Papst Leo: Dorthin Hoffnung bringen, wo Entmutigung herrscht
Hunderttausende Menschen sind in Paris zu einer Freiluft-Messe mit Papst Leo XIV. geströmt. Schon mehrere Stunden vor Beginn der Veranstaltung versammelten sie sich in der französischen Hauptstadt entlang den Champs-Élysées. Leo fuhr im Papamobil die berühmte Prachtstraße hinunter, um an deren Abschluss, auf der Place de la Concorde, eine Messe zu feiern.
Erwartet wurden rund 600.000 Menschen. Nach einer Zählung des Vatikans kamen deutlich mehr: etwa 700.000. Präsident Emmanuel Macron gehörte - der laizistischen Tradition folgend - nicht zu den Gottesdienstteilnehmern; er ließ sich durch Premierminister Sébastien Lecornu vertreten. Doch das frühere Staatsoberhaupt Nicolás Sarkozy war laut Reportern anwesend.
Ort mit Geschichte
Auf der Place de la Concorde, dem größten Platz in Paris, spielten sich immer wieder historische Ereignisse ab. Während der Revolutionsjahre stand hier die Guillotine, unter der Ludwig XVI. und Königin Marie-Antoinette ihr Ende fanden. Im Jahr 1900 schritten die Besucher der Weltausstellung auf dem Platz durch das Eingangstor. Und genau dort wohnt auch der Präsident am Nationalfeiertag stets der Militärparade bei.
Der Papst griff in seiner Predigt den Namen des "Platzes der Eintracht" auf, den mehrere berühmte Brunnen zieren. Er verwandte die biblische Metaphorik des Wassers für das Evangelium Jesu Christi, das den immateriellen Durst des Menschen, eines "sich sehnenden" Wesens, stille. Dies sei der Durst nach Wahrheit und nach Erfüllung.
"Nicht im Streben nach materiellen Gütern erschöpfen"
Der Mensch unternehme manches, um seine innere Leere nicht zu spüren, so Leo. Die Suche nach Glück, Liebe und Selbstverwirklichung dürfe sich nicht im Streben nach materiellen Gütern erschöpfen. Nur Gott, der jeden Einzelnen mit Namen kenne und bedingungslos liebe und für den niemand nur eine Nummer sei, könne die innere Leere füllen.

Zugleich forderte er die Gläubigen auf, "den Frieden und die Liebe unseres geliebten Herrn Jesus Christus unaufhörlich auszustrahlen und weiterzugeben". Diesen Appell richtete Leo auch an die erwachsenen Taufbewerber - die Katechumenen - und die Neugetauften. "Es ist eure Aufgabe, Hoffnung dorthin zu bringen, wo Entmutigung und geistliche Trockenheit herrschen."
"Jene sehen, die unsichtbar sind"
An diesem Samstagvormittag hatte der Papst zu einem würdevollen Umgang mit Migranten aufgerufen. Die Menschen sollten "jene sehen, die unsichtbar sind, und jene befreien, die durch die wirtschaftliche Lage in die Sklaverei gedrängt werden", sagte das Oberhaupt von weltweit rund 1,3 Milliarden Katholiken.

Die Geschichte der Kirche und der Menschheit sei nicht von denen geschrieben, die den Eindruck erweckten, zu siegen, indem sie sich durchsetzten, erklärte der Papst an dieser Station seines Besuch. Die Geschichte werde vielmehr von denen gemacht, die sich um Frieden bemühten, die Vertrauen schüfen und das Leben förderten. Leo äußerte sich im Sozial- und Integrationszentrum Bakhita, das die Diözese Paris eingerichtet hat.
"Gemeinsam in Würde und Frieden leben"
"Dieses Haus bezeugt der ganzen Stadt, dass es möglich ist, sich zu begegnen und gemeinsam in Würde und Frieden zu leben", sagte er, nachdem er Berichte eines afghanischen und eines nigerianischen Migranten angehört hatte. Das Haus Bakhita geht auf einen Aufruf von Leos Vorgänger Papst Franziskus zurück, der immer wieder zur Aufnahme, zum Schutz und zur Integration von Fremden aufgerufen hatte. Es bietet Migranten mit und ohne Aufenthaltserlaubnis Französischkurse und weitere Schulungen, aber auch psychologische Begleitung an.

Im Anschluss traf der Pontifex am Institut Catholique, einer im 19. Jahrhundert gegründeten Universität in Paris, mit jungen Erwachsenen zusammen, die sich kürzlich haben taufen lassen oder sich darauf vorbereiten. Er rief dazu auf, diese Menschen "zu begleiten und sie in die Gemeinschaft einzugliedern".
In Frankreich ist die Zahl der Erwachsenentaufen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, während der Rückhalt der Kirche innerhalb der säkularen Gesellschaft eher schwindet. In diesem Jahr ließen sich knapp 21.400 Jugendliche und überwiegend junge Erwachsene taufen - ein Phänomen, das im Vatikan aufmerksam beobachtet wird und für das es keine eindeutigen Erklärungen gibt.
Kathedralen von Weltrang
Zu Frankreichs Kulturerbe gehören ungezählte Klöster und Kathedralen von Weltrang. Die katholische Kirche des Landes zählt zu den traditionsreichsten und auch geistesgeschichtlich wichtigsten in Europa. Marksteine ihrer reichen Geschichte sind für das christliche Mittelalter die Taufe des Frankenkönigs Chlodwig, die Reichskirche Karls des Großen ("Charlemagne") und die großen Ordensbewegungen, aber auch die Religionskriege des 16. und 17 Jahrhunderts, die Aufklärung und die Französische Revolution.

Das Christentum ist hier geprägt vom Laizismus, der seit 1905 gesetzlich verankerten strikten Trennung von Kirche und Staat. Eine Ausnahme bilden die zwischenzeitlich zu Deutschland gehörenden Grenzregionen Elsass und Lothringen, wo das fortgeltende Konkordat von 1801 den damals ansässigen Religionsgemeinschaften - also nicht dem Islam - einen Sonderstatus sichert.
Keine Kirchensteuer
Seit der Verstaatlichung ihres kompletten Eigentums im Zuge der Französischen Revolution finanziert sich die katholische Kirche allein durch Spenden und Beiträge der Katholiken; Kirchensteuern wie etwa in Deutschland, gibt es nicht. Der Unterhalt von Kirchengebäuden, die vor 1905 errichtet wurden, obliegt dem Staat. Neubauten sind selbst zu finanzieren.
Die Kirche steht seit Jahrhunderten auch für die Bewahrung des kulturellen Erbes und für die Vermittlung von Bildung. Noch immer besuchen viele Grund- und Oberschüler katholische Einrichtungen, vor allem im ländlichen Raum.
Als Kolonialmacht prägte Frankreich mit entsandten Bischöfen und Ordensleuten auch kirchlich viele Länder in Übersee. Im französischen Mutterland ist die katholische Kirche in 94 teils sehr kleine Bistümer und eine Militärdiözese eingeteilt. In den verbliebenen Übersee-Territorien gibt es zusätzlich neun Diözesen. Deren Bischöfe sind ordentliche Mitglieder der Französischen Bischofskonferenz.
Immer weniger Pfarreien
Etliche Geistliche betrachten inzwischen Frankreich als Missionsland. Die Kirche kämpft gleich an mehreren Fronten: mit einer rückläufigen Mitgliederzahl, schwindender Teilnahme an Gottesdiensten, Priestermangel und einer sinkenden Zahl an Pfarreien.
Nach Angaben der Katholischen Nachrichten-Agentur bezeichnet sich etwa die Hälfte der rund 68 Millionen Einwohner als katholisch. Der Statistikbehörde INSEE zufolge sagt dies von den 18- bis 49-Jährigen immerhin jeder Vierte. Allerdings setzen laut Schätzungen nur noch zwei von 100 Franzosen ein Zeichen ihres Glaubens, indem sie die sonntägliche Messe besuchen.
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