SRF-Frauen über ihr Leben in Paris

- Hohe Lebenshaltungskosten, fehlendes Personal in den Schulen und der Abbau von Dienstleistungen auf dem Land treiben Proteste an
- Macrons Innenpolitik wird kritisch gesehen, politisch profitiert Le Pens Rassemblement National
- Nach den Ausschreitungen vom 17. Oktober verlief das zweite Protestwochenende ruhiger in Paris
«L’étincelle» heisst die Bar, in der sich Zoe Geissler (34) und Mirjam Mathis (41) am Montagmorgen in Paris zu Café und Croissant treffen. L’étincelle bedeutet Funke, wobei man mit Blick auf die gewaltsamen Proteste in Frankreich eher von einem Feuer sprechen muss. Vor allem die Spuren vom 17. Oktober, als es zu massiven Ausschreitungen kam, sind im Zentrum von Paris immer noch sichtbar.
Am Place de la République steht nur noch die Hülle eines abgebrannten Kiosks, ein beissender Rauchgeruch steigt in die Nase. Und doch kehrt die Normalität zurück. Ladenbesitzer entfernen auf den Boulevards die Holzbarrikaden von ihren Schaufenstern, auf denen Sprüche stehen wie «porter un gilet de peau de macron», eine ironische Anspielung auf die zweite Haut, welche der französische Präsident Emmanuel Macron trägt, weil er alles an sich abprallen lässt.
Im Café sprechen die beiden Frankreich-Korrespondentinnen des SRF über ihr Wochenende in Orléans. Die Nidwaldnerin Mirjam Mathis hat dort für die «Tagesschau» vom Parteitag des rechten Rassemblement National berichtet. «Bei der Partei von Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen herrscht Aufbruchstimmung», sagt sie. Die Baslerin Zoe Geissler hat zudem die Menschen interviewt, die vor Ort protestiert haben. «Allen war wichtig, dass es dieses Mal keine Gewalt gibt, damit ihre Anliegen gehört werden.»
Die Bilder aus Paris und anderen Städten in Frankreich zeigen bürgerkriegsähnliche Zustände. Wie erleben Sie die Lage vor Ort?
Zoe Geissler: Ich lebe im 15. Arrondissement im Südwesten von Paris. Dort spürte man praktisch nichts von den Demos. Was mir auffiel: das vermehrte Knallen von Pyrotechnik und mehr Sirenen.
Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»
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Mirjam Mathis: Mein Mann, unsere drei Kinder und ich wohnen in Suresnes, einem Vorort rund 30 Autominuten entfernt vom Zentrum von Paris. Bei emotionalen Fussballspielen des PSG in der Champions League wurden bei uns Bushaltestellen zerstört – die letzten Wochen war es aber ruhig.
Alles halb so wild?
MM: Natürlich hat mich das Ausmass der Gewalt erschreckt. Man muss aber unterscheiden zwischen den friedlichen Demonstranten und den Randalierern, die in der Minderheit waren und sich über die sozialen Medien organisierten. Die Zerstörer und Plünderer waren unerhört dreist und schienen nur wenig Schuldbewusstsein zu haben. So wurden etwa gestohlene Artikel auf Internetplattformen mit dem Vermerk «am 17. Oktober geklaut» angeboten.
ZG: Ich war am 17. Oktober auf dem Place de la République. Es war eine unangenehme Stimmung. Der Platz war mit Tränengas eingenebelt, die Augen brannten. Dabei gingen die Forderungen der friedlichen Demonstranten im Rauch unter. Das zweite Wochenende verlief zum Glück viel ruhiger.
Hat das Ausmass der Proteste die französische Bevölkerung schockiert?
MM: Die Franzosen haben grundsätzlich Verständnis für Protest und Streiks. Auch ein gewisser Grad an Gewalt gehört zur Geschichte des Landes, dadurch wird diese zum Teil kleingeredet. Der Revolutionsgeist ist auch bei Jugendlichen präsent. Sie denken teilweise sogar, ohne Sachbeschädigungen oder Gewalt würden sie in Frankreich nicht gehört. Aber was am 17. Oktober passiert ist, ging weit über das gesellschaftlich akzeptierte Mass hinaus und führte zu Solidarität in der Bevölkerung. Leute halfen beim Aufräumen oder riefen zu Spenden für betroffene Ladenbesitzer auf.
ZG: In meinem Umfeld waren die Menschen schockiert, verstehen aber auch die Forderungen. Gleichzeitig sagen sie: Wir sehen das immer wieder. Das flaut wahrscheinlich wieder ab. Man muss wissen: Der Herbst ist in Frankreich traditionell Streiksaison.
Frau Mathis, Sie leben seit vier Jahren in Frankreich, Frau Geissler seit eineinhalb Jahren. Wie hat sich das Land in dieser Zeit verändert?
MM: Zum einen sind da die internationalen Entwicklungen, die einen Einfluss auf die Lebensqualität haben. 2022 startete Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Rechnung meiner Gasheizung war auf einmal doppelt so hoch. Hinzu kommt die Inflation. Heute bezahle ich für einen Liter Biomilch zwei Euro. Ich frage mich manchmal, wie Menschen in Paris mit einem durchschnittlichen Lohn von 1500 bis 2000 Euro überleben.
ZG: Ich kenne einige Leute, die keinen Job haben und auf Arbeitssuche sind. Wohlhabende Menschen beschäftigen vermehrt die horrenden Staatsschulden.
Mirjam Mathis
Die Nidwaldnerin studierte Politikwissenschaften in Genf und Madrid. Nach ihrer Journalismus-Ausbildung arbeitete sie für das Regionaljournal Zentralschweiz, dann als Westschweiz-Korrespondentin. Seit 2022 berichtet sie aus Paris. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.
Die Nidwaldnerin studierte Politikwissenschaften in Genf und Madrid. Nach ihrer Journalismus-Ausbildung arbeitete sie für das Regionaljournal Zentralschweiz, dann als Westschweiz-Korrespondentin. Seit 2022 berichtet sie aus Paris. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.
Zoe Geissler
Die Baslerin hat an der Universität St. Gallen internationale Beziehungen studiert und hat einen Master in Politikwissenschaften. Ihre Laufbahn begann sie bei SRF4 News, dann wechselte sie in die Auslandredaktion. Seit 2025 ist sie Frankreichkorrespondentin.
Die Baslerin hat an der Universität St. Gallen internationale Beziehungen studiert und hat einen Master in Politikwissenschaften. Ihre Laufbahn begann sie bei SRF4 News, dann wechselte sie in die Auslandredaktion. Seit 2025 ist sie Frankreichkorrespondentin.
Wie geht es der Bevölkerung auf dem Land?
ZG: Sie beschäftigen vor allem die hohen Benzinpreise. Ein Paar in Tilly sur Meuse im Nordosten erzählte mir, dass sie am Wochenende nicht mehr mit dem Auto an den 15 Autominuten entfernten Markt fahren, weil sie sich das nicht mehr leisten können.
MM: Hinzu kommt, dass es immer weniger Serviceleistungen gibt auf dem Land. Die Bäckerei verschwindet, der Hausarzt, die Bar-Tabac.
Frau Mathis, wie erleben Ihre Kinder die Proteste?
Unsere Kinder besuchen eine internationale Schule. Aber die älteste Tochter, sie ist 14, geht viermal pro Woche in den Schwimmclub. Da hört sie auch von Jugendlichen, die an den Protesten teilnehmen. Durch die sozialen Medien verstärkt sich die Welle.
Was bewegt die Schülerinnen und Schüler?
Den französischen Schulen fehlt es an Infrastruktur und Personal. Ich habe mit Jugendlichen geredet, die ein ganzes Jahr keinen Matheunterricht hatten. Eine Lehrerin erzählte mir, sie hätten kein WC-Papier und keine Seife. Hinzu kommen die fehlenden Perspektiven. Über eine Million der 15- bis 29-Jährigen sind weder in Ausbildung noch in Arbeit.
ZG: Hinzu kommt, dass das Lehrpersonal extrem wenig verdient, an einem Gymnasium sind es zum Start rund 2100 Euro. Eine Freundin von mir arbeitet als Lehrerin, auswärts essen liegt bei ihr nicht drin.
An den beiden letzten Wochenenden haben in Frankreich jeweils rund eine halbe Million Menschen demonstriert. Das ist offensichtlich mehr als ein Protest von Schülerinnen und Lehrpersonen.
MM: Der Kern der Bewegung sind die Schülerinnen und Schüler. Die Proteste erreichten aber eine Sogwirkung, weil die Unzufriedenheit im Land riesig ist. Darum sind die Gelbwesten auch wieder aktiv. Diese Bewegung startete 2018, ausgelöst durch die hohen Benzinpreise. Macron gab ihnen damals die Plattform, alle ihre Forderungen aufzulisten. Damit beruhigte sich die Lage. Doch seitdem hat die Regierung nicht reagiert. 2023 protestierten die Menschen über Monate gegen die von Macron geplante Rentenreform. Da gingen zum Teil über eine Million Menschen auf die Strasse.
ZG: Trotzdem boxte Macron die Reform durch. Obwohl es andere Möglichkeiten gegeben hätte. Alle diese unzufriedenen Menschen gehen heute auf die Strasse. Viele haben Berufe im öffentlichen Dienst: Lehrerinnen, Pflegekräfte, Spitalpersonen. Heute sind ihre grössten Sorgen die Lebenshaltungskosten.
MM: Als ich kürzlich ein paar Gelbwestlern erzählte, dass ich aus der Schweiz komme, sagten sie: «Oh, die Schweiz. Da kann man seine Meinung sagen, und die Politiker hören zu.»
US-Präsident Trump gibt Migranten die Schuld für die Gewalt in Frankreich.
ZG: Diese Behauptung verurteilte Präsident Macron als inakzeptabel und dumm. Interessant, aber schockierend ist, dass viele, die vor Gericht standen, angaben, von der Massendynamik mitgerissen worden zu sein.
MM: Frankreich wird extrem instrumentalisiert – etwa von Russland. Es gibt immer wieder Fake News, um Öl ins Feuer zu giessen.
Macron war als jüngster Präsident ein Hoffnungsträger. Im Zentrum seiner Politik stand die Chancengleichheit. Wie ist euer Fazit nach zehn Jahren im Amt?
MM: Ich habe bei seiner Wahl 2017 als Journalistin aus Frankreich berichtet. Die Energie und Aufbruchstimmung damals waren ansteckend. Er hätte die Chance gehabt, das verkrustete System aufzubrechen und etwas Macht abzugeben. Immerhin hatte er eine Mehrheit im Parlament. Doch Macron ist kein Politiker, sondern ein intellektueller Technokrat. Den Draht zur normalen Bevölkerung hatte er nie.
ZG: Was man ihm zugutehalten kann, ist seine Aussenpolitik. In Europa tritt er als Staatsmann mit internationaler Ausstrahlung auf – etwa im Ukrainekrieg. Das anerkennen durchaus auch manche Franzosen. Doch für viele zählt letztlich die innenpolitische Bilanz mehr. Und diese beurteilen sie mehrheitlich negativ.
MM: Wo er massiv investiert hat, ist in die Start-up-Szene. Und er hat die Vermögenssteuer abgeschafft, das fanden die Superreichen natürlich toll.
Heute beträgt die Staatsverschuldung 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts.
MM: Daran ist Macron natürlich nicht alleine schuld. Frankreich ist seit Jahrzehnten verschuldet.
ZG: Seine Idee war am Anfang, die Wirtschaft so zum Laufen zu bringen, dass sich der Schuldenberg automatisch abbaut. Aber man darf nicht vergessen: Frankreich ist ein Sozialstaat, die Umverteilung lief auch unter Macron weiter.
Haben Sie ein Beispiel?
ZG: Das Gesundheitssystem, auf das hier viele stolz sind. Für die Patientinnen und Patienten sollen die Behandlungskosten möglichst tief bleiben. Ein Zahnarztbesuch kostet etwa 40 Euro, ein Arztbesuch 30 Euro – einen Grossteil übernimmt die Krankenkasse. Als ich das erste Mal zur Ärztin musste, hat mich dieser tiefe Grundtarif ziemlich überrascht (lacht).
Sind die Demonstrationen ein Vorspiel für einen Systemwechsel?
MM: Die Forderungen sind da. Aber ich glaube, die Chancen sind klein.
ZG: Für einen Systemwechsel bräuchte es vor allem ein Parlament, das sich in dieser Sache einig wäre. Derzeit gibt es keine Mehrheit. Paradox ist, dass den Franzosen der Präsidentialismus irgendwie auch gefällt. Sie wollen einen König, aber sie wollen ihn auch wieder köpfen. Kein Wunder, sieht man an Demos immer wieder selbst gemachte Guillotinen.
Wer profitiert politisch von den Unruhen?
MM: Das Rassemblement National mit Marine Le Pen. Ich habe am Wochenende am Parteitag einen 18-jährigen Mann interviewt, der mit seiner Mutter in einer subventionierten Wohnung lebt. Er will Le Pens Partei wählen, weil er findet, dass der Staat nicht Leute unterstützen soll, die sich nicht für die Gesellschaft einsetzen.
ZG: Wobei für viele Junge schon der linke Kandidat Jean-Luc Mélenchon ein Hoffnungsträger ist. Was ich in Frankreich sehr schätze, ist, dass die Leute hier viel mehr über die Politik debattieren als in der Schweiz. Nun erlebe ich zunehmend eine Politikverdrossenheit. Sie haben das Gefühl, nichts ändert sich, egal, wer an der Macht ist.
MM: Oder sie orientieren sich am Extremen. Da mache ich mir schon Sorgen um Frankreich.
Zum Schluss noch etwas Leichtigkeit: Was mögen Sie an Frankreich besonders?
ZG: An Paris das pulsierende Leben und die Vielfalt der Bevölkerung. Auf dem Land sind die Menschen extrem freundlich und hilfsbereit.
MM: In den Städten die Geschichte, die an jeder Ecke spürbar ist. Und allgemein, wie die Franzosen das Essen zelebrieren. Ausser beim Chèvre chaud. Da hört meine Liebe zu Frankreich auf (lacht).
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