Die AfD und ihr Spitzenpersonal: Zwischen Volksnähe und Krawall
Analyse
Stand: 18.09.2026 • 16:27 Uhr
Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und jetzt in Mecklenburg-Vorpommern sind bei der AfD geprägt von einem anderen Typ Politiker als zuvor. Welche Strategie steckt dahinter?
Leif-Erik Holm hat vier kleine Kinder - und zeigt sie in einem Wahlkampfvideo gerne vor. Der Spitzenkandidat beim Kochen, Familien-Essen, Spazierengehen mit Frau, Kindern und Hund. Die Botschaft, die man in dieses Video interpretieren kann: Dieser Mann mag in einer Partei mit teilweise extremen Positionen sein - ist aber vor allem einer aus Mecklenburg-Vorpommern: "Hier bin ich groß geworden auf einem wunderbaren Dorf. (…) Keiner musste auf uns aufpassen, weil das Leben einfach sicher war und man hatte die Freiheit, die man braucht, um groß zu werden", sagt Holm an einer Stelle der knapp vierminütigen Hochglanz-Homestory.
Holm, 1970 in der DDR geboren, setzt dabei auf ein Gefühl, auf das schon Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt zielte: Wann wird es endlich wieder so, wie es zumindest in der Erinnerung früher war? Und - wer könnte schon Angst haben vor solchen Männern?
"Letztendlich ist es ja so: Wenn wir einmal regieren werden, dann wird (…) diese Angst auch fallen", sagt Holm in einem anderen Video, im Gespräch mit AfD-Chef Tino Chrupalla. Und weiter: "Davor haben sie ja Angst." Chrupalla unterstützt die Erzählung, die wie folgt geht: Nur die anderen Parteien sollen sich vor der AfD fürchten, sonst niemand.
Ein neues Rollenvorbild in der Partei?
Das steht in starkem Kontrast zum Auftreten vieler anderer AfD-Politiker. An der Spitze Alice Weidel, Chefin von Partei, Fraktion und der "Abteilung Attacke", wie sie vor Kurzem wieder in der Generaldebatte im Bundestag bewies.
13 Jahre gibt es die AfD inzwischen. Was lange die meisten Spitzenpolitiker einte, war die Begabung für und die Lust am politischen Krawall. Laut, extrem, was für manche anziehend und viele andere auch abstoßend war. Kandidaten wie der frühere Radiomoderator Holm oder das Vertriebstalent Siegmund wirken anders: Sie treten meist lächelnd auf, selten polternd, und lassen sich vom teilweise extremen Programm ihrer Partei nicht stören. Wird das zum neuen Rollenvorbild in der Partei?
Eher nein. Denn einerseits sind Kandidaten wie Holm durch ihre geschmeidige Art zwar sehr gut vorzeig-, aber auch ein wenig austauschbar, werden in der eigenen Partei manchmal eher belächelt als bewundert. Und andererseits sieht man bei Holm, dass das nicht automatisch zum Erfolg führt. Obwohl er es mit ähnlichen Rezepten wie Siegmund versucht hat, kann er aus AfD-Sicht nicht den Sog erzeugen, der noch den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt prägte.
Sie prägen zwei unterschiedliche Stile in der AfD: Alice Weidel und Ulrich Siegmund.
Bestes Beispiel: Eine Ausfahrt mit dem Kult-Moped Simson in Schwerin am vergangenen Wochenende fand im Dauerregen nur wenige Mitfahrer. Siegmund hatte bei solchen Terminen Bilder produziert, die weit über das kleine Sachsen-Anhalt hinaus Aufmerksamkeit erzeugten.
Die AfD fährt bislang aus ihrer Sicht gut mit einer beidhändigen Strategie. In Sachsen-Anhalt prägen Hardliner wie Hans-Thomas Tillschneider das radikale Programm, Politiker wie Landeschef und Bundesvorstand Martin Reichardt flankieren den deutlich windschnittigeren Siegmund. Reichardts Rede über "Vater Staat" und "Mutter Sprache" kurz vor der Wahl ist ein Beleg dafür. Kostprobe: "Muttersprache ist heute ein aufgedunsenes, intersektional-feministisches Flittchen (…), weil Vater Staat sie dreimal täglich durch gendert."
AfD in Mecklenburg-Vorpommern
Anders als in Sachsen-Anhalt, wo zuletzt gewählt wurde und wo die AfD vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, gibt es in Mecklenburg-Vorpommern keine öffentlichen Prüfergebnisse des Verfassungsschutzes zur Einstufung der AfD. Die Behörde darf öffentlich nicht über Verdachtsfälle berichten. Daher ist unklar, ob der Landesverband der AfD vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt wird.
AfD-Wähler sind "keine homogene Gruppe"
Hinzu kommt: Die Wähler der AfD haben unterschiedliche Motive, die AfD zu wählen, "sind keine homogene Gruppe". Das sagt Céline Teney, Professorin für Politische Soziologie an der Freien Universität Berlin. Sie hat nach der Bundestagswahl 2025 die Einstellungen von AfD-Wählern typologisiert. Ergebnis: Etwa 20 Prozent zählen in ihrem Schema zu "radikal-rechten Autoritären", der überwiegende Teil hingegen wird als mehr oder weniger hart konservativ eingeordnet. "Nur ein kleiner Kern der AfD-Wähler ist auch sehr stark extremistisch", betont die Forscherin.
Man kann daraus lesen: Das radikale, gerade beim Thema Migration extremistische muss die Partei weiter vertreten - die etwas weichere "Wann-wird-es-so-wie-ich-mich-an-früher-erinnere"-Linie von Siegmund und Holm vervollständigt aber das Profil einer AfD, die bislang auf eigene und damit große Mehrheiten angewiesen ist, wenn sie regieren will.
Fokus auf Nichtwähler
Eine andere Entwicklung ist ebenfalls wichtig: Dort, wo die AfD so hohe Ergebnisse erzielt wie gerade in Sachsen-Anhalt, kommen die meisten Wähler nicht von anderen Parteien - sondern aus dem Lager der Nichtwähler.
"Das heißt, dass die AfD es schafft, auch Leute, die auch nicht unbedingt sehr starke Einstellungen haben, zu mobilisieren", analysiert Politsoziologin Teney. "Denn diejenigen, die normalerweise nicht wählen, sind eher diejenigen, für die Politik irgendwie egal ist."
So erklärt sich eine Parteistrategie, die auf den ersten Blick etwas widersprüchlich scheint - "keiner muss Angst vor uns haben" und Homestories auf der einen Seite - und schneidige, oft aggressive Auftritte, wie sie etwa der Thüringer Landeschef Björn Höcke oder Alice Weidel pflegen. Selbst die oft abweisend wirkende Parteichefin inszeniert sich inzwischen manchmal volksnah.
Zwei Wahlkampfvideos aus jüngster Zeit zeigen das: In einem besteigt Weidel in einem niedersächsischen Betrieb einen Bagger. In einem anderen geht sie bei einem Termin im Berliner Wahlkampf sogar auf einige Anti-AfD-Demonstranten zu, begrüßt sie freundlich.
Das kippt allerdings schnell, als die Weidel fragen, warum sie "Hass und Hetze" gegen Ausländer betreibe, die die AfD "remigrieren" wolle. Weidel wechselt die Tonlage, wird laut, fragt rhetorisch: "Die Umsetzung von Recht und Gesetz - was haben sie denn dagegen?" - und zeigt damit sehr deutlich, dass die AfD weiter auf ein Rezept setzt: Auf die Mischung aus betonter Volksnähe und polterndem Politkrawall.
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