Sadisten-Netzwerke nehmen Schweizer Kinder ins Visier

- Das Fedpol ermittelt in 20 Fällen gegen internationale Online-Netzwerke, die gezielt Kinder und Jugendliche quälen.
- Die Täter täuschen Freundschaften vor, sammeln persönliche Daten und nötigen Mädchen zu Selbstverletzungen oder Suizid.
- Zürich und Basel-Landschaft bestätigen Verfahren mit Bezug zum Netzwerk «764»; ermittelt wird u.a. wegen Nötigung und Beihilfe zum Suizid.
In der Schweiz wird in 20 Fällen gegen internationale Online-Netzwerke ermittelt, die gezielt Kinder und Jugendliche quälen. Das bestätigt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) nach Recherchen von SRF und «Tages-Anzeiger». Es dürfte erst der Anfang sein.
Zwei Drittel der Fälle betreffen Opfer, überwiegend Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren. Ein Drittel betrifft Tatverdächtige, die etwas älter, häufig aber ebenfalls minderjährig sind. Betroffen sind alle Sprachregionen. Das Fedpol koordiniert und analysiert, die Strafverfahren führen die Kantone.
Die Behörden nennen das Phänomen «nihilistischen Gewaltextremismus»: Die Täter verfolgen keine Ideologie, Gewalt ist Mittel und Ziel zugleich. Seit 2020 haben sich internationale Netzwerke mit Namen wie «The Com», «764» oder «1414» gebildet. Die Schweizer Fälle stehen oft mit «764» in Verbindung.
Erst Freundschaft, dann Erpressung
«Die Täter gehen perfide vor, sie bewegen sich meist auf klassischen Plattformen», sagt Fedpol-Sprecherin Berina Repesa – etwa auf Instagram oder Snapchat. Zuerst gaukelten sie Freundschaften oder Liebesbeziehungen vor. In dieser Phase sammeln sie persönliche Informationen: Namen von Freundinnen, die Schule, Angaben zu den Eltern, Fotos. Manche legen regelrechte Akten über ihre Opfer an und tauschen sie untereinander aus.
Mit diesem Material setzen sie die Mädchen später unter Druck und nötigen sie zu immer schwereren Handlungen – bis hin zu Selbstverletzungen, bei denen sie sich den Nutzernamen des Täters in die Haut ritzen müssen. Solche Aufnahmen gelten in den Netzwerken als Trophäen und steigern den Status des Täters. In Fällen im Ausland wurden Opfer bis in den Suizid getrieben.
Mehrere Kantone bestätigen Verfahren
Welche Kantone betroffen sind, teilt das Fedpol nicht mit. Auf Anfrage von SRF bestätigen Basel-Landschaft und Zürich Verfahren mit Bezug zum Netzwerk «764». Die Zürcher Oberjugendanwaltschaft kennt Opfer, die zu Selbstverletzungen und zur Herstellung pornografischer Bilder genötigt und zum Suizid aufgerufen wurden. Es handle sich mehrheitlich um weibliche Minderjährige. Die Opfer werden psychologisch betreut.
Ermittelt wird wegen Nötigung, Verleumdung, Beihilfe zum Suizid, schwerer Körperverletzung, Verbreitung illegaler Pornografie und sexueller Handlungen mit Kindern.
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Konstantin Furrer (fur) arbeitet seit 2017 für 20 Minuten. Seit 2022 Newsdesk-Leiter, daneben Blattmacher und Mitglied der Redaktionsleitung.
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