Polen: Wenn der Krieg näher kommt
Polen bereitet sich vor Wenn der Krieg näher kommt
Stand: 27.09.2026 • 14:01 Uhr
Drohnen und Raketen, die nah an der polnischen Grenze einschlagen - der Krieg gegen die Ukraine rückt spürbar an den Alltag der Menschen heran. Schutzräume und Warn-SMS gewinnen an Bedeutung. Wie ist die Stimmung vor Ort?
Es sind nur rund 100 Kilometer von Lublin bis zur polnisch-ukrainischen Grenze. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine war hier nie weit weg. Doch mittlerweile ist er noch näher an die Grenzregion Lubelskie herangerückt. Russische Drohnen treffen inzwischen Ziele unweit der Grenze, etwa einen Zug oder eine Tankstelle.
Angesichts der intensiveren Angriffe prägt Ungewissheit zunehmend den Alltag, auch in der regionalen Hauptstadt Lublin. In der vergangenen Woche wurde nach einem solchen Angriff auf die Westukraine auch hier Luftalarm ausgelöst.
Schutzsuche im Keller oder Turnhalle
Als Kamil Dabrowski die Sirenen gehört habe, habe sich innerlich alles angespannt, erzählt er. Er leitet ein Gymnasium in Lublin. Nach kurzer Bedenkzeit habe er beschlossen, die Klassenräume zu evakuieren: "Denn im schlimmsten Fall, bei einer Explosion oder einem realen Angriff, könnten Gesundheit oder Leben anderer von meiner Entscheidung abhängen."
Es ging um knapp 550 Menschen: Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Mitarbeiter. Sie suchten im Keller oder in der Turnhalle Schutz. Einige hätten mit Panik reagiert, doch die meisten hätten sich ruhig verhalten, sagt der Schuldirektor.
Seine Entscheidung sorgte für Schlagzeilen, schon bald standen Fernsehteams vor dem Schulgelände. Später habe es noch einige Anrufe gegeben: "Sie schimpften, wir würden die Kinder verängstigen und Panik verbreiten. Man behauptete, es sei völlig übertrieben, und warfen mir vor, ich würde die Regierung Tusk unterstützen", erzählt Dabrowski.
Eskalation im Herbst?
Solche Vorwürfe könnten auch mit einer denkwürdigen Rede von Premierminister Donald Tusk zusammenhängen. Vergangenen Donnerstag beschrieb er vor dem Sejm, dem polnischen Parlament, zum ersten Mal in deutlichen Worten eine mögliche Eskalation durch Russland.
Nach Erkenntnissen der Geheimdienste plane Russland auch hybride Drohnen- und Raketenangriffe gegen die Länder, die die Ukraine unterstützten, darunter Polen, erklärte Tusk. Es bestehe ein reales Risiko, dass auf das Territorium von einem oder mehreren NATO-Staaten an der Ostflanke Drohnen oder Geschosse eindringen könnten. Auch Zerstörungen seien nicht auszuschließen.
Solche Angriffe würden von Russland als Zufall dargestellt, damit niemand in der NATO eine Reaktion erwäge, sagte der polnische Premierminister. Auf eine mögliche Zuspitzung im Herbst hatte die polnische Regierung schon zuvor hingewiesen. Doch es blieb über Wochen wage, womit zu rechnen ist.
Nahezu täglich Warn-SMS
Inzwischen spüren die Menschen in Polen ganz konkret, was Russland womöglich vorhaben könnte. In den Regionen Lubelskie und im Karpatenvorland, die direkt an die Ukraine grenzen, erhalten die Einwohner nahezu täglich Warn-SMS. Es gibt auch Sirenenalarm.
Im Büro der Woiwodschaft Lubelskie, vergleichbar mit einer Bezirksregierung in Deutschland, versucht man, rasch den Bevölkerungsschutz anzupassen. Vize-Woiwoda Wojciech Woloch, zuständig für Bevölkerungsschutz und Infrastruktur, sagt, jahrzehntelang habe der Großteil der Gesellschaft geglaubt, der Frieden sei ein für alle Mal sicher. Man habe sich darauf konzentriert, die Infrastruktur der friedlichen Zeit aufzubauen. Das ändere sich derzeit dramatisch. "Heute müssen wir vor allem für Sicherheit sorgen durch Systeme, Infrastruktur und Verteidigung."
Für knapp zwei Millionen Einwohner der Region Lubelskie gibt es laut Woloch dreieinhalbtausend Schutzräume. Das seien vor allem Zufluchtsorte - Tiefgaragen und Unterführungen, um sich schnell zu verstecken. Es gebe auch ausgebaute Schutzräume, weitere seien geplant.
Außerdem soll bald eine neue App den nächsten Schutzraum anzeigen. Alleine die Woiwodschaft Lubelskie habe in zwei Jahren mehr als eine halbe Milliarde Zloty in den Bevölkerungsschutz investiert, umgerechnet knapp 115 Millionen Euro.
Dörfer besonders schutzlos
Doch besonders in der ländlichen Gegend ist eine solche Umstellung schwierig. Die Häuser haben oft keine Keller, und der nächste Unterschlupf kann Dutzende Kilometer entfernt sein. In solchen Gegenden sind viele Menschen besorgt. Etwa in Dorohusk, direkt an der Grenze zur Ukraine. Vor Kurzem ist unweit dieses polnischen Dorfes auf ukrainischer Seite eine Drohne eingeschlagen.
"Der Knall war so laut und gewaltig, dass sogar die Fensterscheiben zitterten", erzählt eine Dorfbewohnerin, die anonym bleiben will. Man spüre Angst - "und die Ungewissheit, was als Nächstes passieren wird. Wir sind hier dieser Grenze so nah." Der Grenzübergang ist in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen. Man sieht die Schlangen der Lkw, die auf die Weiterfahrt warten.
Mehr Luftverteidigung, mehr Grenzschutz
Solche Staus an den Grenzübergängen will Polen laut Regierungschef Tusk vermeiden, damit Lkw und Kraftstofftransporte nicht zu einem Angriffsziel werden. Verteidigungsminister Wladysław Kosiniak-Kamysz teilte bei seinem Besuch in Dorohusk mit, man habe die Luftverteidigung verstärkt. Zusätzliche Einheiten seien verlegt worden, auch an Grenzübergänge.
Außerdem habe man weitere "Patriot"-Systeme stationiert - für den Schutz regionaler Flughäfen. "Es kann zu Provokationen im Zusammenhang mit Verletzungen des polnischen Luftraums kommen", sagte Kosiniak-Kamysz. Laut dem Verteidigungsminister steigen täglich oder sogar mehrfach am Tag Kampfjets in die Luft, die in Alarmbereitschaft sind. Auch NATO-Verbündete zeigten demnach Präsenz, darunter tschechische Hubschrauber.
Während sich das Militär rüstet, versuchen sich auch die Zivilisten vorzubereiten. Am Lubliner Gymnasium etwa will der Schulleiter Kamil Dabrowski an alle Fensterscheiben aus Glas eine spezielle Folie anbringen lassen. Sollten sie durch eine Druckwelle bersten, verhindert das böse Verletzungen. Auch wollen sie in der Schule Evakuierungen üben, damit es künftig reibungsloser und schneller klappt.
Nicht nur im Südosten Polens spürt man die Nähe zum Krieg. Dieses Bild von einer aus der Ostsee geborgenen russischen Drohne verbreitete der polnische TV-Sender TVN in diesem Monat.
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