Die gefährlichste Wette der Menschheit?
In Armenien läuft die 17. UN-Weltbiodiversitätskonferenz. Es geht darum, das Sterben der Tier-und Pflanzenarten aufzuhalten. Jede zehnte ist bedroht. Die Bojak-Forelle hat es schon hinter sich.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Unwahrscheinlich, dass Sie schon mal von der Bojak-Forelle gehört haben. Bis in die 1980er Jahre lebte sie im Sewansee in Armenien. Die Bojak wurde so lange befischt, bis sie weg war. Nach 11.000 Jahren ausgerottet. Verschwunden.
Das Ökosystem Sewansee droht zu kippen. Bringt die Nachzucht der Sewan-Forelle Rettung? Ingolf Baur sucht nach Antworten.
15.10.2026 | 12:59 minNa und, könnte man sagen. Sollen die Armenier eben andere Arten wie die Felchen essen, die sie damals gezielt in den See eingeführt haben und die den Forellen alles weggefressen haben. Ja, die schmecken auch. Aber trotzdem zeigt sich am See drastisch, was es heißt, wenn der Mensch zu wissen meint, auf welche Arten es ankommt.
Der Mensch weiß es nur selten besser als die Natur
Der Sewan, dieser unfassbar schöne, riesige Hochgebirgssee im kleinen Kaukasus, droht zu kippen. Die Blaualgen blühen bereits regelmäßig. Nicht zuletzt, weil auch Stalin schon glaubte, er wisse es besser als die Natur.
Er ließ den See um 19 Meter absenken, um neues Ackerland zu gewinnen. Hybris pur. Die Klimaerwärmung könnte nun der wichtigsten Wasserquelle von Armenien, Georgien und Aserbaidschan den Rest geben. Der Mord an der Bojak-Forelle ist nur ein Puzzleteil dieser ökologischen Katastrophe, aber eines, das klar macht, dass wir die Zukunft nicht voraussehen können.
Jede Art zählt
Das Wiesenvögelchen, das wir in Armenien gesucht haben, kennt wahrscheinlich auch keiner. Ich kannte es vorher jedenfalls nicht. Die Überraschung: Es ist kein Vogel, sondern ein Schmetterling. Die gute Nachricht: Es lebt. Und zwar auf einem schmalen Bergrücken im kleinen Kaukasus, und zwar nur dort.
Ingolf Baur sucht nach den letzten Wiesenvögelchen und Kranichen in Armenien und erfährt, warum ihr Verschwinden zum Kollaps ganzer Ökosysteme führen kann.
15.10.2026 | 12:25 minEs ist nicht irgendein Wiesenvögelchen, sondern Coenonympha symphita karsiana, eine spezielle Unterart. Für Laienaugen ist der Unterschied zu anderen Wiesenvögelchen, die es auch in Deutschland gibt, kaum zu erkennen. Die Flügelchen sind etwas anders gemustert.
Vielfalt ist die beste Versicherung
Und doch sind Unterarten eine sehr raffinierte Strategie der Natur im Umgang mit den Unwägbarkeiten der Zukunft. Denn jede Unterart ist genetisch minimal anders gestrickt. Und in dieser Variation steckt die Antwort auf die potenziellen Probleme von morgen: steigende Temperaturen, andere Fressfeinde, veränderte Futterpflanzen, die mögliche Lösung lebt bereits und kann sich dann durchsetzen.
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19.10.2026 | 28:03 minDiese Versicherung der Natur ist auch eine Versicherung für uns Menschen. Die Verhandler auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Yerevan müssen dafür sorgen, dass möglichst viele Unterarten entstehen und überleben können. 30% der Erde zu schützen, ist ein guter Anfang. Aktuell sind es zu Land rund 20 Prozent. Eine Traueranzeige für das Wiesenvögelchen können wir uns nicht leisten.
Eine riskante Wette auf die Zukunft
In diesem Jahr investieren die vier amerikanischen KI-Giganten zusammen rund 700 Milliarden Dollar in Datenzentren. Ganz schön mutig, denn auch sie kennen die Zukunft nicht. Zufälligerweise ist das genau die Summe, die die Welt jährlich in Naturschutz investieren muss, um das Artensterben zu stoppen.
Mehr als 49.500 Tierarten sind vom Aussterben bedroht, die Biodiversität in Gefahr. Zoos, Wissenschaftler und Behörden wollen nun an einem Strang ziehen, um die Artenvielfalt zu schützen.
10.09.2026 | 43:56 minWer wie viel davon und wofür genau bezahlt, darum geht es letztlich bei den UN Verhandlungen. Was für ein Zufall. Geld für Datenzentren ist da, Geld für die Rettung unserer Lebensgrundlagen lässt sich nur schwer auftreiben. Riskant ist beides.
Artenvielfalt ist eine Frage des Überlebens
Der rennommierte Ökologe Josef Settele († 9.10.2026), der mit uns auf Schmetterlingsjagd in Armenien war, brachte es auf den Punkt: "Der Klimawandel bestimmt wie die Lebensbedingungen für alle kommenden Menschen auf diesem Planeten sein werden, der Erhalt der Biodiversität aber bestimmt, ob wir überhaupt überleben."
Wenn wir uns nicht alle Optionen für die Zukunft bewahren, wird irgendwann eine Traueranzeige für homo sapiens geschrieben.
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15.10.2026 | 12:55 min... ist studierter Physiker und Wissenschaftsjournalist. Er moderiert das tägliche 3sat-Wissenschaftsmagazin NANO, bereist die Welt für spannende Reportagen und kann richtig gut singen. Sein Motto ist "Ökologie first - es geht um alles".
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