Immer mehr Suizide in Deutschland - Experten fordern Prävention
Mehr Prävention gefordert Zahl der Suizide deutlich gestiegen
Stand: 13.10.2026 • 18:37 Uhr
In Deutschland steigt die Zahl der Suizide weiter. Experten fordern mehr Prävention und niedrigschwellige Hilfe. Doch ein Entwurf des Gesundheitsministeriums für ein Gesetz lässt auf sich warten.
Die Zahl der Suizide in Deutschland ist weiter gestiegen. Vergangenes Jahr haben sich 11.334 Menschen das Leben genommen, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Das waren 9,3 Prozent oder 964 Fälle mehr als im Vorjahr - und 15,6 Prozent mehr als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.
Damit kommen in Deutschland weiterhin mehr Menschen pro Jahr durch Suizid zu Tode als durch Verkehrsunfälle, Mord, Totschlag und AIDS zusammen. An den Sterbefällen insgesamt machten Suizide vergangenes Jahr 1,1 Prozent aus, wie die Statistiker mitteilten.
Allerdings steigt die Zahl seit 2021 kontinuierlich an. Das ist den Angaben zufolge seit drei Jahren vor allem auf mehr Suizide bei Frauen zurückzuführen. Deren Anteil stieg in dem Zeitraum um 17,9 Prozent, während es bei den Männern eine geringere Zunahme (5,8 Prozent) gab. Insgesamt nahmen sich vergangenes Jahr aber mehr Männer (69,2 Prozent) das Leben als Frauen (30,8 Prozent), wie es weiter hieß.
Hilfe bei Suizid-Gedanken
Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner.
Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de
Telefonberatung für Kinder und Jugendliche: 116 111 - www.nummergegenkummer.de
Assistierter Suizid trägt zu Anstieg bei
Ein weiterer Grund für den Anstieg der Zahlen ist assistierter Suizid. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben nahm 2025 nach eigenen Angaben deutlich mehr Suizidbegleitungen vor - nämlich bei 1.287 Menschen. Im Vorjahr seien es 1.200 gewesen. Die Stiftung Depressionshilfe spricht von einem Anstieg seit 2020 um fast 32 Prozent.
Hintergrund ist eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2020. Die Karlsruher Richterinnen und Richter hatten geurteilt, dass jeder Mensch das verfassungsmäßig geschützte Recht hat, sich selbst zu töten. Die einzige Voraussetzung: Der Sterbewillige muss sich aus freiem Willen dazu entscheiden - ohne Druck von außen oder aufgrund von schweren Depressionen. Die Tätigkeit von Sterbehilfeorganisationen wurde daraufhin wieder zugelassen.
Zugleich appellierte das Verfassungsgericht an die Bundesregierung, einen Rahmen für Suizidbeihilfe zu schaffen, um Freiwilligkeit zu garantieren und Missbrauch zu verhindern. Um eine Neuregelung der Suizidbeihilfe wird seither im Bundestag gerungen.
Gesetzentwurf für bundesweite Hilfe
Im August hatte das Gesundheitsministerium einen Referentenentwurf für ein Präventionsgesetz vorgelegt. Das sieht unter anderem vor, eine Bundesfachstelle für Suizidprävention zu schaffen. Diese soll eine bundesweit einheitliche Krisendienst-Telefonnummer aufbauen. Zudem soll es Modellvorhaben zu Maßnahmen der Suizidprävention geben. Länder und Kommunen sollen besser unterstützt werden, um einen flächendeckenden Krisendienst auszubauen.
Kritik gab es aber an dem vorgesehenen Budget für die neue Bundesfachstelle: 1,4 Millionen Euro sieht der Entwurf vor. Das sei viel zu wenig, kritisierte die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Der Deutsche Caritasverband monierte, es fehlten Vorschläge für eine dauerhafte Finanzierung der Krisenhilfe. Auch gehe der Referentenentwurf nicht auf die Prävention assistierter Suizide ein und schaffe keine zusätzlichen Plätze in Hospizen und der Palliativ-Versorgung.
Hilfe über Hausarzt, Telefon oder Gruppenangebote
Noch viel höher als die Zahl der Suizide ist die der Versuche. Nach Schätzungen des Nationalen Suizidpräventionsprogramms unternehmen jährlich weit über 100.000 Menschen einen Suizidversuch. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe spricht von schätzungsweise 500 Menschen pro Tag.
Auch diese Menschen brauchen dringend Ansprechpartner. Noch ist die erste Anlaufstelle der Hausarzt oder die Hausärztin. Er oder sie kann Betroffene an einen Psychologen oder Psychiater überweisen. Wer nicht persönlich in eine Praxis gehen möchte, kann auch telefonisch Hilfe in Anspruch nehmen. Das Info-Telefon Depression hilft unter der Nummer 0800-3344533. Auch die Telefonseelsorge (0800-1110111, 0800-1110222 oder 116123, auch per Chat oder Mail) ist eine Anlaufstelle.
Zudem gibt es Selbsthilfegruppen und Beratungsangebote, etwa beim Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Besteht eine akute Lebensgefahr, sollten Betroffene umgehend die nächste psychiatrische Klinik aufsuchen oder den Notarzt unter 112 rufen.
Experten: Angehörige sollten Suizidgedanken ernst nehmen
Die Stiftung Depressionshilfe rät Angehörigen und Freunden, Suizidankündigungen immer ernst zu nehmen. Äußerungen wie: "Es hat alles gar keinen Sinn mehr..." sind Hinweise auf eine ernste Gefährdung. Freunde oder Familienangehörige sollten keine Scheu haben, genauer nachzufragen, raten die Experten. Oft sei es für einen suizidgefährdeten Menschen eine Entlastung, mit einer anderen Person über die quälenden Gedanken sprechen zu können.
Die Stiftung mahnt zudem, sich mit gut gemeinten Ratschlägen zurückzuhalten. Schlichte Botschaften wie "Du bist mir wichtig", "Ich versuche, diese Krankheit zu verstehen" oder "Wir schaffen das zusammen" seien am wirkungsvollsten.
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