Jugendliches Trinken: Enthält Alkohol

Ob Alkopops oder gleich Schnaps: beim Trinken, weiß unser Kolumnist, geht es immer auch um ein Stück Identität.
Foto: Thomas Banneyer/picture alliance/dpa
I m hiesigen Supermarkt stehen seit Anfang Oktober zwei mannshoch beladene Paletten Korn-Cola in Dosen. Das Gros ist noch eingeschweißt, und obwohl allein ich schon zwei- oder dreimal beinahe zugegriffen hätte, werden es einfach nicht weniger. Wundern tut mich das nicht, etwas trübsinnig stimmt es mich aber doch. Noch während ich das schreibe, wird mir klar, dass ich gleich noch mal losfahren werde, um mir ein Gebinde des mutmaßlich widerwärtigen Getränks zu kaufen, bevor es im November dann ausgelistet und für immer vergessen wird.
Ich will das nicht an die große Glocke hängen, an dieser Stelle aber auch nicht verschweigen, dass ich mit einigem Recht als Erfinder dieses Produkts gelten muss. Nein, nicht Korn-Cola, sondern ganz spezifisch eben die fertige Mische in Dosen. Als Anfang des Jahrtausends nämlich die Alkopop-Debatte losging – die Älteren werden sich erinnern –, da habe ich öffentlich und vor Zeug:innen gesagt: „Man füllt ja auch nicht Korn-Cola in Dosen und glaubt, dass es dann jemand kauft.“ Aber wie man so sagt: Der Prophet zählt wenig im eigenen Land – und das gilt nirgends so sehr wie hier oben im Nordwesten, wo eben der Korn herkommt und die Sturköpfigkeit.
Korn-Cola ist nicht einfach eine Unappetitlichkeit unter vielen
Vielleicht aber muss man Auswärtigen doch erst einmal erklären, was überhaupt das Problem an der Sache ist. Korn-Cola ist nämlich nicht einfach eine Unappetitlichkeit unter vielen, nicht irgendein preisgünstiges Adoleszenzschmiermittel, sondern ein Stück Identität – das man im Zuge der Menschwerdung ab 20 so eilig wie nachdrücklich hinter sich zu lassen versucht.
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Vorher aber ging es rund. Bei Schützen- und Feuerwehrfesten war Korn-Cola die logische Folge von Bier, manchmal flankiert vom weltbürgerlicheren Wodka-O. Den karibische Nächte versprechenden Bacardi gab es in reicheren Nachbargemeinden, aber auch da erst später. Korn mit Cola bekömmlich zu machen, war ein Trick, die Reife und Kantigkeit der Erwachsenen immerhin zu simulieren. Immerhin sich selbst gegenüber. Und nicht irgendwelche Erwachsenen, sondern diesen besonderen Menschenschlag, der (egal, wo man ihn traf) immer knietief im Torf zu stecken schien, mit Pfeife im Mund und einer ausgefransten Rolle Seil am Gürtel. Eine Idee von Vater, wie wir ihn (zum Glück) alle nicht hatten.
Mein echter Vater trank nie Korn, aber jedes zweite Jahr kaufte er doch welchen. Um die Runde wieder voll zu kriegen. Denn seit wir damals vom echten Land in die Siedlung zogen, bekam er jedes Jahr vier Flaschen zum Geburtstag: von jedem Nachbarn eine, und zwar das gute Zeug in der Tonflasche. Eine machte er auf und verteilte die Hälfte direkt an der Tür unter den Schenkenden. So behielt er drei volle Flaschen über, für die Geburtstage von drei der vier Nachbarn. Und für den Besuch an der Tür im nächsten Jahr hatte man noch die angebrochene Flasche vom letzten Jahr.
Durchbrochen wurde diese Geschenkökonomie erst viele Jahre später, als mein Freund Ronald und ich die Geschenke meines Vaters eines Abends heimlich austranken. Mit Cola natürlich. Und diese Zeit ist es auch, von der hier zwar aus guten Gründen wenig die Rede sein soll, die einem aber im doppelten Sinne wieder hochkommt, wenn man nun vor diesem Dosenberg im Supermarkt steht. Das alles ist lange her, und früher war trotz anders lautender Gerüchte nicht alles besser. Man weiß das und beginnt doch zu zweifeln.
„Das Leben wird in gewissem Sinne gefahrloser“, schrieb Norbert Elias 1939 in „Über den Prozess der Zivilisation“ – „aber auch affekt- oder lustloser“. Und ebendarum ist es dann doch auch fast ein bisschen schade, dass kein Mensch diese Dosen kauft.
Jan-Paul Koopmann Redakteur und CvD
Jahrgang 1982, schreibt aus dem Bremer Hinterland über Kultur und Gesellschaft mit Schwerpunkten auf Theater, Pop & schlechter Laune.
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