Niederlage für Rechts?: Die schwedische AfD hat sich nicht entzaubert

Niederlage für Rechts? Die schwedische AfD hat sich nicht entzaubert
17.09.2026, 13:03 Uhr
Von Gregor Rittelmeyer

In Schweden sind die Stimmen ausgezählt, der Wahlkrimi jedoch längst nicht zu Ende. Trotz Verlusten könnten die rechtspopulistischen Schwedendemokraten Minister stellen. Das parlamentarische System macht’s möglich.
Haben sich die Rechtspopulisten in Schweden durch ihre Machtbeteiligung entzaubert? Seit 2010 erhielt die ehemalige Neonazi-Partei Schwedendemokraten von Wahl zu Wahl mehr Mandate. 2022 unterstützten sie die Minderheitsregierung des konservativen Moderaten-Politikers Ulf Kristersson und konnten, wenn auch indirekt, erstmals maßgeblich in der Regierung mitarbeiten.
Bei der Parlamentswahl am Sonntag haben sie 17,6 Prozent der Stimmen erhalten, knapp drei Prozentpunkte weniger als vor vier Jahren. Hat ihre radikale Politik die Schweden abgeschreckt? "Ich wäre da vorsichtig mit solchen Aussagen, dass die Schwedendemokraten abgestraft wurden", sagt der Politikwissenschaftler und Nordeuropa-Experte Sven Jochem von der Universität Konstanz im Gespräch mit ntv.de. Die Partei bleibt drittstärkste Kraft, ein Verlust von drei Prozentpunkten wertet Jochem als "Schwankung im Bereich der Zufälligkeit".
Lager und tolerierte Minderheitsregierungen
Wie die Regierung und ihr Programm aussehen wird, stehe noch in den Sternen, weil in Schweden keine absolute Mehrheit benötigt wird. "Eine Partei mit 20 Prozent der Wählerstimmen kann die Regierung stellen und Gesetze durchbringen, wenn die Mehrheit nicht aktiv gegen sie stimmt", so der Politikwissenschaftler.
Die letzte Regierung zeigte das: Kristersson erhielt mit den Moderaten 68 Sitze. Mit den Christdemokraten und den Liberalen bildete er eine Minderheitenkoalition bestehend aus insgesamt 103 von 349 Sitzen. Die Regierungsbeschlüsse konnten in der Mehrheit jedoch nicht abgelehnt werden, weil sich die 73 Schwedendemokraten in den Abstimmungen enthielten.
Minderheitsregierungen sind in der schwedischen Politik normal, entscheidend sind die Enthaltungen. Der Knopf für Enthaltungen im schwedischen Reichstag ist deshalb goldfarben. "Er birgt enormes Erpressungspotenzial", so Jochem. In Sondierungsgesprächen bringen Parteien ihre Punkte als Bedingung für Enthaltungen im Regierungsprogramm unter. "Es wird eine Art Koalitionsvertrag geschrieben, obwohl die eine Partei gar nicht in der Regierung ist“, erklärt der Politikwissenschaftler.
Die Schwedendemokraten haben ihre Punkte längst untergebracht
Die Schwedendemokraten waren damit in den letzten Jahren durchaus erfolgreich. Mit klarer Handschrift, aber ohne Verantwortung zu tragen, haben sie zahlreiche ihrer Ziele erreicht. So verschärfte die Regierung von Ulf Kristersson die Migrationspolitik massiv und brachte die Zahl der Asylsuchenden auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Dauerhafte Aufenthaltstitel werden kaum noch vergeben, Familiennachzüge sind seit 2023 deutlich erschwert.
Im September 2025 stellte die Regierung einen sogenannten Kulturkanon vor, der erstmals klar festlegte, was schwedisch sei. Aufgelistet sind etwa Pippi Langstrumpf, Ikea und die schwedische Bibel. Die Schwedische Akademie, die den Literatur-Nobelpreis vergibt, kritisierte den Kanon als zu eng gefasst. "Die Kristersson-Regierung hat eigentlich Politik der Schwedendemokraten gemacht", so der Nordeuropa-Experte Jochem.
Regierungswechsel trotz Wahlsieg unklar. Lager ist fragil.
Mit der Stimmenmehrheit könnte nun wieder eine Mitte-Links-Regierung um die Sozialdemokratin Magdalena Andersson entstehen. Nach der Auszählung der letzten Stimmen steht eine knappe Mehrheit von 176 zu 173 Sitzen fest.
Allerdings ist das Bündnis fragil: Die Zentrumspartei will nicht mit der Linkspartei zusammenarbeiten, die Linkspartei fordert wiederum für ihre Unterstützung Ministerämter. Viele rote Linien, die während des Wahlkampfs gezogen wurden, müssen jetzt getüncht werden. "Linkspartei oder Zentrumspartei müssen kräftig Kreide fressen", urteilt Jochem.
Die Zentrumspartei spielt dabei eine besondere Rolle, weil sie die Zusammenarbeit mit den Schwedendemokraten ebenfalls klar ablehnt. Jahrelang im konservativen Bündnis um Kristersson, ist die Partei 2022 ausgetreten, als die Schwedendemokraten dort aufgenommen wurden. Nun wird die Zentrumspartei aus beiden Lagern gute Angebote erhalten.
Theoretisch könnten auch Neuwahlen ausgerufen werden, sollte die Regierungsbildung scheitern. "Das ist aber etwas, was in Schweden mit immenser Vorsicht gemacht wird“, sagt Jochem. Die letzten vorzeitigen? Neuwahlen fanden 1958 statt. Laut dem Politikwissenschaftler würden sie zudem den Randparteien zu mehr Stimmen verhelfen.
Die Schwedendemokraten sind gut gelaunt
Vielleicht auch deshalb war Schwedendemokraten-Chef Jimmie Akesson am Wahlabend so gut gelaunt. "Ich finde trotzdem, dass wir in diesem Wahlkampf Gewinner gewesen sind, weil es so viele Menschen in unserem Land gibt, die es nicht mehr unangenehm finden, zu sagen, dass sie Schwedendemokraten sind", verkündete er nach den ersten Prognosen.
Akesson weiß, dass alles offen ist. Dass seine Rechtsaußenpartei im Gegensatz zur Entzauberung die Normalisierung geschafft hat und jetzt womöglich Ministerämter winken.
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