«Der 6076 hat Probleme»: Die Audioprotokolle der Katastrophe

- Menschliches Versagen in der Leitstelle gilt als wahrscheinliche Ursache des Zugunglücks von Urda mit 68 Toten.
- Die Leitstelle liess den AVE-Zug weiterfahren, obwohl der Iryo-Zug wegen eines Defekts auf demselben Gleis stand.
- Die Ermittlungen laufen, der Fahrtenschreiber ist noch nicht ausgewertet, der AVE-Lokführer gilt als vermisst.
Nach dem verheerenden Zugunglück vom Mittwoch mit 68 Toten steht Spanien unter Schock: Für die Provinz Toledo gilt weiterhin der Notstand, seit Donnerstag gilt bis zum 31. Oktober zudem eine Staatstrauer. Während die Rettungsarbeiten vor Ort andauern, gibt es neue Informationen zum Unfallhergang.
Als der AVE-Zug am Mittwoch um 8.53 Uhr bei Urda mit schätzungsweise über 100 Kilometern pro Stunde in den Iryo-Zug krachte, stand dieser auf demselben Gleis still. Von «La Vanguardia» veröffentlichte Audioprotokolle der Gespräche zwischen der Leitstelle und den Lokführern liefern nun Hinweise dazu, wie es zur Kollision kam.
AVE-Zug durfte weiterfahren, während Iryo-Zug stand
Kurz vor dem Unfall fiel demnach ein automatisches Sicherungssystem aus, wodurch sowohl der AVE- als auch der Iryo-Zug stehen blieben. Im Anschluss wies die Leitstelle den AVE-Lokführer an, die Fahrt mit «normaler» Geschwindigkeit aufzunehmen – derweil kämpfte der Iryo-Zug mit der Nummer 6076 offenbar mit technischen Problemen.
Die ganzen Audioprotokolle
«Der Zug erlaubt mir nicht, das LZB-System zurückzusetzen», wird die Iryo-Lokführerin zitiert. Die sogenannte Linienzugbeeinflussung teilt der Zug-Crew basierend auf Messdaten die Höchstgeschwindigkeit, den Bremsweg und weitere wichtige Daten mit und überwacht das Fahrverhalten der Züge. Dies stiess in der Leitstelle offenbar nicht auf besondere Besorgnis: Die Lokführerin solle ihre Fahrt fortsetzen, «sobald es möglich ist», so ein Angestellter der Leitstelle.
Fahrdienstleiter: «Der 6076 hat Probleme»
Derweil hatte der AVE-Zug seine Fahrt bereits wieder aufgenommen und steuerte auf die Stelle bei Urda zu, wo der Iryo-Zug noch immer stand. «Echt jetzt, Mann, echt jetzt …! Der 6076 hat Probleme», sagt der Fahrdienstleiter, der zuvor mit der Iryo-Lokführerin telefoniert hatte, auf den Aufnahmen zu seinem Kollegen.
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Nur fünf Minuten später krachte der AVE-Zug in das Heck des Iryo-Zuges. Beim Aufprall wurden die hintersten zwei Waggons fast vollständig zerstört, von 397 Passagieren starben 44. Auch im AVE-Zug, der 147 Leute transportierte, kamen 24 Menschen ums Leben.
Die Lokführerin des Iryo-Zugs wurde nach dem Crash verletzt ins Spital in Toledo gebracht. Seither hat sie bereits bei der Polizei ausgesagt und sich einem Alkohol- und Drogentest unterzogen, der negativ ausfiel. Das Schicksal des AVE-Lokführers ist derweil ungewiss: Er gilt laut spanischen Medien derzeit als vermisst. Berichte, wonach im AVE-Führerstand beim Crash ein Praktikant ums Leben gekommen ist, sind bislang nicht bestätigt.
Ermittlungen dauern an
Die spanischen Ermittlungsbehörden haben bereits am Mittwoch damit begonnen, die involvierten Personen zu befragen. Im Kern steht die Frage, wer dafür verantwortlich ist, dass der AVE-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt erhielt, während der Iryo-Zug immer noch mit Problemen kämpfte.
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Die Ermittlungen dauern an, dabei ist etwa auch die Auswertung des Fahrtenschreibers noch nicht abgeschlossen. Es ist bereits der zweite verheerende Zug-Crash mit Dutzenden Toten in Spanien dieses Jahr: Im Januar starben bei einer Entgleisung mit anschliessender Kollision in Adamuz 46 Personen.
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Hier findest du Hilfe:
Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen
Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.
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