The Daily Newsstand · Free, Always
Wednesday, October 21, 2026

Integrationsprojekt in Stuttgart: Schluss mit Chaos im Kopf

Translate

Wie gelingt geflüchteten Kindern der Einstieg in die Schule? In Stuttgart testet ein Modellprojekt neue Methoden. Ein Besuch in der Lernwerkstatt.

E in schlichtes Bürogebäude in einem Industriegebiet in Stuttgart. In bodenlangen Röcken, mit glitzerndem Haarschmuck in den langen Zöpfen, huschen Rom*nja-Mädchen in einen Aufenthaltsraum. Die Mütter stellen Kuchen und Knabbereien fürs Buffet ab, andere bringen Blumen. Viele Eltern sprechen kein Wort Deutsch. So müssen an diesem Vormittag Ende Juli manchmal Gesten und ein Lächeln zur Kommunikation reichen.

Im Stuttgarter Stadtteil Weilimdorf möchte das Modellprojekt Kindern und Jugendlichen, die in ihrem bisherigen Leben kaum zur Schule gegangen sind, die Chance auf einen späteren Schulabschluss ermöglichen. In den Ferien ist ein Schulfest in der Lernwerkstatt. Ein Junge namens Ibrahim strahlt. Der 12-Jährige aus Syrien erzählt, dass er nach diesen Sommerferien in die fünfte Klasse der angeschlossenen Gemeinschaftsschule gehen wird. Auch die 12-jährige Sedrina und die 13-jährige Sabrina sind nach zwei Jahren Lernwerkstatt bereit für die reguläre Vorbereitungsklasse. Obwohl ihr Deutsch noch etwas holpert, sehen ihre Lehrerinnen gute Chancen.

Das Modellprojekt im Nordwesten der Stadt besuchen Kinder mit Fluchtgeschichte im Alter von 11 bis 14 Jahren. Sie kommen hauptsächlich aus der Ukraine, wo sie der Volksgruppe der Rom*­nja angehören, aber auch aus Syrien, Afghanistan und Iran. Kaum eines dieser Kinder hat jemals eine Schule besucht. Um die reguläre Sekundarstufe I besuchen zu können, müssen sie nicht nur Lesen und Schreiben lernen, sondern auch, wie Schule funktioniert: Wie verhält man sich im Klassengefüge? Wie strukturiert man sich selbst? Und wie ist das mit der Konzentration?

In den üblichen Vorbereitungsklassen (VKL) für zugewanderte Kinder ohne Deutschkenntnisse an den Regelschulen, die eigentlich für diese Kinder zuständig sind, würden sie schlichtweg nicht mitkommen. In vielen dieser Fälle tauchen die Kinder irgendwann nicht mehr in der Schule auf. Die Lernwerkstatt, die Fördermittel vom Land, von der Kommune und aus der Privatwirtschaft bekommt, will nicht nur, dass diese Kinder in Zukunft einen Abschluss machen können. Man will hier erreichen, dass sie tatsächlich gerne zur Schule gehen.

Schulstart nach den Ferien

Nach den Sommerferien geht der Unterricht weiter: Es ist Freitag, kurz vor halb neun, Schultag Nummer fünf nach den Ferien in der Lernwerkstatt. Gleich beginnt der Unterricht, doch viele Kinder fehlen noch. Wer kommt, weiß man nie ganz genau. Einige der anwesenden Kinder essen noch ihr Müsli, an einem Tisch im Gemeinschaftsraum spielt eine kleine Gruppe konzentriert Uno. Gegen 8.30 Uhr trudeln schließlich noch gut zehn Mädchen und Jungen ein. Es kann also losgehen.

Die Kinder folgen ihren Lehrerinnen in ihre jeweiligen Klassenzimmer. Gruppe Gelb bildet zunächst einen Stuhlkreis. Müde Gesichter schauen Feyza Sentürk an. Die engagierte Deutschlehrerin begrüßt die Runde und wirft einem Mädchen einen kleinen Stoffball zu. „Wie geht es dir heute?“, fragt sie das Kind. „Mir geht es gut“, antwortet sie etwas stockend. Das geht reihum so, stets mit der gleichen Antwort. „Wir machen eine zweite Runde, aber dieses Mal nicht einfach nur ‚gut‘ sagen“, bittet Sentürk. Mit etwas Nachdenken und ein wenig Unterstützung der Lehrerin geht es einigen dann doch „bombastisch“, „fantastisch“ und „super-duper“. Und so steigt spielerisch die Laune, während die Müdigkeit langsam weicht.

In der Lernwerkstatt sind alle nach ihrem Lernstand in die Gruppen Grün, Gelb, Rot und Blau eingeteilt. Wer in Grün startet, ist nicht alphabetisiert, Blau sind die Fortgeschrittensten. In der ersten Woche nach den Ferien geht es Feyza Sentürk erst mal darum, zu schauen, was die Kinder noch wissen. Den Sommer haben sie in ihren Familien verbracht und vermutlich kein Deutsch gesprochen. Nachdem im Stuhlkreis noch ein paar Frage-und-Antwort-Runden durchgespielt wurden, bittet Sentürk die Kinder, sich an die Tische zu setzen.

Das klappt nicht ohne Murren, denn die neue Sitzordnung gefällt nicht allen. Sentürk muss mehrmals zur Ruhe mahnen. Als alle sitzen, hält sie Bilder hoch, fragt Vokabeln dazu ab. Immer wieder rufen Einzelne die Antwort einfach rein, anstatt sich zu melden. Die Lehrerin erinnert sie geduldig daran, dass sie warten sollen, bis sie aufgerufen werden. Es funktioniert mal mehr, mal weniger gut. Anschließend schreiben alle Überschriften ab. Omar tut dies versehentlich von rechts nach links, wie im Arabischen. „Wir schreiben im Deutschen von links nach rechts“, erklärt die Lehrerin dem Jungen. Andere Kinder haben Schwierigkeiten, mit den Buchstaben in den Zeilen zu bleiben.

Das hier ist etwas ganz anderes. Ich bin stolz, wenn ein Kind in die Gruppe Rot aufsteigt oder an eine Regelschule kommt. Das sind Erfolgserlebnisse

Deutschlehrerin Feyza Sentürk

Die meisten besuchen die Lernwerkstatt bereits seit einem Jahr, andere sind neu dazugekommen. In Baden-Württemberg werden schulpflichtige geflüchtete Kinder zwischen 11 und 14 Jahren an die Koordinierungsstelle Migration im Schulamt Stuttgart gemeldet. Wenn im Gespräch herauskommt, dass ein Kind kaum Deutsch kann oder bisher gar nicht in der Schule war, kommen sie eigentlich in die Vorbereitungsklassen der Sekundarschulen – oder nun alternativ in die Lernwerkstatt.

Sentürk, die lange Deutsch und Englisch an einer Regelschule unterrichtete, erzählt begeistert: „Das hier ist etwas ganz anderes. Ich bin stolz, wenn ein Kind in die Gruppe Rot aufsteigt oder an eine Regelschule kommt. Das sind Erfolgserlebnisse.“ Das habe sie an der Regelschule so nie empfunden.

Von der Idee zur konkreten Umsetzung

„Wir hatten immer wieder Rückmeldungen von Lehrkräften, dass manche Kinder Schwierigkeiten in den Vorbereitungsklassen haben“, sagt die Projektleiterin Yvonne Schütz. „So ist die Idee für einen geschützten Raum für diese Kinder entstanden.“ Yvonne Schütz ist bei der Stuttgarter Stadtverwaltung in der Abteilung für Bildungspartnerschaften, also für Kooperation zwischen Schulen und externen Projektpartnern zuständig und entsprechend bestens vernetzt.

Im Herbst 2023 habe man über die Vector Stiftung, die zum Softwareentwickler Vector Informatik gehört, leer stehende Büroräume in Weilimdorf angeboten bekommen. Ganz in der Nähe gibt es in dem gewerblich geprägten Bezirk Unterkünfte für Geflüchtete. Von da an ging alles schnell. „Im März 2024 war klar, dass wir im Oktober starten können“, erinnert sich Schütz.

Innerhalb der kurzen Zeit erarbeitete man nicht nur ein Konzept, sondern organisierte auch die nötigen Gelder und Kooperationspartnerschaften. Formell ist die Lernwerkstatt an die Gemeinschaftsschule Weilimdorf angeschlossen. Das Unternehmen stellt dem Schulprojekt das Gebäude für die fünf Projektjahre kostenlos zur Verfügung und ließ es von einer Innenarchitektin in eine Schule umbauen.

Wir sind ganz bewusst als Modellprojekt gestartet, weil wir keine dauerhafte Parallelstruktur aufbauen wollen

Projektleiterin Yvonne Schütz

Während das Land die fünf Lehrkräfte finanziert, stellt die Evangelische Gesellschaft Stuttgart die fünf Sozialarbeiter*innen. Hinzu kommen ein Hauswirtschafter sowie Partner für Kunst- und Sportprojekte. 2029 soll die Lernwerkstatt planmäßig auslaufen. Das übergeordnete Ziel sei, die gewonnenen Erfahrungen anschließend in Schulen und Jugendhilfe zu verankern, betont die Projektleiterin. „Wir sind ganz bewusst als Modellprojekt gestartet, weil wir keine dauerhafte Parallelstruktur aufbauen wollen.“ Das sei langfristig betrachtet einfach zu teuer.

Mit 11 Kindern in der Lernwerkstatt ging es vor zwei Jahren los. Zum Ende des letzten Schuljahrs waren es 51, zwischenzeitlich auch mal 58 Kinder und Jugendliche. Diesen September startete man mit 44 Schüler*innen. Eine Warteliste gibt es hier jedoch nicht, auch weil es das ganze Jahr über eine starke Fluktuation bei dem Projekt gibt. „Das liegt vor allem daran, dass es hauptsächlich von Kindern aus nahe gelegenen Geflüchtetenunterkünften besucht wird, manche Familien dort nur temporär leben und es auch vorkommt, dass Kinder nach sechs Wochen nicht mehr erscheinen“, sagt Schütz. Mitunter wisse man schlicht nicht, wohin manche Familien weitergezogen sind.

Matheunterricht mit Herausforderungen

Nach zwei Stunden Deutsch steht eine Stunde Mathe auf dem Plan. Für diese Lerneinheit werden die Kinder in neue Gruppen durchmischt, je nach Lernstand. Die Gruppe Stern von Cornelia Blankenhorn ist die Fortgeschrittenste. Die Mathelehrerin ist zugleich die pädagogische Leiterin der Lernwerkstatt. „Mal schauen, wie viel nach den Ferien noch übrig ist“, sagt sie zu den drei Mädchen und sechs Jungen.

Sie verteilt mehrere Stapel Aufgabenblätter im Raum. Denn Blankenhorn will, dass die Kinder sich auch ein wenig bewegen, ihnen nicht einfach alles auf den Tisch gelegt wird. „Ihr habt jetzt 30 Minuten Zeit, fünf Aufgabenblätter zu lösen. Danach heftet ihr sie in euren blauen Schnellhefter“, ordnet sie in einem klaren und sehr bestimmten Ton an.

Fortgeschritten bedeutet hier, Aufgaben im Bereich bis zu den Zahlen 50 zu lösen. Bis auf einen Jungen, sind alle zum ersten Mal in einer Schule. Nach 15 Minuten fragt einer der Jungs, ob er nach Hause gehen dürfe. „Warum?“, fragt die Lehrerin. Keine Antwort, nur ein Grinsen. Der Schüler hängt lustlos an seinem Tisch.

Victor vorne links dagegen sitzt konzentriert über seinen Aufgaben. Mathe liegt ihm, weiß Blankenhorn, denn er ist schon beim Einmaleins. Ein Mädchen steht auf, um sich das nächste Aufgabenblatt zu holen. „Bist du fertig mit dem anderen und hast es abgeheftet?“, fragt die gewissenhafte Lehrerin. Nein, hat sie nicht und so geht die Schülerin zurück an ihren Tisch, um das Blatt ordentlich in ihren Ordner abzulegen. Die Szene wiederholt sich mit anderen Kindern. „Sie brauchen Struktur. Haben sie Chaos auf dem Tisch, haben sie Chaos im Kopf“, befindet die Pädagogin.

Abbau von Diskriminierungserfahrungen

Blankenhorn kennt das von ihren früheren Jobs. Nach dem Referendariat bot man der Grund- und Hauptschullehrerin eine neunte Klasse an. „Das traute ich mir zum Einstieg aber nicht zu“, erzählt sie. Also startete sie mit einer VKL, unterrichtete an einer Grundschule und schließlich auch an einer sogenannten Alpha-Klasse für Kinder, die weder schreiben noch lesen können. „Der Unterschied sind Welten. Die Geschwindigkeit, Disziplin, die Länge der Konzentration oder wie man in ein Heft schreibt. Das alles zu lernen, braucht sehr viel Zeit“, erklärt sie.

Zeitintensiv war besonders am Anfang auch die Überzeugungs- und die Beziehungsarbeit zu den Eltern und Kindern. Vor allem bei Rom*nja-Eltern sei ein grundsätzliches Vertrauen in Institutionen wie Schule nicht vorhanden gewesen. Viele haben Diskriminierung erlebt, ob durch Behörden oder in der Gesellschaft, und haben deshalb mitunter Angst, das Jugendamt könnte ihnen die Kinder wegnehmen, berichtet die Leiterin der Lernwerkstatt.

Häufig seien die Eltern selbst nicht in einer Schule gewesen, nicht alphabetisiert, und man müsse ihnen die Vorteile des Schulbesuchs näher bringen. Mit Gesprächen, Dol­met­sche­r*in­nen und Geduld sei es schließlich gelungen. „Das Vertrauen ist gewachsen“, erinnert sich die leitende Lehrerin. „Die meisten Kinder sind immer da. Das war anfangs noch nicht so. Jetzt kommen sie gern zur Schule und sehen den positiven Mehrwert, dass sie beispielsweise lesen können.“

Um alle Defizite aufzufangen, geht man beim Konzept über die Vorgaben für Vorbereitungsklassen des Kultusministeriums hinaus. Diese sehen zwölf Stunden Deutsch, vier Stunden Demokratiebildung und neun Stunden zur freien Wahl vor. Das wird hier auch so umgesetzt. Zum Wahlbereich gehören beispielsweise Kunst und Sport, aber auch Mathematik. Letzteres ist vom Kultusministerium als Integrationskurs nicht vorgegeben.

In Mathe sollen die Kinder eigentlich direkt in die Regelklassen integriert werden. Aber, sagt die pädagogische Leiterin: „Die brauchen bei uns Mathe, um überhaupt eine Chance für die Regelschule zu haben.“ Denn natürlich sei der Übergang in das reguläre Schulsystem ein zentrales Ziel des Projekts.

Damit das gelingt und alles auch nachhaltig verfängt, setzt man auf einen Ganztagsbetrieb bis 16 Uhr. Auf den zwei Stockwerken gibt es neben den vier Klassenzimmern einen Computerraum, eine Bibliothek, einen Bewegungsraum sowie eine Küche und einen großen Aufenthaltsbereich im Erdgeschoss. Mathe und Vokabeln lernt man eben auch, wenn man morgens gemeinsam ein Frühstück zubereitet und beim Sport mit einem großen Würfel auswürfelt, wer zehn Kniebeugen machen soll. Dafür gibt es eine Kooperation mit dem Projekt Gemeinschaftserlebnis Sport. An zwei Nachmittagen wird laut Blankenhorn „richtig Sport“ gemacht. Das fördere den Lernerfolg und die Konzentration.

Gibt es Streit oder ist ein Kind besonders müde, weil es in der Unterkunft vielleicht nicht schlafen konnte, geht eine Sozialarbeiterin mit ihm in einen sogenannten Differenzierungsraum. In solchen Räumen kann man runterkommen, ausruhen oder auch ungestört eine Aufgabe bearbeiten.

Bewegung für den klaren Kopf

An diesem Freitagmorgen ist dafür kein Bedarf. Nach der Mathestunde tobt sich eine Gruppe im Bewegungsraum aus. Mit einem Seil haben die Kinder eine Linie gezogen. Mit einem weichen Ball werfen sie sich nun ab. Wie so oft sind es Mädchen gegen Jungs. Sie stürzen sich auf den Ball, lachen und als ein Junge die Sache ein wenig zu ernst nimmt, ruft ihn die Sozialarbeiterin zur Seite. Fair bleiben und nicht zu stark werfen, ist die Devise.

Freitags ist mit dem normalen Unterricht schon mittags Schluss. Denn ab 14 Uhr findet die Lernheimat statt, eine Art Nachmittagstreff für die Ehemaligen. Dieser wird von zwei Sozialarbeiterinnen betreut. Schüler*innen, die den Sprung auf eine Regelschule gemeistert haben, soll das offene Angebot einen sanften Übergang ermöglichen.

Von den 51 Schüler*innen, die in diesem Jahr in die Sommerferien verabschiedet wurden, haben 8 den Sprung in die Vorbereitungsklassen an der Gemeinschaftsschule geschafft. Ein paar der älteren Jungs besuchen seit einer Woche ein Vorqualifizierungsjahr an einer beruflichen Schule, wo der Schwerpunkt im Erwerb von Deutschkenntnissen liegt. Der 12-jährige Ibrahim, der es als einziger in die reguläre fünfte Klasse der Gesamtschule geschafft hat, ist heute nicht da.

Gemeinsam mit den zwei Sozialarbeiterinnen wird zunächst das Mittagessen vorbereitet: Heute gibt es Hotdogs. Das kommt an bei den Jugendlichen. Nach dem Essen sitzt Mascha Kavunska von der Mobilen Jugendarbeit noch mit Sedrina und Sabrina zusammen. Die zwei Rom*nja-Mädchen waren eigentlich stolz, endlich die VKL an der Gemeinschaftsschule besuchen zu können, aber jetzt würden sie lieber wieder in die Lernwerkstatt kommen.

Und das liegt nicht nur an dem vermutlich verpatzten Deutschtest, wie beide glauben. Diesen mussten sie gleich in der ersten Woche schreiben. Sabrina sagt, an der neuen Schule würden sie schief angeschaut, und sie demonstriert den herabwürdigenden Blick, den sie an ihrer Schule bereits bemerkt hat. Die Mädchen fallen mit ihren traditionellen langen Röcken auf.

Es gibt aber noch ein weiteres drängendes Problem für die beiden. Sie brauchen dringend Schulhefte. Masha Kavunska bietet an, sie jetzt noch mit ihnen gemeinsam zu besorgen. Aber Sabrina gesteht, sie habe ihre Fahrkarte bei der Tante im 50 Kilometer entfernten Göppingen liegen lassen. Die Sozialarbeiterin ärgert sich ein bisschen, denn sie fühlt sich in solchen Fällen stets verpflichtet, den Kindern die S-Bahn-Fahrt zu bezahlen.

„Das ist auf Dauer teuer“, betont sie, während die Mädchen verlegen lachen. Ob die Tante sie ihr nicht per Post schicken könnte. Doch diese könne nicht schreiben. „Kann ihr nicht jemand dabei helfen?“, fragt die Sozialarbeiterin. Und so herrscht am Tisch heute Ratlosigkeit.

Trotzdem konnte das Modellprojekt in den vergangenen zwei Jahren Möglichkeiten der Integration für 11- bis 14-Jährige ausprobieren. Je jünger die Kinder seien, desto größer wäre die Chance, einen Schulabschluss zu erlangen, resümiert die pädagogische Leiterin der Lernwerkstatt. Auch Sport und Bewegung funktioniere gut, um Kinder an Schulalltag und Lernen heranzuführen. Aber die Grundschule holt man nicht in ein, zwei Jahren nach.

Erschwerend kommt hinzu, dass das deutsche Schulsystem in Sachen Chancengleichheit als eines der ungerechtesten in der westlichen Welt gilt. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe zeigte 2026, dass vor allem der soziale Hintergrund die Leistungen und Bildungswege prägt. Und Kinder mit Migrationshintergrund haben oft aufgrund von Flucht niedrigere soziale Ausgangsbedingungen als andere Kinder.

Cornelia Blankenhorn bleibt optimistisch: „Meine Hoffnung ist, dass wir im System noch Dinge ändern können.“ Die Pädagogin will, dass diese Kinder auch zukünftig eine Chance erhalten, Möglichkeiten für sich zu sehen. Und so sollen die Erfahrungen aus der Lernwerkstatt nach Ende der Projektlaufzeit auch bei den Vorklassen der Schulen einfließen. Denn: „Je schwieriger die Ausgangsverhältnisse sind, umso mehr kann man erreichen.“

View the original on taz →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.