Südböhmen in Tschechien: Trockenheit legt deutsche Gräber in Stausee frei
Stand: 06.10.2026 • 10:38 Uhr
In den 1950er-Jahren wurde der Ortskern von Dolní Vltavice geflutet und der Lipno-Stausee entstand. Durch die anhaltende Trockenheit wurden nun Relikte des versunkenen deutschen Dorfs sichtbar - wie beispielsweise Grabsteine.
Es ist ein skurriles Bild: Wasser umspült Grabsteine am Lipno-Stausee im Süden Tschechiens. "Wir stehen hier an der Mauer des einstigen Friedhofs, der 1899 in Dolní Vltavice gegründet wurde", erzählt der Schriftsteller Jan Štifter im Tschechischen Fernsehen. "Die Trockenheit ist so langanhaltend und intensiv, dass sie Orte offenbart, an die man normalerweise nicht gelangt."
Trockenheit legt Dorf im See frei
Die Inschriften auf den Grabmälern, die zu Štifters Füßen im Schlamm stecken, sind deutsch. Denn da, wo sich heute der Lipno-Stausee ausbreitet, befand sich einst das Dorf Dolní Vltavice, auf Deutsch: Untermoldau. Die Geschichte des Ortes reichte bis ins 13. Jahrhundert zurück, die Gemeinde prosperierte durch die Lage an einer Handelsstraße zwischen Passau und Budweis.
Der Großteil der Bewohner war deutschsprachig und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben. In den 1950er Jahren wurde der Ort beim Bau der Lipno-Talsperre geflutet. Dass sich unter der Wasseroberfläche die Überreste eines Dorfes befanden, sei nie ein Geheimnis gewesen, sagt Jan Štifter.
Vor einiger Zeit seien auf dem Gebiet von Untermoldau Bagger im Wasser zugange gewesen, erzählt Štifter. "Plötzlich hörte man unten im Wasser etwas plumpsen und rollen und dann schwammen Kompottgläser an die Oberfläche. Die Keller der Häuser sind noch intakt und in ihnen steht noch immer das Eingemachte der Deutschen."
Rettungsaktion für Grabsteine
Stoff für einen Roman - dachte sich Jan Štifter und schrieb ein Buch über die Geschichte von Untermoldau. Es erschien im August dieses Jahres. Eine der Leserinnen stieß bei einer Wanderung nun auf die aus dem Wasser ragenden Grabsteine - und kontaktierte den Autor.
"Wir haben uns gesagt, dass wir die Steine hier nicht liegen lassen können. Daraufhin begann eine recht spontane Rettungsaktion", sagt Jan Štifter.
Unter der Aufsicht von Historikern und Experten aus dem Denkmalschutzamt wurden die Steine mit Hilfe von Freiwilligen aus dem Wasser gehievt. "Es war gar nicht so einfach, den Schlamm, Morast und Sand von den Steinen zu entfernen", erklärt Petr Hudičák. "Wir mussten aber mit den Gerätschaften darunter gelangen, um sie herauszuziehen."
Hudičák leitet das Archiv des Fotoateliers Seidel im nahegelegenen Český Krumlov. Das Atelier verwaltet eine Sammlung historischer Aufnahmen aus der Region. Darunter sind auch Bilder des Böhmerwaldortes Untermoldau. Aus diesen geht hervor, dass sich die Grabsteine nicht an ihrem ursprünglichen Standort befanden, sondern hinter der Friedhofsmauer.
Vor der Flutung wurden die Überreste der Bestatteten in ein Massengrab auf einem nahegelegenen Friedhof umgebettet. Die Grabmäler der einstigen deutschen Bewohner aber wurden ganz offensichtlich achtlos auf einen großen Haufen geworfen.
"Dieses Beispiel zeigt, wie in den 1950er Jahren mit dem historischen Gedächtnis umgegangen wurde. Dieses Vorgehen war rücksichtslos all denjenigen gegenüber, die von hier fortgehen mussten", sagt Hudičák.
Grabsteine sollen ausgestellt werden
Alle Überreste des Friedhofs von Untermoldau zu finden, werde wohl nicht möglich sein, sagt der Schriftsteller Jan Štifter. Auch von der Kirche ist nichts mehr zu sehen. Damit der Turm nicht aus dem Wasser herausragt, wurde das Gotteshaus noch vor der Flutung dem Erdboden gleich gemacht.
Die zwölf Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert, die nun aus dem Wasser geborgen wurden, sollen restauriert und an einem würdigen Ort platziert werden. Außerdem ist eine Ausstellung über die Gemeinde Untermoldau geplant. Mit den Familiengeschichten der Verstorbenen, hoffen die Grabsteinretter.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.