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Saturday, October 10, 2026

Wahlkampf per Fahrrad: Können Serbiens Studenten Vucic besiegen?

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Studierende während einer Wahlkampf-Tour mit Anhängern in Serbien.

Europamagazin

Stand: 10.10.2026 • 07:44 Uhr

Vor zwei Jahren begannen die Studentenproteste gegen Serbiens Regierung unter Vucic - und für Neuwahlen. Jetzt, da es Ende des Monats tatsächlich Wahlen geben wird, haben die Studierenden eine echte Chance.

Andreas Herz

Die 22-jährige Marija zieht ihre Regenjacke über und steigt auf ihr Rad. Heute wird sie an ihre Grenzen kommen, doch das weiß sie jetzt noch nicht. Seit Tagen ist die Medizinstudentin mit anderen Studierenden unterwegs.

Als Kollektiv treten sie bei der Wahl gegen Aleksandar Vucic an, der erst Ende September als Präsident Serbiens zurückgetreten war und vorgezogene Neuwahlen angesetzt hatte. Der Wahlkampf der Studierenden: Fahrradtouren durchs Land.

Bei der anstehenden, verregneten Etappe geht es durch eine ländliche Region südwestlich von Belgrad. Es ist eine konservativ geprägte Region, in der bislang viele Menschen Vucic unterstützten. Der Ort Osecina ist das erste Ziel: "Wir hoffen, dass wir die Menschen dort erreichen und ihnen erklären können, was im Land wirklich los ist", sagt Marija.

Marija ist eine von vielen Studierenden, die auf dem Rad Wahlkampf für eine neue Politik in Serbien machen.

Unglück von Novi Sad löste Bewegung aus

Alles begann vor zwei Jahren, als in Novi Sad ein Bahnhofsvordach einbrach. 16 Menschen starben. Die nachfolgenden Proteste waren der Startschuss für die Studentenbewegung, die nun auf Listenplatz drei zur Wahl antritt. Das Unglück von Novi Sad sei die Folge von Korruption und Machtmissbrauch im System Vucic, kritisieren sie.

Die Studierenden wollen einen Neustart: bessere Bildung, Rechtsstaatlichkeit und eine klare EU-Perspektive - die durch die autokratischen Tendenzen Vucics, seine Haltung gegenüber Russland und den Umgang mit den Protesten nicht besser geworden ist. Den Studierenden schwebt eine Art Expertenregierung vor. Entsprechend sind etliche Listenplätze mit Professoren oder Wissenschaftlern besetzt.

Denn anders als in Ungarn, wo Peter Magyar sein Bündnis zum Sieg gegen den damaligen Ministerpräsidenten Viktor Orban führte, fehlt Serbiens Studentenbewegung eine charismatische Führungsfigur. Doch das ist ganz in ihrem Sinne.

"Ruf systematisch zerstört"

Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich gut am Fall des Professors Vladan Dokic erklären, der als Rektor der Uni Belgrad die Studentenproteste unterstützte. Nach einem tragischen Todesfall an der Uni stürmten serbische Polizeieinheiten sein Büro - woraufhin Dokic vom Balkon der Universität eine emotionale Rede hielt.

"Sie können Receiver und Computer wegnehmen, aber die Wahrheit können sie nicht wegnehmen", rief er der Menge im Hof zu. Damit hatte die Bewegung auf einmal ein Gesicht.

Doch dann begann, was Vucics Gegner als Schmutzkampagne bezeichnen: Die von Vucic kontrollierten Medien - für viele Menschen die einzige Informationsquelle - hätten Dokics Ruf systematisch zerstört. Nun ist er nicht einmal mehr auf der Wahlliste zu finden.

Persönliche Attacken wegen Unterstützung für Studierende

So ähnlich gehe es allen, die öffentlich als Gegner Vucics auftreten, sagen die Studierenden.

Ein Beispiel dafür ist Jana Acimovic Planojevic. Die Anwältin vertritt Opfer eines Polizeieinsatzes in Valjevo. Dort waren Demonstranten vor einem Jahr von Polizisten brutal verprügelt worden. Die Anwältin, die sich für Aufklärung einsetzt, wurde in der Folge selbst zur Zielscheibe und im Fernsehen unter anderem von Vucic persönlich attackiert.

"Am schlimmsten waren die Geschichten, die sie über meinen Vater erfunden haben", berichtet Acimovic Planojevic: "Ihm wurde vorgeworfen, als Unternehmer angeblich Ammoniak vergraben und so die ganze Stadt vergiftet zu haben, sodass viele hier an Krebs verstorben seien." Die Anwältin unterstützt die Studierenden, die sich explizit für Rechtsstaatlichkeit einsetzen.

Tagelang fahren die jungen Serbinnen und Serben durch die relativ konservative Region des Landes.

Von Vucic-Anhängern erwartet

Inzwischen sind Marija und die 120 anderen wahlkämpfenden Radler in Anfahrt auf das Städtchen Oescina. Weil Marija Diabetes hat, muss sie immer wieder absteigen. Die Hügel und das Regenwetter überfordern sie. Schließlich wird sie von Mitstreitern geschoben.

Gemeinsam rollen sie in den Ort, wo Vertreter der Vucic-Partei sie schon erwarten. Aus deren Sicht hat Vucic das Land voran gebracht, vor allem die Infrastruktur verbessert.

"Hier, in unserer Gemeinde, kann man mit bloßem Auge sehen, was alles gemacht worden ist", sagt Svetozar Gacic, Vorsitzender des Gemeinderats. Auf die Frage, wie es in Sachen EU-Beitritt aussieht, weiß der Bürgermeister neben ihm nicht recht zu antworten. Gacic springt ihm bei: "Wir unterstützen die Politik unseres Präsidenten Aleksandar Vucic, der sich für europäische Integration einsetzt - und für gute Beziehungen zu unserem brüderlichen Russland."

Die Studierenden werden während ihrer Tour nicht nur von Anhängern erwartet. Diese beiden Männer sind Lokalpolitiker der Partei von Vucic.

"Wir setzen unsere Hoffnung auf Gott und auf diese Jugend"

Ein Stück weiter stehen andere Einheimische. Sie empfangen die Studierenden mit Beifall, Essen und Trinken. "Sie haben die Türen und Fenster weit geöffnet, damit die Menschen endlich wieder einen Hauch von Freiheit spüren können", sagt ein Mann.

"Alle Achtung vor ihnen. Das sind unsere Kinder!", ergänzt ein anderer mit Tränen in den Augen. "Wir werden alle gemeinsam dafür kämpfen, dass dieser Wahnsinn ein Ende findet. Wir setzen unsere Hoffnung auf Gott und auf diese Jugend." Mittendrin steht Marija, erschöpft aber glücklich: "Wir tun das aus vollem Herzen. Und wir teilen unsere positive Energie mit allen hier."

Umfragen sehen die Studentenliste inzwischen tatsächlich auf Augenhöhe mit dem Vucic-Lager. Die Wahl in zwei Wochen, am 25. Oktober, könnte für Serbien und den ganzen Balkan historisch werden.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin - am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

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