrie in den vergangenen Jahren.
Identitätsverlust durch Wegbrechen der Branche
Über Kahla auf der Leuchtenburg haben sie der Branche mit den Porzellanwelten ein großes und vielbeachtetes Museum gewidmet. Dass jetzt wieder ein Betrieb verloren geht, sei traurig, sagt die Vorsitzende des Fördervereins Doris Klüger.
Der Wirtschaftszweig war über Jahre einer der wichtigsten Arbeitgeber, keramische Produkte aus Thüringen weltweit bekannt.
Dann wird natürlich auch ein Stück dieser Identität verloren gehen.
Doris Klüger, Förderkreis Leuchtenburg e.V.
Thüringens Startup-Szene ist kreatv und erlebt einen Aufschwung, berichtet das ZDF-Magazin Wiso.
02.06.2025 | 24:02 minHoffnung auf Erhalt des Dekor-Bereichs
Ende Oktober wird es nach 182 Jahren Firmengschichte so weit sein: Dann wird der Weißbrandofen, der die Rohlinge härtet, abgeschaltet. Bis Ende November läuft dann noch der Dekorbrand. Und für wenige Mitarbeiter dieser Abteilung gibt es noch einen Rest Hoffnung. Vielleicht lassen sich in Zukunft die Rohlinge zukaufen, das Dekor aber hier produzieren.
Diese Idee versuchen sie jetzt noch, sagt Insolvenzverwalter Rombach. Denn noch immer ist das Handarbeit und braucht Menschen mit Know-how und Erfahrung.
Daniela Sonntag ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Thüringen.
Über das Thema berichtet das ZDF im heute journal am 18.10.2026 ab 21:45 Uhr.
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