heise+ | Digitale Souveränität: Die Rechnung, die niemand macht
Wie lange würde es dauern, die Daten Ihres Unternehmens aus dem wichtigsten Cloud-Dienst herauszuholen? Und steht diese Zahl in irgendeiner Wirtschaftlichkeitsrechnung? Die erste Frage können viele iX-Leserinnen und -Leser beantworten, die zweite vermutlich nicht. Dabei bestimmt diese Zahl die Positionsstärke in der nächsten Preisverhandlung mit dem Anbieter – und den Schaden, falls der Dienst einmal ausfällt, aus welchen Gründen auch immer.
- Viele Unternehmen würden sich gerne aus digitalen Abhängigkeiten lösen, scheuen jedoch die mit einer Umstellung verbundenen Kosten.
- Dabei lassen sie die Kosten außer Acht, die mit der Abhängigkeit verbunden sind: Vendor Lock-in vermindert den eigenen Spielraum bei Preisverhandlungen; Abhängigkeit birgt Risiken, falls ein Dienst oder eine Software ausfällt oder abgeschaltet wird; digitale Unabhängigkeit ist in manchen Märkten ein Wettbewerbsvorteil.
- Erst wenn man diese Kosten den Wechselkosten gegenüberstellt, kann man eine bewusste Entscheidung für oder gegen digital souveräne Software und Dienste treffen.
Vor einer Kaufentscheidung rechnen Unternehmen Kosten für Lizenzen, Einführung und Schulung durch, nicht aber die Kosten eines späteren Ausstiegs. Über Abhängigkeit entscheidet niemand aktiv, sie entsteht einfach. Das erklärt auch, warum keine Geschäftsführung digitaler Souveränität widersprechen würde und sie trotzdem kaum eine umsetzt. Es hilft deshalb, das politische Konzept der digitalen Souveränität in die Sprache der Unternehmen zu übersetzen, also in Kosten, Risiko und Umsatz. Mit dieser Rechnung lässt sich auch eine Geschäftsführung überzeugen.
Die meisten Unternehmen wissen durchaus, dass sie digital abhängig sind. Im Sommer 2026 ergab eine Umfrage des Branchenverbands Bitkom, dass 94 Prozent der KMUs und größeren Unternehmen, die nichteuropäische digitale Technologie nutzen, davon abhängig sind. Ohne sie könnten die Unternehmen ihr Geschäft nach eigener Schätzung im Schnitt noch 16 Monate weiterführen.
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