Elektronische Orgelmusik in Berlin: Im Maschinenraum des Sounds

Das Aggregate Festival feiert fünfjähriges Jubiläum. Mit computergesteuerter Orgelmusik bringen Gamut Inc das Konzerthaus Berlin zum Schwingen.
Foto: Christoph Voy
Wenn die Jehmlich-Orgel im Konzerthaus gespielt wird, erklingen oft Konzerte von Mozart, Bach oder Brahms, manchmal auch von Arvo Pärt, gespielt von renommierten Solist*innen. Beim diesjährigen Aggregate Festival steuern jedoch Softwares die Pfeifenorgel und spielen Kompositionen von Laurie Spiegel, Seth Horvitz, Phillip Sollmann, Konrad Sprenger und dem Duo Gamut Inc, bestehend aus Marion Wörle und Maciej Sledziecki.
Wörle und Sledziecki sind auch die Veranstalter von Berlins jährlichem Festival für neue Musik und computergesteuerte Pfeifenorgel. Für ihr fünfjähriges Jubiläum haben sie eine besondere Neuheit mitgebracht. Die hunderte Jahre alte Orgel des Konzerthauses bekommt ein Upgrade; sie wird modernisiert und zur sogenannten Hyperorgel umgebaut. Erstmals lässt sie sich über eine Midi-Schnittstelle komplett selbstständig und direkt über einen Computer steuern.
Das Ganze sieht erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig aus. Der Spieltisch der Orgel steht auf der Bühne bereit, aber niemand bedient ihn. Stattdessen sitzen sich Gamut Inc an zwei Laptops gegenüber, scrollen gelegentlich und wippen mit den Köpfen zur Musik. Sie haben von der Komponistin Laurie Spiegel die Stücke „East River Dawn“ und „Drums“ aus ihrem Album „The Expanding Universe“ mitgebracht und für die Konzerthausorgel adaptiert. Aber auch ihre speziell angefertigte, winddynamische Pfeifenorgel „Black Square“ kommt zum Einsatz.
Das Atmen der Pfeifenorgel verliert hier und da seinen typischen Charakter; das Elektronische gewinnt die Überhand
Spiegels vielschichtig gewebter Klangteppich dehnt sich als erste musikalische Darbietung am Eröffnungsabend aus, das Atmen der Pfeifenorgel verliert hier und da seinen typischen Charakter; das Elektronische gewinnt die Überhand. Getaktete Triolenabläufe greifen wiederholt ineinander, erfinden sich neu und finden sich wieder. Mal schneller, mal langsamer, gänzlich unaufhaltsam schieben sich die Harmonien nach vorne.
Mit dem Rücken zum Publikum
Seth Horvitz, dessen Künstlername Rrose ist, übernimmt vor der Pause mit „studies for automated pipe organ“, seiner Uraufführung. Er sitzt am Spieltisch im ersten Rang, spielt ihn jedoch nicht. Sein Rücken ist dem Publikum zugekehrt, als sich die eindringliche Chromatik über den Saal des Konzerthauses ergießt. Immer höher klettern die Töne, bis es zu einem abrupten Ende kommt. Der Künstler erklärt nach dem Applaus, die Orgel sei ihr neues Dasein als elektronisches Musikinstrument noch nicht gewöhnt und mache manchmal komische Dinge, sie müsse neu hochgefahren werden.
Rapperin Wa22ermann Ernüchterung, Wut und Flow
Die aus Pakistan stammende Berliner Rapperin Wa22ermann findet auf ihrem Debütalbum „Knax“ den Sound für die Vielfalt der Hauptstadt.
Von Ann-Kathrin Leclere
Konzertempfehlungen für Berlin Das Universum dehnt sich weiter aus
Kolumne Sound der Stadt von Tim Caspar Boehme
Diese Woche lässt das Aggregate-Festival automatische Orgeln die Grenzen des Möglichen verschieben. Stockhausen ohne Spektakel gibt es auch.
Stockhausens Oper „Mittwoch“ in Berlin Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz
Zum Auftakt der Intendanz Aviel Cahns stemmt die Deutsche Oper Berlin eine Riesenproduktion: „Mittwoch aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen bietet kosmisches Spektakel.
Von Tim Caspar Boehme
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.