Wüst auf Erdoğan-Besuch: NRW-Chef auf Kanzlerprobefahrt

Türkeireise mit Geschäftssinn: NRW-MP Wüst würdigt Beitrag türkischer Migranten in Deutschland bei Besuch des türkischen Präsidenten Erdoğan
Foto: Marcel Kusch/StaatskanzleiNRW/dpa
dpa/rtr/taz | Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat überraschend den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst zu einem Gespräch in seinem Palast in Ankara empfangen. Der Termin war kurzfristig von Wüsts Delegation bekannt gegeben worden. Es solle um die engen Beziehungen zwischen Nordrhein-Westfalen und der Türkei, die wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie aktuelle politische Fragen gehen, hieß es.
Das Treffen ist protokollarisch sehr ungewöhnlich. Regionale Regierungschefs werden normalerweise nicht von Staatspräsidenten empfangen – zumindest gilt das für Länder vergleichbarer Bedeutung. Aber es gibt Ausnahmen. Mit dem Termin verleiht Erdoğan dem Besuch von Wüst jedenfalls besondere Bedeutung.
Hauptanlass der dreitägigen Reise ist der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens, mit dem die Zuwanderung Hunderttausender türkischer Arbeitskräfte in die Bundesrepublik Deutschland eingeleitet wurde. Es ist die erste Reise eines nordrhein-westfälischen Regierungschefs in die Türkei und für Wüst der erste Türkei-Besuch überhaupt.
Zudem ist Nordrhein-Westfalen wie kein anderes Bundesland mit der Türkei verknüpft, fast eine Million Menschen in NRW haben türkische Wurzeln. Das Handelsvolumen des Bundeslandes mit der Türkei beträgt mehr als 10 Milliarden Euro. Es gibt 25.000 bis 30.000 Betriebe in NRW von Inhabern mit türkischen Wurzeln. Die erste Station von Wüsts Reise galt dem Konsumgüterkonzern Henkel, der mehrere Fabriken in der Türkei betreibt.
Möglicher Nachfolger
Die Reise, auf der Wüst von einem großen Journalistentross auch aus Berlin und von einer Wirtschaftsdelegation begleitet wird, erregt wegen der Personaldebatten in der CDU große Aufmerksamkeit. Der 51-Jährige gilt als einer der möglichen Nachfolger von Kanzler und CDU-Chef Friedrich Merz, um den es wegen des schlechten Abschneidens bei den ostdeutschen Landtagswahlen und geringer Popularitätswerte eine Debatte gibt.
Wüst hatte dem Kanzler jedoch zusammen mit den anderen Unions-Ministerpräsidenten vergangene Woche die Unterstützung ausgesprochen und am Sonntagabend erneut betont, dass er Ministerpräsident in NRW bleiben wolle.
Wüst hat zum Auftakt seines Besuchs den Beitrag der türkischen Migranten für den Aufschwung Deutschlands gewürdigt. „Ohne diese Menschen wäre nicht möglich gewesen, wirtschaftlichen Aufschwung hinzukriegen nach dem Krieg“, sagte Wüst beim Besuch eines Henkel-Werks in Ankara. „Die haben im Stahlwerk gearbeitet, unter Tage, bei Ford in Köln, im Straßenbau, überall.“
Zugleich übte Wüst Kritik am bisherigen gesellschaftlichen Umgang mit den vielen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Zu lange seien sie „als Integrationsaufgabe“ und auch „gelegentlich als Problem“ gesehen worden, sagte er. Heute werde gesehen, wie einseitig das gewesen sei. „Es ist eine Riesenchance, eine Million Menschen aus der Türkei zu haben, mit türkischen Wurzeln in Nordrhein-Westfalen, die beide Kulturen, beide Sprachen kennen.“ Die Türken könnten „natürliche Brückenbauer“ sein und seien es vielfach bereits.
In einem Interview der türkischen Zeitung Hürriyet und der Nachrichtenagentur Anadolu verwies Wüst darauf, dass die Kinder und Enkelkinder der ersten Generation der sogenannten Gastarbeiter heute überall in der deutschen Gesellschaft auch in verantwortlichen Funktionen tätig seien: „Sie sind Lehrerinnen, Polizisten, Unternehmer, Vereinsvorsitzende. Das zeigt, glaube ich, ganz gut, dass, trotz aller Herausforderungen, die damaligen Gastarbeiter und ihre heutigen Kinder und Enkel aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken sind.“
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