Nach Tod einer Laborantin – Pest in Russland? Was man weiss – und was nicht

Nach dem Tod einer jungen Frau in einem sibirischen Spital steht der Verdacht auf Lungenpest im Raum. Die zuständige staatliche Stelle dementiert. Doch Vorsichtsmassnahmen gelten. Russland-Korrespondent David Nauer beleuchtet die Hintergründe.
David Nauer
Ukraine- und Russland-Korrespondent
David Nauer ist Ukraine- und Russland-Korrespondent bei SRF TV. Von 2016 bis 2021 war er als Radio-Korrespondent in Russland tätig. Zuvor war er Russland-Korrespondent des «Tages-Anzeigers». Nauer reist seit Beginn des russischen Angriffskriegs regelmässig in die Ukraine.
Was ist passiert?
In einem Spital unweit der sibirischen Stadt Irkutsk ist vergangene Woche eine junge Frau gestorben, die in einem Pest-Forschungsinstitut arbeitete. Lokale Medien berichten, sie sei an Lungenpest gestorben – es wird auch gemeldet, ihr sei zuvor bei der Arbeit ein Reagenzglas zerbrochen. Ein örtlicher Gouverneur brachte selbst Pest als mögliche Todesursache ins Spiel. Eine offizielle Bestätigung, dass die Frau tatsächlich an Pest erkrankt war, gibt es aber bisher nicht. Im Gegenteil: Die zuständige russische Behörde erklärte, die Frau sei an einer Lungenentzündung unklarer Ursache gestorben. Man habe in ihrem Körper keine Mikroorganismen gefunden, die mit ihrer Arbeit in Zusammenhang stehen.
Ist dieses Dementi glaubhaft?
Ich bin erst mal skeptisch. In Russland gibt es die unselige Tradition, schlechte Nachrichten unter den Teppich zu kehren. Es ist also nicht auszuschliessen, dass es einen Pest-Verdachtsfall gab. Vielleicht ist der inzwischen sogar bestätigt oder es gibt noch weitere Fälle. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang die Reaktion der lokalen Behörden. Diese haben die Bevölkerung aufgefordert, nicht in die betreffende Kleinstadt zu reisen. Zudem seien 200 Personen – mutmasslich Kontaktpersonen der betroffenen Frau – sowie mehrere Spitäler unter Quarantäne gestellt worden, berichten russische Medien. Es seien auch Personen in Schutzanzügen gesichtet worden. Man hat also den Eindruck, dass die Behörden vor Ort die Ausbreitung einer Krankheit – möglicherweise von Pest – verhindern wollen.
Was sagt der Kreml?
Der Sprecher von Präsident Putin sagte am Montag, die Bevölkerung solle nicht auf «verschiedene Gerüchte» hören, sondern sich an offiziellen Informationen orientieren. Für solche Fälle sei die russische Verbraucherschutzbehörde verantwortlich, dort würden hochprofessionelle Leute arbeiten.
Wie professionell sind die russischen Behörden in solchen Fällen?
In Russland gibt es sicher gute Spezialistinnen und Spezialisten, die wissen, was bei einem Pestausbruch zu tun ist. Die Frage ist, wie gut Massnahmen dann wirklich umgesetzt werden. Während der Covid-Pandemie etwa erlebte ich in Moskau, dass viele Regeln nicht oder nur halbherzig umgesetzt wurden. Und eben: In Russland kommt es immer wieder vor, dass Probleme oder Katastrophen kleingeredet werden und dann am Ende alles noch schlimmer kommt, weil nicht rechtzeitig Gegenmassnahmen ergriffen werden.
Wie gefährlich ist Lungenpest?
Lungenpest ist fast immer tödlich, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird. Symptome sind hohes Fieber, Kopfschmerzen, starke Schwäche sowie eine rasch fortschreitende Lungenentzündung. Die Krankheit ist von Mensch zu Mensch relativ leicht übertragbar und hat eine kurze Inkubationszeit. Also: Lungenpest ist gefährlich, lässt sich aber mit Antibiotika behandeln, sofern die Medikamente rechtzeitig abgegeben werden.
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