Undercover im Wettlokal – Millionenumsätze: Das grosse Geschäft mit illegalen Sportwetten

Keine zwei Minuten, dann ist der Wettkonto erstellt. 100 Franken sind eingezahlt. Das Geld verschwindet im Serviceportemonnaie und erscheint als Wettguthaben auf dem Smartphone. Was die Barfrau hinter der Theke nicht weiss: Hier lädt kein Spielsüchtiger sein Wettkonto auf, sondern ein Reporter von SRF Investigativ.
Die Bar liegt in einem Kellergeschoss, ziemlich abgelegen in einem Industriequartier bei Luzern. Es scheint, als würde sich niemand zufällig hierhin verirren. Hier würden kaum Bier oder Kaffee bestellt, sagt ein Insider. In diese Bar gehe man vor allem, um Geld auf ein Konto einer illegalen Wettplattform einzuzahlen.
Über 100 illegale Wettlokale
Illegale Sportwetten seien in der Schweiz weit verbreitet, sagt Manuel Richard, Direktor der interkantonalen Geldspielaufsicht Gespa. Seine Behörde bekämpft illegales Wettspiel und unterstützt die Polizei bei Razzien.
Gewettet werde in Restaurants, Kiosken, Bars oder Vereinslokalen. Teils mitten in der Stadt, manchmal in unscheinbaren Räumen im Industriegebiet.
Wie viele solcher Wettlokale es gibt, wisse niemand genau, sagt Richard. Aber: «Wir sind im dreistelligen Bereich. Sicher über hundert.» Die dahinterstehenden kriminellen Organisationen seien schweizweit aktiv und agierten auch über die Landesgrenzen hinaus, sagt Gespa-Direktor Richard.
Das sind kriminelle Organisationen, kriminelle Netzwerke.
Es sei ein lukratives Geschäft: Laufe ein Lokal gut, könnten mit illegalen Sportwetten monatlich rund 100’000 Franken umgesetzt werden. Die Gespa schätzt, dass damit in der Schweiz jährlich rund 300 Millionen Franken Umsatz generiert werden.
Wer hierzulande Sportwetten anbieten will, braucht eine Bewilligung. Eine Bewilligung für Online-Sportwetten haben in der Schweiz einzig Swisslos und die Loterie Romande. Dafür müssen sie bestimmte Auflagen erfüllen, wie beispielsweise süchtige Spieler schützen. Ausländische Anbieter haben keine Bewilligung in der Schweiz und sind demzufolge illegal. Dennoch kann in der Schweiz auf diesen Wettplattformen gespielt werden. Denn sobald eine Plattform von den Behörden gesperrt wird, erstellen die Betreiber eine neue Domain. Spieler machen sich nicht strafbar, wenn sie auf diesen Plattformen wetten.
Auch der Bund schreibt in seiner aktuellen Strategie zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität von Verbindungen zwischen illegalem Glücksspiel und kriminellen Netzwerken.
Anonymität und schnelles Geld
Zurück zu den Wettlokalen: Die Spieler zahlen das Geld vor Ort ein, wetten danach aber trotzdem digital auf dem Smartphone. Doch wieso? Eine Erklärung dafür hat Rico* (Name geändert). Über Jahre habe er immer wieder denselben Kiosk besucht. Dort habe er sein Sportwettenkonto aufgeladen und sein Geld verzockt. Mal ein paar hundert Franken, mal mehrere tausend auf einmal. Immer in der Hoffnung auf den grossen Gewinn.
Auf illegalen Seiten seien die Quoten besser als bei den legalen Anbietern. Und in den Lokalen würden die Gewinne sofort ausgezahlt. Für einen Spielsüchtigen sei das entscheidend, sagt Rico: «Bei legalen Anbietern wartet man bei Gewinnen lange, bis die ausbezahlt werden. Darauf hat kein Süchtiger Bock.»
Dazu kommt die Anonymität des Bargelds: Auf dem Bankkonto tauchen keine Überweisungen an einen Wettanbieter auf. «Wenn ich 30’000 Franken gewinne, habe ich das Cash auf der Hand», sagt Rico. «Das läuft alles top organisiert ab», erzählt er. Doch so schnell das Geld da ist, so schnell ist es meist wieder weg.
Beim Sport geht es für Rico schon lange nicht mehr um treue Fanliebe – es geht um den nächsten Kick beim Platzieren einer Wette. «Total 840’000 Franken habe ich verspielt», erklärt er.
30’000 Franken werden direkt bar ausgezahlt.
«An einer Familienfeier hat mich plötzlich die Sucht gepackt. Ich ging auf die Toilette, setzte verschiedene Wetten und verspielte in wenigen Minuten rund 12’000 Franken.» Er habe es niemandem sagen können. Für ihn habe es einfach geheissen: Lächeln und zurück zur Familie: «So etwas macht einen innerlich kaputt.»
Internationales System
Doch wie funktioniert das System mit den Bareinzahlungen? Gespräche mit Spielern, Suchtexperten und Behörden zeigen, dass es im Grossen und Ganzen häufig so abläuft: In den Lokalen wird Bargeld entgegengenommen und den digitalen Wettkonten gutgeschrieben. Von Zeit zu Zeit kommen sogenannte Läufer vorbei. Sie holen Geld ab oder bringen Bargeld für grössere Auszahlungen.
So fliesst das Geld zwischen Spielern, Lokalen, Vermittlern und ausländischen Wettanbietern hin und her. Laut Gespa gibt es in der Schweiz mindestens ein Dutzend illegale Plattformen, auf die man in Bars oder Kiosken Geld aufladen kann. Wer wie viel daran verdient, lässt sich kaum nachvollziehen.
Wie das Geld verteilt werden kann, zeigt ein Strafverfahren aus den Niederlanden. Dort untersuchten die Behörden einen bestimmen Anbieter von illegalen Sportwetten. Laut den Ermittlungen blieben rund 40 Prozent des Gewinns bei den Lokalen, die das Bargeld entgegennahmen. Weitere 45 Prozent gingen an die Mittelsmänner und ihre Firmen. Die restlichen 15 Prozent flossen an die Betreiber der Wettplattform im Ausland.
Ob das Geld in der Schweiz ähnlich verteilt wird, ist unklar. Das Beispiel zeigt aber: Nicht nur die Betreiber der Wettplattformen verdienen mit. Auch die Lokale und die Vermittler profitieren.
Am Ende steht ein lukratives Geschäft. Ohne Schweizer Bewilligung, ausserhalb der hiesigen Aufsicht und vorbei an den gesetzlichen Vorgaben zum Spielerschutz.
Ein Blick zum Chef, ein Nicken
Zurück zum Selbstversuch, zurück zu den eingesetzten 100 Franken. Die Wettmöglichkeiten sind enorm, bisweilen beinahe schon bizarr. Fussball, Bundesliga. Aber auch Badmintonturniere in China oder Schachpartien stehen zur Auswahl. Ein paar Klicks genügen. Der Reporter setzt Geld und verliert. Das Guthaben schrumpft. Wie bei so vielen Spielern. Die Plattformbetreiber schreiben auf Anfrage von SRF Investigativ, man operiere nur in Ländern, in denen man über eine Lizenz verfüge.
Wer steckt hinter den Wettplattformen? Viele dieser Anbieter sind auf Curaçao oder Malta registriert, wo sie teilweise auch über eine Glücksspiellizenz verfügen. In der Schweiz dürfen sie ihre Sportwetten trotzdem nicht anbieten. Auch bei jener Plattform, auf der SRF Investigativ in Luzern gewettet hat, führen die Spuren ins Ausland. Die Betreibergesellschaft ist auf der Karibikinsel Curaçao registriert. Recherchen führen zudem nach Kroatien, wo weitere Personen und Firmen mit der Plattform in Verbindung stehen. Wer jedoch genau welche Rolle spielt und wo das Geld aus den Schweizer Bars letztlich landet, bleibt unklar.
Wer spielsüchtig ist, versucht nach einem solchen Verlust häufig, das verlorene Geld zurückzugewinnen. Dieser Versuchung wird hier nicht nachgegeben. Der Selbstversuch wird gestoppt. Das Ziel: Das restliche Guthaben soll von der Wettplattform zurück ins eigene Portemonnaie.
Eine Woche später. Dasselbe Lokal in der Luzerner Agglomeration. Bei diesem verdeckten Einsatz ist das Lokal nicht leer. Direkt neben dem Tresen sitzen mehrere Männer, darunter auch der Barbetreiber. Als der Reporter eintritt, verstummt die Bar.
Die Frau hinter der Theke schaut zum Chef. Er nickt. Das Geld wird ausgezahlt. Bar auf die Hand. Gleichzeitig verschwindet der entsprechende Betrag vom Online-Wettkonto.
Damit ist der ganze Ablauf dokumentiert: Konto eröffnen, Bargeld einzahlen, wetten und das verbliebene Guthaben wieder auszahlen lassen. Alles in einem Schweizer Lokal. Die Wettplattformbetreiber schreiben, man wisse nichts von diesen Vorgängen.
Wortkarger Barbetreiber
Ein dritter Besuch in der Bar nahe Luzern. Diesmal nicht als vermeintliche Wettkunden, sondern als Journalisten von SRF. Mit einer Frage im Gepäck: Weshalb werden in diesem Lokal illegale Sportwetten angeboten?
Der Betreiber lässt sich wenig anmerken. Er fordert die Journalisten ruhig, aber bestimmt auf, das Lokal zu verlassen. Eine Antwort auf die Fragen gibt er auch auf wiederholte Nachfrage nicht.
Illegale Sportwetten mit Bargeld sind in Schweizer Lokalen offenbar weit verbreitet. Wie kann das sein? Und warum unternehmen die Behörden nicht mehr dagegen?
Manuel Richard von der Gespa erklärt, sie selbst unternähmen viel, um gegen illegale Sportwetten vorzugehen. Das Kernproblem seien die knappen Ressourcen bei der Polizei. Diese habe zu wenig Personal und sei mit chronisch hohen Fallzahlen konfrontiert. Es sei deshalb wichtig, dass die Politik die Herausforderungen erkenne und entsprechende Massnahmen ergreife. Die Luzerner Polizei will sich auf Anfrage zum betreffenden Lokal nicht äussern.
Derweil läuft das Wettgeschäft munter weiter. Nicht aber für Rico. Er hat mittlerweile den Ausstieg geschafft und hofft, dass dies so bleibt: «Ich wünsche mir einfach eine spielfreie Zukunft.»
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