Historiker Rödder: "Nie zu spät, das Richtige zu tun"
Steht die Brandmauer?
Quelle: ddpZDFheute: Für viele war der vergangene Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt eine Zäsur. Was ist Ihr Fazit?
Andreas Rödder:
Deutschland täte gut daran, wenn alle mal auf den Reset-Knopf drücken. Alle mal runterkommen, alle mal abrüsten - mit der Bereitschaft, noch einmal neu anzusetzen, neu miteinander zu reden, statt nur verächtlich übereinander zu reden.
Andreas Rödder, Historiker
Wenn das die Konsequenz aus dem Wahlsonntag und den tektonischen Verschiebungen wäre, die wir gerade erleben, dann könnte für die Demokratie daraus sogar ein Nutzen entstehen.
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt steht Kanzler Merz unter Druck: In Berlin liefern sich Linke und CDU ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in Mecklenburg-Vorpommern die AfD mit der SPD.
11.09.2026 | 38:20 minZDFheute: Sie haben schon vor langem von einem strategischen Dilemma gesprochen, in das sich die Union manövriere. Inwiefern?
Rödder: Die Union hat sich an Koalitionen mit Parteien links von ihr gebunden und damit von ihnen abhängig gemacht. Sie muss ihretwegen Konzessionen nach links machen - was sie dann nach rechts schwächt. Das wiederum macht sie weiter abhängig von links: Sie muss noch mehr Konzessionen nach links machen - und entfernt sich weiter von rechts. Es entsteht ein Teufelskreis. Und den bekommt die Union in den Umfragen derzeit ganz deutlich zu spüren.
... ist Historiker und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er leitet die konservative Denkfabrik Republik21 (R21). 2022/23 leitete er die CDU-Kommission "Wertefundament und Grundlagen", deren Charta als Basis für das neue Grundsatzprogramm diente. 2023 distanzierten sich Merz und die Parteispitze nach Rödders Äußerungen zum Umgang mit der AfD von ihm; kurz darauf gab Rödder den Vorsitz der Kommission ab. Er ist weiterhin CDU-Mitglied.
ZDFheute: Was wäre Ihre Exit-Strategie - Sie sprachen ja von einem Dilemma?
Rödder: In der Tat:
Die Union hat das Problem, dass ihr entweder - wie beschrieben - die Erosion nach rechts oder, wenn sie das irgendwie auflöst und auf Stimmen der AfD zurückgreift, die Spaltung nach links droht.
Andreas Rödder, Historiker
Aus diesem strategischen Dilemma herauszukommen, geht nicht ohne Schmerzen.
Die Brandmauer stehe weiterhin - aus inhaltlicher Überzeugung. "Mit denen können wir nicht sprechen", so die CDU-Generalsekretärin in Bezug auf die AfD in Sachsen-Anhalt.
06.09.2026 | 4:55 minZDFheute: Sie haben vor drei Jahren den Vorschlag der sogenannten "roten Linien" formuliert - als Alternative zur sogenannten Brandmauer?
Rödder: Die Idee ist: Anstelle von Brandmauern, die Menschen ausschließen, rote Linien zu ziehen, die Themen markieren, und in die sachliche Auseinandersetzung zu gehen - um so aus diesem Dilemma herauszukommen, das die Union in Bewegungsunfähigkeit gefangen hält.
Mehr zum Thema gibt es heute ab 19:10 Uhr bei Berlin direkt. Gesprächsgäste sind CSU-Chef Markus Söder und der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, Dirk Wiese. Moderiert wird die Sendung von Diana Zimmermann.
ZDFheute: CDU-Chef Friedrich Merz hat sich damals von dieser Idee distanziert. Unterstützung bekamen Sie dagegen diese Woche - für viele überraschend - von der Verfassungsjuristin Frauke Brosius-Gersdorf, die bei Markus Lanz sagte, die Brandmauer habe "kolossalen Schaden angerichtet".
Rödder: Manche sagen, dass es für die roten Linien jetzt zu spät sei, aber dann wären wir innerhalb von einer Sekunde von "zu früh und noch nicht" in "zu spät und nicht mehr" gekippt.
Ich würde sagen, es kann nie zu spät sein, das Richtige zu tun.
Andreas Rödder, Historiker
Jedenfalls ist es besser, das Richtige spät als das Falsche zu lange zu tun.
Über die Lehren aus der Wahl in Sachsen-Anhalt, die möglichen Folgen einer AfD-Regierungsbeteiligung für den Verfassungsschutz sowie den Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU gegenüber der AfD.
11.09.2026 | 61:18 minZDFheute: Das Raunen über einen möglichen Kanzlertausch nahm diese Woche in Berlin von Tag zu Tag zu. Aber stünde ein Nachfolger - aus Unions-Sicht - nicht strukturell vor denselben Herausforderungen?
Rödder:
Die Probleme der Union gehen weit über die Personalie Merz hinaus, ein Kanzlertausch würde sie nicht lösen.
Andreas Rödder, Historiker
Im Bund hat sie im Grunde zwei Optionen. Entweder sie macht weiter wie bisher, in der Hoffnung, irgendwie eine moderate Reformpolitik zu bewerkstelligen. Die Gefahr ist sehr groß, dass das eine Art schleichender Niedergang wird.
ZDFheute: Und was ist die zweite Option?
Rödder: Die Union vollzieht eine strategische Revision und schwenkt auf den Kurs ein, für den Merz einmal angetreten ist: einen Politikwechsel zugunsten einer konsequenten Reformpolitik. Das heißt, er müsste Druck auf die SPD ausüben, auch bereit sein, den Bruch dieser Regierung, wenn das nicht funktioniert, in Kauf zu nehmen und mit wechselnden Mehrheiten eine Minderheitsregierung zu führen. Das wäre riskant, und es verlangt Mut. Zugleich würde es dieser Regierung noch einmal die Möglichkeit eröffnen, eine Vision zu vermitteln, eine Strategie zu verfolgen und historische Bedeutung zu gewinnen.
ZDFheute: Aber bestünde dann nicht die Gefahr der Spaltung - weil viele in der Union den Weg nicht mitgehen würden?
Rödder: Die Sorgen sind berechtigt. Daher benötigt die Union entschlossene Führung und klare Orientierung. Die Erfahrungen, die wir in ganz Europa, in allen westlichen Gesellschaften machen, können wir meiner Einschätzung nach auf eine entscheidende Erfahrung zusammendampfen: Mitte-Rechts-Parteien haben dann eine Chance, wenn sie selbstbewusst ihre eigene Politik vertreten, ihre eigene Reformagenda verfolgen und aus der Defensive heraus in die politische Offensive gehen.
Der frühere CDU-Chef Armin Laschet kritisiert mangelnden Beistand für Merz durch CDU-Ministerpräsidenten – und die Lehren des Kanzlers nach der Sachsen-Anhalt-Wahl.
10.09.2026 | 1:15 minZDFheute: Genau das hat Friedrich Merz ja schon einmal getan - im Bundestagswahlkampf im Januar 2025. Damals gab es zwei Abstimmungen im Bundestag über Vorhaben der Union, die AfD stimmte jeweils dafür - und Merz löste eine riesige Protestwelle aus.
Rödder:
Als Merz angekündigt hat, er schaue nicht rechts, er schaue nicht links, er schaue nach vorne, und wer mitgeht, geht mit - da war dies das Synonym für eine selbstbewusste Reformpolitik einer rechten Mitte.
Andreas Rödder, Historiker
Ich glaube, dass diese Form der Politik - wenn sie ihr jetzt konsequent folgen würde - die Chance ist, die der Regierung Merz noch bleibt.
Das Interview führte Daniel Pontzen, Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.
Über das Thema berichtete das ZDF in verschiedenen Sendungen, etwa im heute journal am 11.09.2026 ab 21:45 Uhr.
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