Film „Digger“ mit Tom Cruise: Eine Satire über die Grenzen der Satire

Tom Cruise spielt im Film „Digger einen Ölmagnaten, der eine Katastrophe auslöst. Regisseur Alejandro González Iñárritu macht daraus eine Satire der besonderen Art.
Was kann Satire eigentlich noch leisten? Diese Frage begleitet die Unterhaltungswelt schon eine Weile, hat aber spätestens seit dem erneuten Einzug des orangenen Mannes ins Weiße Haus eine neue Dringlichkeit erfahren. Ein US-Präsident, der etwa munter KI-Videos postet, die ein zerstörtes Gaza als Luxusdestination imaginieren oder ihn selbst als „Top-Gun“-Piloten, der Unrat über „sein“ Volk regnen lässt, der lässt kaum noch Raum zur Überzeichnung.
Auch das Entlarvungsmoment, ein weiteres Wesensmerkmal der Satire, erübrigt sich da zunehmend, auch im schnöden Politischen selbst, abseits der grellen Social-Media-Welt. Was lässt sich noch ans Licht zerren, wenn der US-Präsident nach einer Militäroperation vor die Kameras tritt und ziemlich unverhohlen zu verstehen gibt: Natürlich geht’s ums Öl!
Keine Überzeichnung, keine Entlarvung – und irgendwann auch keine echte Empörung mehr, aus der eine Debatte entstehen könnte. Wo das Ungeheuerliche nicht mehr versehentlich hervorbricht, sondern demonstrativ vor sich hergetragen wird, läuft die Provokation selbst Gefahr, nur noch müde zu wiederholen, was die Wirklichkeit tagtäglich ungeniert ausstellt.
Der Film
„Digger“. Regie: Alejandro González Iñárritu. Mit Tom Cruise, Riz Ahmed u. a. USA/Mexiko/Vereinigtes Königreich 2026, 129 Min.
An diesem Vorsprung der Wirklichkeit sind schon herausragende Filmemacher gescheitert. So wie Bong Joon-ho, der noch mit „Parasite“ so unerbittlich Klassenverhältnisse sezierte, dass der Film einen regelrechten „Eat the Rich“-Trend im Kino auslöste. Im Nachfolger „Mickey17“ extrapolierte er ganz ähnliche Ausbeutungsmechanismen in eine Sci-Fi-Welt, in der technische Möglichkeiten den Menschen endgültig austauschbar machen. Eine höchstaktuelle Thematik eigentlich. Die aber wurde überschattet von einer breit ausgewalzten Karikatur eines autoritären Weltraumherrschers, dessen unübersehbare Anklänge an Donald Trump und Elon Musk kaum für Verstörung, sondern vor allem für müdes Wiedererkennen sorgten.
Noch so ein Monster
In einer solchen Zeit also erscheint nun Alejandro González Iñárritus neuer Film „Digger“. Tom Cruise spielt darin den gleichnamigen Antihelden, der damit vorgestellt wird, dass er in einem gigantischen goldenen Bett erwacht, umgeben von Plüsch, Pomp und Dermoplastik. Besorgt sucht er nach seiner grotesk alten Katze, die offenbar nur mit sehr, sehr teuren und vermutlich unethischen Methoden am Leben gehalten wird. Als er das weiße hagere Wesen schließlich findet, serviert er ihr aus einer feinen Thunfischdose einen Happen auf dem überlangen Nagel seines kleinen Fingers.
Ein schräger Typ also. Cowboyboots und Hut, ein Texaner womöglich, ein Republikaner sicherlich. Vor allem aber: Stinkreich geworden ist er, durch ein unglaublich rücksichtsloses Geschäftsgebaren als Ölmagnat – begünstigt durch noch unglaublichere Beziehungen zum US-Präsidenten (John Goodman). Sogar in einem grönländischen Naturschutzgebiet darf sein Konzern nach Öl bohren. Dass Digger damit sogar dann noch weitermacht, als Wissenschaftler vor austretendem Methan warnen? Selbstverständlich.
Als sein Umweltbeauftragter Dr. Ganesh (Riz Ahmed) persönlich bei ihm auftaucht, ist es bereits zu spät: Die Bohranlage ist gerade in die Luft geflogen. Digger erkundigt sich nach dem Sachschaden. Die Toten interessieren ihn kaum, ach so.
Fast eine Stunde vergeht, und die drängendste Frage, die Alejandro González Iñárritu bis dahin aufgeworfen hat, lautet: Hat er von all den Diskussionen über die Grenzen zeitgenössischer Satire nichts mitbekommen (nahezu unmöglich) oder glaubt der mehrfach Oscar-prämierte Filmemacher tatsächlich, sein eigener Entwurf sei so viel schärfer, so viel klüger als all die anderen bisher dagewesenen „MAGA-Trump-Redneck-Techbro-Monster“-Karikaturen? Das scheint schon plausibler, bedenkt man die Hybris seines letzten Films „Bardo“, der kaum mehr war als die ausufernde Beschäftigung mit den Befindlichkeiten eines Künstlers (seinen eigenen).
Wir sehen uns nicht satt
Dann aber kommt der Bruch. Digger hat gerade mit dem Präsidenten beraten, wie mit der gewaltigen Eisscholle umzugehen sei, die sich infolge der Explosion gelöst hat und nun unerbittlich auf Europa zutreibt. Millionen Menschen könnten sterben. Man einigt sich – jaja, empörend! – darauf, zu schweigen und zu beten. Dann aber fährt die Kamera plötzlich weiter zurück, als sie es eigentlich dürfte. Kulissen werden sichtbar, ebenso Scheinwerfer und die Bühne, auf der sich alles abspielt. Tom Cruise spielt also gar nicht Digger, sondern einen Schauspieler, der Digger spielt.
Sobald er die Bühne verlässt, erinnert manches an „Birdman“. Wieder folgt Alejandro González Iñárritu einem Schauspieler hinter das Set, wieder herrscht dort Hektik und permanenter Druck, wieder sitzt ein Mann manisch vor dem hell erleuchteten Garderobenspiegel. Ganz losgeworden ist der Filmemacher seine Faszination für den Showbetrieb und dessen selbstbezügliche Neurosen also nicht. Diesmal aber zielt sie auf eine größere Frage: Warum führen wir uns das längst Erkannte eigentlich immer wieder vor? Was suchen wir noch in der satirischen Überzeichnung einer Wirklichkeit, deren Abgründe offen vor uns liegen – und, vor allem, was folgt aus all diesem Wissen?
„Digger“ nimmt nun diejenigen in den Blick, die eine solche Karikatur aufführen, an ihr arbeiten und ihr zusehen – und damit auch uns, das Kinopublikum. Denn bis hierhin bestand dessen Beschäftigung ebenfalls darin, Digger beim immer gierigeren, gewissenloseren und groteskeren Treiben zuzusehen. Der Film stellt den Erkenntniswert dieses Blicks selbst infrage.
Ihr wollt es doch auch
Ausgerechnet Digger selbst stört schließlich die so faszinierte wie bequeme Beschäftigung mit dem grotesken Bösewicht. Das Theaterstück, in dem er existiert, ist dabei weit feiner geraten als seine zunächst recht plumpe Hauptfigur: In seiner artifiziellen Farbgebung erinnert es bisweilen an Wes Anderson, zugleich steckt in der pastellenen Inszenierung eine große Lust an verspielter Illusionskunst. Bereitwillig legt die Kamera immer wieder deren Mechanik offen, zeigt etwa schwarz gekleidete Bühnenarbeiter, die kleine Wölkchen und Flugzeuge an Stäben durch die Kulissen ziehen lassen.
Auch das Europäische Parlament, vor dem Digger schließlich spricht, ist in ein beinahe lebloses Beige und Mint getaucht, entsättigt bis zur politischen Blutarmut. Der Gletscher ist inzwischen eingeschlagen, die Katastrophe eingetreten, entsprechend schlägt ihm blanker Hass entgegen. Zuvor hat Dr. Ganesh seinen Boss noch als das raffgierigste Böse beschrieben, das er sich vorstellen kann, als einen Mann, der selbst Kinder in Brand setzen würde, könnte er anschließend ihre Seelen für ein paar Pence verkaufen.
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Und doch gelingt es Digger, die Wut einzufangen, schlicht indem er ausspricht, was er selbst für die Wahrheit hält. Ja, sie mögen ihn dafür hassen, dass er gebohrt hat und bohrte und weiterbohrte, obwohl er wusste, was auf dem Spiel stand. Aber war es nicht genau das, was sie insgeheim von ihm wollten? Den Komfort eines nicht nachhaltigen Lebens, das auf fossile Energie gebaut ist, die warme Wohnung, die bequeme Bestellung von zu Hause, eine Welt, in der selbst die empörte Google-Suche nach Digger und seinen Lügen noch auf jenem System beruht, an dem er verdient?
Das Konsumentenargument, mit dem sich Verantwortung von Profiteuren, Konzernen und Politik auf den Einzelnen verschieben lässt, ist so alt wie bequem und ließe sich leicht widerlegen. Interessanter ist, was der Film daraus macht: Digger kommt damit durch, zumindest vorerst – und das Publikum sieht immer weiter zu. Untätig, und auch ein wenig selbstgenügsam, muss man wohl hinzufügen.
Genug gestarrt
Wie bitter das gemeint ist, zeigt sich später. Irgendwann wird klar, dass das Stück im Film auf wahren Ereignissen beruht. Die Eisschollen-Katastrophe hat tatsächlich stattgefunden, Menschen haben Angehörige verloren, die Welt um sie herum liegt in Trümmern – und noch immer sitzen sie vor einer Bühne, auf der ihnen genüsslich vorgeführt wird, wer daran schuld ist. Hätte „Digger“ mehr solcher Spitzen, wäre aus diesem ambitionierten Projekt womöglich eine wirklich dringliche Satire geworden. So aber verbringt Iñárritu selbst so viel Zeit mit jener wohlfeilen Karikatur, vor der sein Film letztlich warnt, dass die Warnung unter ihr begraben wird.
Und doch ist nach zwei Stunden etwas gewonnen. Sobald „Digger“ den Blick vom grotesken Ölbaron auf diejenigen richtet, die ihm gebannt zusehen, blitzt jener Iñárritu wieder auf, der in „21 Gramm“, „Biutiful“ oder „Babel“ menschlichen Schicksalen und ihren Verstrickungen nachspürte. Und das wäre dann auch wirklich radikal: den allgegenwärtigen Figuren der grellen Gegenwart nicht noch mehr Bedeutung zu schenken und den Blick stattdessen wieder auf das eigentlich Bedeutsame zu richten.
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