ETH-Student: «Habe die ganze Schweiz in ‹Minecraft› nachgebaut»

Wer seine eigene Gemeinde im PC-Spiel «Minecraft» sehen will, muss sie nicht erst aus Tausenden virtuellen Klötzchen nachbauen. Das Gelände, die Häuser und sogar die Wälder stehen in «Manifold Blocks» schon da. Du kannst direkt hineinlaufen – und die Schweiz so auf eine einzigartige Weise erkunden.
Hinter dem Projekt steckt ein 22-jähriger ETH-Student, der unter dem Namen Manifold auftritt. Er studiert im siebten Semester an der ETH Zürich. Seine Kenntnisse in Geodaten und 3D-Modellierung hat er sich unabhängig vom Studium erarbeitet.
Was reizt dich an einer begehbaren Schweiz aus Klötzchen am meisten?
Ein Meter Schweiz wird zu einem Block
Normalerweise entsteht eine Minecraft-Landschaft zufällig. «Bei mir kommt sie stattdessen aus den Daten von Swisstopo, dem Bundesamt für Landestopografie», sagt er gegenüber 20 Minuten. Vereinfacht gesagt ist für jeden Quadratmeter bekannt, wie hoch das Gelände liegt, woraus der Boden besteht und ob dort ein Gebäude oder Baum steht. Ein von Manifold entwickeltes Programm übersetzt diese Informationen in Minecraft-Würfel. Ein Block entspricht dabei genau einem Meter.
Was ist «Minecraft»?
«Minecraft» ist eines der meistverkauften Computerspiele der Welt. Die gesamte Spielwelt besteht aus Würfeln, sogenannten Blöcken. Diese lassen sich abbauen und an einem anderen Ort wieder platzieren – deshalb wird Minecraft oft als «digitales Lego» bezeichnet.
Normalerweise bauen Spielerinnen und Spieler ihre Werke Block für Block selbst oder erkunden eine zufällig erzeugte Landschaft. Bei «Manifold Blocks» ist das anders: Ein Programm verwandelt Schweizer Geodaten direkt in die virtuelle Welt.
Von Hand wäre das kaum zu bewältigen. «Im normalen Minecraft müsste man dafür alles selbst bauen, Würfel für Würfel», sagt Manifold. Seine Software übernimmt diesen Schritt und setzt Gelände, Gebäude und Wälder anhand der Daten an ihren Platz.
Aus 3D-Druck wurde «Minecraft»
Die Idee entstand eigentlich gar nicht fürs Gamen. Manifolds Hauptprojekt heisst schlicht «Manifold» und verwandelt dieselben Swisstopo-Daten in Landschaftsmodelle für den 3D-Drucker. «Angefangen hat es mit dem Wunsch, Schweizer Berge und Täler als physische Modelle in der Hand zu halten», erzählt er gegenüber 20 Minuten.
Dazu kam seine Faszination für grosse Datensätze. Als die technische Pipeline für die 3D-Modelle einmal stand, lag für ihn der nächste Schritt nahe: dieselben Informationen in eine Minecraft-Welt zu verwandeln. Früher spielte Manifold das Game selbst. Heute dient es ihm vor allem als Bühne für seine Projekte. «Fast jeder kennt es, und man kann sich frei darin bewegen.»
Die ganze Schweiz verfügbar
Inzwischen ist laut Manifold die gesamte Schweiz im Early Access verfügbar und kann über seine Projektwebsite heruntergeladen werden. Das ganze Jungfrau-Aletsch-Unesco-Gebiet stellt er gratis zur Verfügung, die komplette Schweiz gibt es ab 15 Franken. «Ab 48 Franken kann man sich auf Wunsch in das ‹Gipfelbuch› auf der Website eintragen lassen», sagt Manifold weiter. Laufend kommen Updates mit genauerem Gelände und einer schöneren Darstellung dazu.
Die ganze Welt will er vorerst nicht auf dieselbe Art nachbauen. «Meines Wissens gibt es nirgends so detaillierte offene Daten für die ganze Welt wie in der Schweiz», sagt er. Einzelne Länder oder Regionen schliesst er aber nicht aus. Für sein Projekt sei der Zugang zu den Schweizer Daten entscheidend. «Möglich ist das Projekt nur, weil die Schweiz ihre Geodaten frei zur Verfügung stellt», sagt Manifold. Dass dies international keine Selbstverständlichkeit sei, verdiene Anerkennung.
Warum «Manifold»?
«In der Geometrie und im 3D-Druck ist ein ‹manifold› (mannigfaltiges) Objekt ein Körper, der in der realen Welt existieren könnte. Nicht-mannigfaltige Modelle haben Fehler, zum Beispiel unendlich dünne Flächen. Die Druckersoftware kann dann nicht berechnen, was innen und was aussen ist, und der Druck misslingt. Meine Modelle sind ‹manifold› und deshalb problemlos druckbar», erklärt der 22-Jährige.
Mehr als nur zum Staunen
Und wozu braucht es eine begehbare Schweiz aus Klötzchen? «Staunen ist ein grosser Teil davon», sagt Manifold. Er sieht aber auch Potenzial für den Geografieunterricht. Weil ein Block einem Meter entspricht, könnten Schülerinnen und Schüler Höhen und Distanzen direkt erleben, statt sie nur auf einer Karte abzulesen. Auch die Tiefe eines Tals werde so greifbarer. Nebenbei lasse sich der Umgang mit Koordinaten üben.
Ganz abgeschlossen ist das Projekt damit nicht. Die aufwendigste Arbeit, die Verarbeitung der Geodaten, ist laut Manifold zwar erledigt. Jetzt geht es um feinere Details, eine schönere Darstellung – und darum, dass möglichst viele Menschen ihre eigene Ecke der Schweiz in Minecraft wiederfinden.
In der untenstehenden Bildstrecke siehst du eine Auswahl von Gebieten aus der Vogelperspektive – in echt und in der Blocks-by-Manifold-Version.
Spielst du Minecraft und hast bereits eigene, spektakuläre Bauten gemacht? Erzähle uns davon!
Meret Steiger (mst), arbeitet seit 2016 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Living und Auto & Mobilität und berichtet über Wohnen, Einrichten und Architektur.
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