Iran: Die politische Macht der Musik
Nach 47 Jahren im Ausland ist der iranische Musiker Bijan Mortazavi in seine Heimat zurückgekehrt. Mortazavi gehört zu den bekanntesten iranischen Violinisten, Sängern und Komponisten. Im Juli 2026 trat er mit seiner berühmten weißen Geige bei der Abschlussveranstaltung der Fußball-Weltmeisterschaft mit dem New York Philharmonic Orchestra auf.
Auf Videos, die er und seine Frau nun in sozialen Netzwerken veröffentlicht haben, ist das Paar bei Spaziergängen durch die Stadt Teheran zu sehen. Passanten begrüßen den Musiker freundlich und heißen ihn willkommen.

Auch der Sänger Mohsen Namjoo ist nach rund 20 Jahren im Exil in den Iran zurückgekehrt. Der für seine experimentelle persische Musik international bekannte Sänger verbindet traditionellen persischen Gesang und poetische Texte mit Elementen aus Blues, Rock, Jazz und Folk.
Namjoo war 2009 in Abwesenheit von einem Gericht in Teheran zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, heilige Stätten beleidigt und Verse aus dem Koran verhöhnt zu haben. Seine Rückkehr in den Iran begründete er in einem Video mit dem Wunsch, mehr Zeit mit seiner Familie und seinen Freunden zu verbringen.
Rückkehr als politisches Instrument
Am Donnerstag, dem 27. August, erklärte der Minister für Kultur und Islamische Führung, Abbas Salehi, in einem Interview mit der Zeitung "Farhikhtegan", sein Ministerium habe Listen mit den Namen von mehr als 100 prominenten Iranern erstellt, die im Ausland leben. Ziel sei es, Hindernisse für deren Reise oder Rückkehr in den Iran zu beseitigen.
Auch "Kritiker der Islamischen Republik" könnten jederzeit zurückkehren, betonte Salehi. Die Rückkehr von Künstlern müsse dabei nicht bedeuten, dass sie im Iran auftreten, sie könnten das Land auch lediglich besuchen.
Der Menschenrechtsanwalt Sina Yousefi verweist im Gespräch mit der Deutschen Welle auf das internationale Recht, insbesondere auf Artikel 12 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, dem auch der Iran beigetreten ist. Demnach darf niemand willkürlich daran gehindert werden, in sein eigenes Land einzureisen. Dieses Recht könne nicht davon abhängig gemacht werden, wie loyal sich ein Bürger gegenüber der Regierung verhalte.
"Die Idee, nach bestimmten bekannten Persönlichkeiten zu suchen, von denen vor allem die Reformisten glaubten, dass sie die roten Linien weniger stark überschritten, und sie für eine Zusammenarbeit zu gewinnen oder zurückzuholen, ist nicht neu", sagt die Ethnomusikologin Sepideh Raissadat im Gespräch mit der DW. Raissadat beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte und Entwicklung der persischen Musik.

Als international renommierte Interpretin der klassischen persischen Musik verbindet sie ihre künstlerische Arbeit mit wissenschaftlicher Forschung. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Leben iranischer Sängerinnen seit 1979.
Zwischen Kontrolle und Widerstand
"Die Revolution von 1979 im Iran war eine Revolution gegen die Musik. Musik gehörte zu den roten Linien", sagt Raissadat. Sie verweist dabei auf Aussagen des Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini, der Musik bereits im Juli 1979 öffentlich als schädlich für die Gesellschaft bezeichnet und ihre vollständige Abschaffung gefordert hatte.
In einer Ansprache an Mitarbeiter von Radio Darya am 21. Juli 1979 soll er Musik als "Verrat am Land" und als "Verrat an der Jugend" bezeichnet haben. Wenige Tage später wurde Khomeini von der iranischen Zeitung "Keyhan" mit den Worten zitiert, Musik sei "wie eine Droge" und müsse vollständig beseitigt werden.
Während des Iran-Irak-Krieges von 1980 bis 1988 kehrte Musik jedoch in Form revolutionärer und religiöser Lieder zurück. Sie wurde dabei auch eingesetzt, um Gefühle von Nationalstolz und Zugehörigkeit zu mobilisieren. Auch die weibliche Stimme ließ sich nicht vollständig aus dem öffentlichen Raum verdrängen. "Sie konnten nicht einmal die Stimme der Frau vollständig beseitigen. Die weibliche Stimme kehrte über den Chorgesang zurück", sagt Raissadat.
Doch der Konflikt zwischen dem Staat und der Musik ging weiter. Jahrelang durften im iranischen Fernsehen keine Musikinstrumente gezeigt werden. Auf den Straßen wurden Instrumente beschlagnahmt oder zerstört. Musiker wagten es kaum, ihre Instrumente offen mitzunehmen; manche versteckten sie im Auto.

"Wenn man verbotene Musik zu Hause hört, ist das eine politische Handlung. Und als Frauen begannen zu singen, wurde auch das zu einer politischen Handlung", sagt Raissadat.
Auch die Entwicklung der iranischen Popmusik war Teil dieses politischen und kulturellen Spannungsfelds. "Die neue einheimische Popmusik begann man in Konkurrenz zur Musik aus Los Angeles zu produzieren", sagt Raissadat.
Gleichzeitig haben die sozialen Netzwerke in den vergangenen zehn Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Sie stehen nicht vollständig unter der Kontrolle der Regierung und haben dadurch einen großen Einfluss. Heute zeigt sich dieser Wandel besonders deutlich bei jungen Menschen: Junge Frauen spielen ohne Kopftuch Gitarre und treten öffentlich auf.
Musik als Ausdruck des Protests
Eine besondere Entwicklung beobachtet Raissadat bei den Angehörigen der jungen Menschen, die bei den landesweiten Protesten Ende Dezember 2025 und im Januar 2026 getötet wurden. Die Proteste begannen am 28. Dezember 2025 und wurden von den Sicherheitskräften gewaltsam niedergeschlagen. Menschenrechtsorganisationen berichten von Tausenden getöteten Demonstrierenden; genaue Zahlen sind aufgrund der weitgehenden Informationssperre nicht bekannt.
"Das Wichtigste, was wir in diesen Jahren gesehen haben, war die Nutzung von Musik durch die Hinterbliebenen der bei den Protesten Getöteten. Das steht in völligem Gegensatz zur schiitischen Tradition und zu unserer Geschichte", sagt Raissadat.
Bei einigen Beerdigungen verwandelten Familien die Trauerfeier um das gestohlene Leben ihrer Angehörigen in eine neue Form des Protests. Statt religiöser Gesänge erklang Musik, die Angehörigen sangen und tanzten dazu. Damit setzten sie einen bewussten Kontrast zu den traditionellen religiösen Trauerritualen.
"Musik wurde zu einer Waffe: Die Trauernden konnten selbst eine Verbindung zu ihr herstellen, und zugleich stand sie im Widerspruch zu dem, wofür das politische System steht", sagt Raissadat und fügt hinzu: "Auch das Tanzen in weißer Kleidung sei zu einem Ausdruck dieses Widerstands geworden".
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