Verkehrsminister über zugänglichen ÖPNV: „Der Gelegenheitstarif spart auch für die Verkehrsbetriebe Geld“

Das NRW-ÖPNV-Ticket für Gelegenheitsnutzer ist auf die ganze Bundesrepublik übertragbar, sagt Landesverkehrsminister Oliver Krischer. Und sei auch gerecht.
Foto: Christoph Reichwein/dpa
taz: Herr Krischer, in NRW gibt es ein spezielles Bus- und Bahnticket für Leute, die nur selten mit dem ÖPNV fahren. Wie funktioniert das?
Oliver Krischer: Sie müssen sich einmal mit dem Handy registrieren. Anschließend können Sie damit an jedem Bahnhof und an jeder Bushaltestelle in NRW ein- und auschecken. Das System erkennt, welche Luftlinie Sie zurückgelegt haben und berechnet automatisch den Preis. Berechnet wird höchstens das günstigste Einzelticket, das Sie sonst für die Strecke gelöst hätten.
Im Interview: Oliver Krischer
Oliver Krischer (Grüne) ist seit 2022 Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr in NRW. Zuvor saß er lange Jahre im Bundestag und befasste sich dort vor allem mit Verkehrspolitik.
taz: Wieso haben Sie in NRW den Bedarf für ein neues Ticket gesehen?
Krischer: Wir hatten eine unglaublich komplexe Tarifvielfalt, Tausende verschiedene Tickets. Das ist für alle abschreckend, besonders für die, die nur gelegentlich Bus oder Bahn fahren. Wir wollten ein System, das maximal einfach und im ganzen Land einheitlich ist. Damit ist es auch gerecht.
taz: Wie wird dieses „eezy.nrw“ angenommen?
Krischer: Super. Im September hatten wir 1,4 Millionen Fahrten. Ein neuer Rekord! Beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr gibt es inzwischen eigentlich nur noch zwei Produkte: das Deutschlandticket für die Vielfahrer und eezy.nrw für diejenigen, die vielleicht einmal pro Woche oder alle zwei Wochen mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs sind.
taz: Für die Nutzung braucht man ein Smartphone. Wie beteiligen Sie Ältere, Kinder oder arme Menschen, die keines haben?
Krischer: Es stimmt: Wer kein Smartphone hat, kann das Angebot nicht nutzen. Das Ticket ist aber ja auch keine Zwangsmaßnahme, sondern ein Angebot. Die meisten Menschen haben inzwischen ein Handy. Es kann also nicht mehr als Totschlagargument gelten, dass man hier bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgrenzen würde.
taz: Ihre Kollegen aus den anderen Bundesländern sind nicht überzeugt, sie haben das Thema Gelegenheitsticket gerade von der Tagesordnung der Verkehrsministerkonferenz gekippt. Warum?
Krischer: Eine inhaltliche Begründung habe ich von den Kollegen von Union und SPD nicht gehört. Die Idee, einen digital gültigen Tarif für Gelegenheitsfahrer für ganz Deutschland einzuführen, steht aber jetzt im Raum. Warum sollte nicht für ganz Deutschland funktionieren, was in Nordrhein-Westfalen für 18 Millionen Einwohner funktioniert?
Krischer: Der Gelegenheitstarif kostet kein zusätzliches Geld, sondern er spart Geld. Der digitale Vertriebsweg ist für die Verkehrsunternehmen deutlich günstiger, als wenn sie an jeder Bushaltestelle und jedem Bahnhof aufwendig Fahrkartenautomaten unterhalten. Das ist ja auch der Grund, warum die Verkehrsunternehmen in NRW ein Interesse daran haben, eezy.nrw voranzutreiben. Neben der Kundenzufriedenheit natürlich.
taz: Die Kosten für die Nutzer von eezy.nrw sind gedeckelt und bleiben immer unter denen des Deutschlandtickets. Machen Sie damit das Deutschlandticket überflüssig?
Krischer: Nein. Den Deckel haben wir in NRW als Anreiz eingeführt, damit das Angebot angenommen wird. Nur rund fünf Prozent stoßen überhaupt an diesen Deckel. Alle anderen sind also tatsächlich Gelegenheitsfahrer. Irgendwie ist das Gerücht entstanden, wir wollten den Preisdeckel für ganz Deutschland einführen. Das stimmt aber nicht, so stand es nicht im Antrag. Wir wollen das Deutschlandticket nicht konterkarieren.
taz: Vor welchen technischen Herausforderungen steht der Gelegenheitstarif?
Krischer: Jede Haltestelle muss klar mit Geokoordinaten hinterlegt sein, damit das Handy sofort erkennt, wo man ist. In Gegenden mit großen Lücken in der Mobilfunkabdeckung wäre es schwierig, das zu nutzen. In NRW haben wir aber wenige Ecken, wo das der Fall wäre. Und ich glaube, auch im Rest der Republik ist das inzwischen so. […]
taz: Hallo?
Das Gespräch bricht ab.
taz: Herr Krischer?
Krischer: Ich spreche über das Mobilnetz und genau in dem Moment ist es verschwunden. Ich sitze im Auto und wir sind gerade durch einen bayerischen Tunnel gefahren.
taz: Sie sprachen über die Herausforderungen.
Krischer: Alle Haltestellen müssen erfasst und mit Geodaten hinterlegt werden. Die Verkehrsverbände sollten aber eigentlich schon wissen, wo ihre Haltestellen sind. Am aufwendigsten war es, den neuen Tarif wirklich verlässlich in die Apps der Kunden zu integrieren. Dieses System gibt es aber jetzt schon und wir würden es dem Rest der Republik zur Verfügung stellen.
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Ein bundesweites ÖPNV-Ticket für Gelegenheitsfahrer:innen ist eine tolle Sache. Nur gibt es dafür leider keinen breiten politischen Willen.
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