«Planst du abzunehmen?»: Abnehmspritze bestimmt Brautkleidgrösse

«Planst du, drastisch abzunehmen?» Diese Frage gehört laut dem «Guardian» in einzelnen US-Brautmodegeschäften inzwischen zur Beratung. Hintergrund sind teils starke Gewichtsverluste im Zusammenhang mit GLP-1-Medikamenten wie Wegovy oder Ozempic. Verkaufsteams würden mittlerweile darauf geschult, mögliche Veränderungen frühzeitig und sensibel anzusprechen.
Daten der US-Hochzeitsplattform Zola zeigen, wie stark Hochzeit und GLP-1 bereits zusammenhängen. Von 11’500 befragten Paaren, die 2026 heiraten, nutzen 10 Prozent aktuell GLP‑1‑Medikamente. Von ihnen sagen 54 Prozent, die Hochzeit habe ihre Entscheidung mitbeeinflusst, für 21 Prozent war sie gar der alleinige Grund. Gleichzeitig geben 42 Prozent an, der leichtere Zugang zu Abnehmmedikamenten erhöhe den Druck, am Hochzeitstag auf eine bestimmte Weise auszusehen.
Wie stehst du generell zum Druck, an besonderen Tagen wie einer Hochzeit perfekt aussehen zu müssen?
Weddingplaner sehen mehr Druck
Dass dieser Druck auch in der Schweiz spürbar ist, bestätigen Sarah und Cheryl Gylam vom Weddingplanungsunternehmen Nations of Glam. Gerade bei der Gen Z sehen sie einen Widerspruch: «Diese Generation ist stark von Body Positivity und Individualität geprägt, gleichzeitig aber permanent mit perfekten Körpern und Selbstoptimierung auf Social Media konfrontiert.» Noch nie sei der Anspruch, am Hochzeitstag die beste Version seiner selbst zu sein, so sichtbar gewesen wie heute.
Einen flächendeckenden GLP-1-Trend beobachten sie aber nicht. Wenn das Thema bei Hochzeitspaaren aufkomme, werde darüber meist «sehr persönlich und diskret» gesprochen.
Das sagt ein Arzt zu GLP-1-Spritzen vor der Hochzeit
Dass der Wunsch nach Gewichtsverlust vor der Hochzeit vorhanden ist, heisst laut Prof. Dr. med. Philipp Gerber nicht, dass GLP-1-Medikamente dafür gedacht sind. Der leitende Arzt und stellvertretende Klinikdirektor der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung am Universitätsspital Zürich stellt gegenüber 20 Minuten klar: «GLP-1-basierte Medikamente sind verschreibungspflichtige Arzneimittel zur Behandlung chronischer Erkrankungen wie Adipositas und Typ-2-Diabetes.» Ihr Einsatz sei an klare medizinische Indikationen geknüpft und als langfristige, ärztlich begleitete Therapie vorgesehen.
Für einen schnellen Gewichtsverlust vor einer Hochzeit findet Gerber deutliche Worte: «Eine kurzfristige Anwendung aus rein ästhetischen Gründen – etwa zur schnellen Gewichtsreduktion vor einem Ereignis wie einer Hochzeit – entbehrt jeder medizinischen Grundlage und wird von uns als Universitätsspital strikt abgelehnt.» Ein solcher Gebrauch berge gesundheitliche Risiken und sei ärztlich nicht zu verantworten.
Ähnlich erlebt es Weddingplanerin Nicole Froelich von Nicole Please Weddings. Aussehen, Fitness und der Wunsch, sich am Hochzeitstag wohlzufühlen, seien schon immer Teil der Vorbereitungen gewesen. Verändert habe sich, dass heute offener über schnellen Gewichtsverlust und Möglichkeiten wie Ozempic oder Wegovy gesprochen werde. Einen deutlichen GLP-1-Effekt beobachtet sie bei ihren Bräuten aber bisher nicht.
Froelich findet wichtig, dass die Hochzeitsbranche keinen zusätzlichen Druck erzeugt. «Wir sollten nicht das Gefühl vermitteln, dass Abnehmen automatisch zur Vorbereitung auf eine Hochzeit dazugehört.» Eine Braut ungefragt auf möglichen Gewichtsverlust anzusprechen, käme für sie nicht infrage.
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In Zürich gibt es erste Fälle
Beim Brautmodegeschäft Liluca ist eine leichte Veränderung spürbar. Inhaber Louis Wehrle erinnert sich an drei Kundinnen, die wegen Abnehmspritzen davon ausgingen, bis zur Hochzeit deutlich abzunehmen, und deshalb ein Kleid in einer kleineren Grösse bestellen wollten.
«In den sieben Jahren, in denen ich nun Brautmode verkaufe, kann ich mich aus der Zeit davor lediglich an einen ähnlichen Fall erinnern», sagt Wehrle. Damals habe eine Braut aufgrund eines schönheitschirurgischen Eingriffs eine andere Konfektionsgrösse bestellt. Für Wehrle ist eine Zunahme erkennbar, auch wenn es Einzelfälle seien.
Über die Expertinnen und den Experten
Bei True Society lasse sich bisher kein spezifischer GLP-1-Trend feststellen, so Mediensprecherin Vanessa Ciliberto auf Anfrage von 20 Minuten. Das Brautmodeunternehmen frage Bräute weder nach der Einnahme bestimmter Medikamente noch nach den Gründen für Gewichtsveränderungen und erhebe dazu keine Daten. «Entscheidend für die Bestellung sind die aktuellen Masse der Braut.» Veränderungen bis zur Hochzeit seien nichts Ungewöhnliches, finale Anproben und allfällige Änderungen gehörten ohnehin zum Prozess.
«Viele Kundinnen erwähnen von sich aus, dass sie noch etwas abnehmen möchten»
Auch Liluca fragt nicht standardmässig nach geplanten Gewichtsverlusten. «Viele Kundinnen erwähnen aber von sich aus, dass sie bis zur Hochzeit noch abnehmen möchten», so Wehrle. Mitarbeitende seien angehalten, mögliche Veränderungen sensibel anzusprechen und zu erklären, weshalb die Information für die Schneiderinnen relevant sei. Beim Thema Figur sei Fingerspitzengefühl gefragt.
Ist eine grössere Gewichtsveränderung absehbar, sollte die Kleidsuche laut Weddingplanerin Nicole Froelich trotzdem nicht zu lange hinausgezögert werden. «Gerade Couture- oder Made-to-order-Kleider haben teils lange Produktionszeiten», warnt die Weddingplanerin. Sinnvoller sei es, erwartete Veränderungen früh mit der Boutique zu besprechen und genügend Zeit und Budget für allfällige Änderungen einzuplanen.
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Schneiderin sieht noch keinen «Ozempic-Effekt»
Modedesignerin Maria Gavel vom Nähatelier Gavel beobachtet keinen klaren Anstieg starker Gewichtsverluste bei ihren Kundinnen. Das Thema sei präsent. Aber: «In unserer täglichen Arbeit sehe ich bisher noch keinen ‹Ozempic-Effekt› bei Brautkleidern.»
Nach geplanten grösseren Gewichtsveränderungen fragt Gavel bei Brautkleidern schon länger. Neu sei diese Beratung durch GLP-1 nicht. Wichtige Anpassungen versuche sie möglichst spät vor der Hochzeit vorzunehmen, mit genügend Reserve für weitere Korrekturen. Denn starke Gewichtsveränderungen können für Änderungsschneidereien anspruchsvoll sein: «Fünf Kilo weniger sind nicht einfach eine Kleidergrösse weniger.» Je nach Person würden sich Taille, Brust, Hüfte oder Rücken unterschiedlich stark verändern – und sie bei aufwendigeren Modellen vor Herausforderungen stellen.
Vanessa Büchel (vab) arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Fashion-Redaktorin im Lifestyle-Ressort und schreibt über Trends und Styling-Tipps.
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