Ernährung, Medizin, Verteidigung: So gefährdet die Chemie-Krise unsere Versorgungssicherheit

Ernährung, Medizin, VerteidigungSo gefährdet die Chemie-Krise unsere Versorgungssicherheit
28.09.2026, 17:39 Uhr
Von Christina Lohner
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Die deutsche Chemieindustrie erlebt infolge des Iran-Kriegs eine unerwartete Sonderkonjunktur. Weitere Standortschließungen samt Abbau Tausender Arbeitsplätze dürfte das jedoch nicht verhindern. Damit gerät auch die Versorgung mit existenziellen Gütern in Gefahr.
Der Chemieriese BASF will den Spezialchemieanbieter Evonik übernehmen. Evonik hat angekündigt, Tausende weitere Stellen abzubauen - wie auch BASF in den vergangenen zwei Jahren. Einer der wichtigsten Industriezweige Deutschlands erfährt eine "Schockwelle", wie es Ifo-Expertin Anna Wolf formuliert. "Große Unternehmen der Chemie halten den Produktionsstandort offensichtlich nicht mehr für wettbewerbsfähig."
Weitere Standortschließungen wie in den vergangenen Monaten sind wahrscheinlich, prognostiziert die Fachreferentin Branchenanalysen am Ifo-Institut im Gespräch mit ntv.de. Tausende weitere Arbeitsplätze können demnach entfallen.
Die deutsche Konjunktur erholt sich zurzeit, und die Weltkonjunktur zeigt sich relativ robust. Die deutsche Chemieindustrie profitiert sogar vom Iran-Krieg, trotz der massiv gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise. Denn von den Lieferketten-Engpässen infolge des Kriegs in Nahost ist vor allem Asien betroffen, wodurch die Nachfrage hierzulande steigt. Dadurch konnten die deutschen Chemieunternehmen entgegen dem Trend der vergangenen Jahre zuletzt ihre Preise erhöhen. "Ihre Wettbewerbsnachteile sind aber nur kurzfristig ausgelöscht", stellt Wolf klar.
Die energieintensive Chemieindustrie leidet laut der Branchenbeobachterin so unter den hohen Energiepreisen und der Regulatorik, dass sie zumindest im Bereich Grundstoffchemie nicht mehr wettbewerbsfähig produzieren kann. China überschwemme den europäischen Markt zudem mit Basischemikalien. Auch durch die protektionistischen Maßnahmen der USA würden Produkte nach Europa umgelenkt. "Die einzige Schraube, an der die deutschen Chemieunternehmen drehen können, sind die Personalkosten", sagt Wolf. "In der Chemie entscheidet sich vieles über den Preis, weil die Produkte standardisiert sind. Die Qualität ist über Vorgaben gesichert."
"Wir brauchen strategische Reserven"
Unternehmen wie BASF bauen deshalb hierzulande Arbeitsplätze ab - und ihre Standorte in China aus. Wolf hält eine weitere Abwanderung für brandgefährlich. "Wir haben keine offenen Märkte mehr", bedauert die Ökonomin mit Blick auf China oder die USA. Um die eigene Versorgung auch im Krisenfall zu garantieren, sollte die EU ihrer Einschätzung nach einen Teil der Chemieproduktion selbst sicherstellen, nach Vorbild der Regeln für kritische Rohstoffe.
"Bei Chemikalien im Bereich Ernährung, Verteidigung und pharmazeutische Erzeugnisse müssen wir wie andere Länder, zum Beispiel die USA oder China, eigene Reserven aufbauen", fordert Wolf. Andernfalls könne bei geopolitischen Spannungen und Lieferkettenproblemen die Versorgung gefährdet sein.
Neben solchen strategischen Reserven mahnt die Ökonomin einen Bürokratieabbau und mehr Tempo beim Ausbau der Energieinfrastruktur, etwa für Wasserstoff, an. Der Wettbewerbsdruck in der Chemieindustrie sei enorm, etwa auch bei Zukunftsfeldern wie für den KI-Bereich: "Spezialchemie für Rechenzentren wird auch in Asien massiv ausgebaut", erklärt Wolf.
Von einer weiteren Abwanderung deutscher Chemieunternehmen wären nicht nur existenzielle Güter aus Ernährung, Medizin oder Verteidigung betroffen. Auch andere Branchen müssten bei neuen globalen Verwerfungen und Lieferkettenproblemen um ihre Versorgung mit chemischen Erzeugnissen bangen. "Die chemische Industrie ist ein Grundversorger der gesamten Wirtschaft: Ihre Produkte stecken in unglaublich vielen Dingen, zum Beispiel in Kunst- und Baustoffen oder in Reinigungsmitteln", betont Wolf. "Die chemische Industrie liefert nicht ein bestimmtes Produkt, das dann teurer wird, sondern steht am Anfang extrem vieler Lieferketten."
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