Ukraine unter massivem Beschuss: Kältetod mit Ansage

Russland greift in der Ukraine gezielt und verstärkt zivile Infrastruktur an – und zwar landesweit. Bereits jetzt kommt es zu massiven Stromausfällen.
Foto: reuters
Aljona Towbuch deckt die Risse in den Wänden ihrer Wohnung mit Plastikfolie und Sperrholzplatten ab. Anfang Herbst beschädigte eine russische Rakete ihr Haus in Boryspil, einer Stadt in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Jetzt, da die erste Kälte eingesetzt hat und es zu Stromausfällen kommt, werden die Wände in der beschädigten Wohnung feucht und setzen Schimmel an.
„Hier kann man nicht mehr leben. Wir haben diese Wohnung gekauft, von der wir unser ganzes Leben lang geträumt hatten. Kurz darauf fiel mein Mann an der Front. Zwei Monate später zerstörten die Russen unser Haus“, erzählt die 38-Jährige, die ein schwarzes Tuch als Zeichen der Trauer trägt und an diesem Tag auch noch ein paar Sachen mitnehmen will.
Die technische Begutachtung des Hauses dauere noch an, doch sie habe ihr Zuhause höchstwahrscheinlich für immer verloren, sagt Aljona. Durch die ständigen Stromausfälle sowie die russischen Angriffe auf Kyjiw und die Umgebung, die in diesem Herbst zugenommen haben, wird auch ihre Situation immer schwieriger.
Am Montag hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor der Vorbereitung eines neuen massiven Angriffs auf die Energie- und Logistikinfrastruktur gewarnt. Bereits in der darauffolgenden Nacht führte Russland einen kombinierten Angriff auf die Ukraine durch. „In Charkiw haben die Russen direkt ein städtisches Krankenhaus getroffen. 73 Menschen wurden verletzt, die kardiologische Abteilung wurde beschädigt“, schrieb Selenskyj am Dienstagmorgen auf seinem Telegram-Kanal.
Angriff auf Hospiz
In der Ortschaft Komyschuwacha, in der Region Saporischschja, sind nach den Angriffen am Dienstag bislang 33 Tote zu beklagen, über 50 Menschen werden noch unter Trümmern vermutet. „Mein Beileid gilt den Angehörigen und Hinterbliebenen. Die Rettungsarbeiten dauern an, soweit es die Sicherheitslage zulässt – denn es besteht die Gefahr erneuter russischer Angriffe – so hinterhältig, wie sie eben immer vorgehen“, teilte der Präsident mit. Auch die Stadt Dnipro war betroffen. Der Bürgermeister Borys Filatow postete Bilder von einem Hospiz, auf denen zwei zerstörte Krankenzimmer zu sehen sind.
Am Dienstagmorgen teilte das ukrainische Energieunternehmen DTEK mit, dass drei seiner Wärmekraftwerke die Stromerzeugung eingestellt hätten. „Infolge mehrerer Angriffswellen kam es zu großflächigen Zerstörungen und erheblichen Schäden an der Ausrüstung und Infrastruktur der Anlagen. Die Kraftwerke haben die Stromerzeugung eingestellt“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.
Aus Sicherheitsgründen gibt DTEK den Standort der beschädigten Anlagen nicht preis. Gleichzeitig bekommen die Einwohner Kyjiws und der Region Kyjiw die Folgen der angespannten Lage im Energiesystem schon jetzt zu spüren. Die Stromversorgung erfolgt nach festen Zeitplänen, in einigen Stadtteilen Kyjiws ist Strom nur für wenige Stunden am Tag verfügbar.
Die Situation ist derzeit noch nicht kritisch, doch die Rettungskräfte in Kyjiw sind darauf vorbereitet, mobile Hilfsstationen einzurichten, falls die Stromversorgung für mehrere Tage ausfallen sollte. „Wir haben das im vergangenen Winter durchgespielt. Sollte der Strom für drei Tage ausfallen, sind wir darauf vorbereitet, Anlaufstellen einzurichten, wo man Telefone aufladen kann. In Kyjiw gibt es Gebäude, in denen alles vom Strom abhängt: die Heizung, die Wasserversorgung und die Zubereitung von Mahlzeiten. Für die dort lebenden Menschen muss es einen Ort geben, an dem sie heißen Tee trinken und sich aufwärmen können“, sagt Pawel Petrow, ein Vertreter des Kiewer Katastrophenschutzdienstes (DSNS). Derzeit habe es jedoch keinen Sinn, solche Einrichtungen präventiv einzurichten.
Wirtschaftsleistung geht zurück
Laut Militärexperten hätten die Russen ihre Angriffstaktik grundlegend geändert. Während im Sommer noch die Mehrheit der Ziele militärischer Natur gewesen sei, seien in den vergangenen Monaten zunehmend wirtschaftliche Einrichtungen und zivile Infrastruktur angegriffen worden.
„Sie nehmen Lebensmitteleinzelhändler, die Pharmabranche, Tankstellen und Verkehrswege ins Visier. Inzwischen sind 60 Prozent der Ziele ziviler Natur, 40 Prozent militärischer. Dieser Trend wird bis zum Frühjahr 2027 anhalten, solange das kalte Wetter andauert. Die Hauptziele in diesem Winter bleiben Brücken, die Energieinfrastruktur sowie Fahrzeuge auf Schienenwegen“, erklärt der Militäranalyst und ehemalige Mitarbeiter des Geheimdienstes SPU, Iwan Stupak.
„Kyjiw liegt 200 Kilometer von der Grenze entfernt. Die Russen können nicht physisch hierhergelangen, also zerstören sie die zivile Infrastruktur und die Wirtschaft. Wir erleben leider zum ersten Mal seit Jahren einen Rückgang der ukrainischen Wirtschaftsleistung“, sagt Stupak.
Er weist darauf hin, dass die Nationalbank der Ukraine ihre Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung verändert habe – aufgrund der verstärkten russischen Angriffe auf Industrie, Energieversorgung und Logistik. „Die Nationalbank der Ukraine (NBU) hat ihre Prognose für die Entwicklung des realen BIP im Jahr 2026 nach unten korrigiert – auf –0,4 Prozent. Den größten Einfluss auf die Verschlechterung der Prognose hatten die Folgen des verstärkten Beschusses. Sein negativer Beitrag zum BIP wird auf 1,9 Prozentpunkte geschätzt“, erklärte NBU-Chef Andrij Pyschnyj am 29. Oktober bei einem Briefing in Kyjiw.
Aljona Towbuch, die um ihren Mann trauert, verfolgt die Nachrichten nicht. Doch sie und ihre Familie spürten, dass sich die Lage jeden Tag verschlechtert. Derzeit leben Aljona und ihre Tochter bei Verwandten. In deren Wohnung wird der Strom täglich für fast 12 Stunden abgeschaltet.
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