Mehr «Du», weniger «bitte», aber Junge bleiben trotzdem höflich

- Junge duzen häufiger und sagen seltener «bitte», wie das Forschungsprojekt VariPrag der Freien Universität Berlin zeigt.
- Höflich bleiben sie laut Linguistin Janel Zoske trotzdem, etwa mit Wörtern wie «vielleicht» oder «eventuell».
- In der Schweiz ist das «Bitte» noch weniger verbreitet, dafür kommt der Konjunktiv häufiger vor.
- Ein vorangestelltes «Du» bei der Anrede kann in Deutschland als nörgelig wirken und Missverständnisse auslösen.
«Hallo, was darf ich dir bringen?»: So oder so ähnlich wird man heute in vielen Cafés, Restaurants oder Take-Aways begrüsst. Aber nicht nur in der Gastronomie trifft man auf das Du. Ob bei der Physio oder im Arbeitsumfeld, für viele ist es normal, das Gegenüber zu duzen.
Dass mehr geduzt wird, bestätigt Janel Zoske. Die Linguistin arbeitet an der Freien Universität Berlin am Forschungsprojekt VariPrag, das Alltagskommunikation in Deutschland, Österreich und der Schweiz vergleicht. Die Ergebnisse zeigen: Jüngere duzen häufiger. Das heisst aber nicht, dass sie alle und überall duzen.
Gründe fürs Siezen sind unterschiedlich
«Nicht nur das Alter der Person ist entscheidend, sondern auch das des Gegenübers», sagt Zoske. «Jüngere Personen siezen ältere Menschen ebenfalls. Ältere Menschen siezen im Generellen jedoch mehr.»
Über die Expertin
Janel Zoske ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Linguistik an der Freien Universität Berlin.
Für die Gründe dafür hat Zoske zwei Hypothesen: «Zum einen gibt es eine Informalisierung der Gesellschaft. Hierarchien spielen nicht mehr so eine Rolle wie vor 50 oder 100 Jahren.» Dies sei ein gesellschaftlicher Wandelprozess. Ausserdem könne es sein, dass bei Jüngeren der Fokus noch stärker darauf liegt, Gemeinsamkeiten auszudrücken: «Ich duze jemanden, weil ich zeigen möchte, dass wir zu einer ähnlichen Gruppe gehören.» Ältere Menschen siezt man hingegen, weil dies als Zeichen des Respektes angesehen wird.
Auch ältere Menschen siezen, um Respekt zu markieren. «Manchmal aber auch, um eine gewisse Distanz zu wahren, zum Beispiel im beruflichen Kontext.»
Sprache ändert sich, Höflichkeit bleibt
Die Arbeit von Zoske und ihren Kollegen zeigt: Auch wenn sich Sprache wandle, bleibe Höflichkeit erhalten. «Wir konnten feststellen, dass bei älteren Menschen das ‹Bitte› noch sehr verbreitet ist, bei jüngeren weniger. Ein Grund dafür könnte sein, dass das Wort so häufig verwendet wurde, dass es heute als Aufforderungsmarker verstanden wird – und nicht um eine Bitte abzuschwächen.»
«Jüngere Menschen nutzen wiederum häufiger Wörter wie ‹vielleicht› oder ‹eventuell›, um andere um etwas zu bitten.» Die Bitte werde abgeschwächt, indem dem Gegenüber ein vermeintlicher Handlungsspielraum eingeräumt werde. «Junge Menschen fragen zum Beispiel eher: ‹Kannst du mir vielleicht die Butter geben?› Anstatt ‹Bitte gib mir die Butter›.»
Schweizer Eigenheiten
Dies zeige sich in allen drei Sprachregionen. «In der Schweiz ist das Bitte sogar noch deutlich weniger verbreitet. Dafür wird hier häufig der Konjunktiv verwendet.» Dieser werde auch in Deutschland und Österreich verwendet, in der Schweiz sei er jedoch verbreiteter.
Dies sei nicht der einzige regionale Unterschied. «In der Schweiz wird bei der Anrede häufig ein ‹Du› vorangestellt. Das ist weit verbreitet. In Deutschland hingegen wird dies zum Teil als quengelig oder nörgelig wahrgenommen.»
Es seien solche Beispiele, die aufzeigen, dass unterschiedliche Höflichkeitskonventionen Missverständnisse auslösen können. «Es gibt nicht die eine Wahrheit, was höflich oder unhöflich ist. Es geht immer um ein sozial angemessenes Verhalten, das aber auch die Erwartungen des Gegenübers anspricht.»
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Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.
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